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Bis hier hin und nicht weiter

Umwelt. – Wenn Flüsse bei einem Hochwasser über ihre Ufer treten, helfen bislang meist nur noch künstliche Deiche aus mühsam gefüllten Sandsäcken. Doch diesen Wettlauf mit den Fluten verlieren die zahllosen Helfer trotz unermüdlichen Einsatzes nur allzu oft. Dabei mutet der Einsatz der sandgefüllten Jutesäcke gegen die Macht der Ströme im Zeitalter der Raumfahrt geradezu archaisch an. Doch zur herkömmlichen Sandsackmethode gibt es heute auch Alternativen, wie die derzeit in München stattfindende Fachmesse für den Hochwasserschutz "" zeigt.

Florian Hildebrand | 25.11.2003

Während des Elbehochwassers 2002 haben nach Angaben des Technischen Hilfswerks Nothelfer 33 Millionen Sandsäcke gefüllt und aufeinander gehäuft. Diese mühevolle Arbeit mit Sandsäcken ist auch in Zeiten ausgeklügelter technischer Hochwasserschutzsysteme offenbar unverzichtbar. Erich Pasche, Professor für Wasserbau an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, war trotzdem überrascht:

Das Ganze hat mich selbst auch überrascht. Schauen Sie: wir sind ein Staat, technisch hoch entwickelt und wir wenden im Katastrophenfall immer noch eine Technik an, die seit Tausenden von Jahren angewendet wird.

Niemand hatte in Sachsen mit einem Hochwasser diesen Ausmaßes gerechnet. Daher waren auch so gut wie keine Vorkehrungen getroffen worden. Dabei ist der mobile Hochwasserschutz, wie auf der "acqua alta" zu sehen ist, in seinen häufig überraschend einfach, wie Erich Pasche beschreibt:

Zum Beispiel Bockwände, die aus einem Dreibock bestehen, der in Kette aufgestellt wird, und eine Europalette, wie Sie sie kennen im Frachtbereich, wo man normalerweise Waren mit lagert und transportiert. So eine Europalette wird dann an die Bockwände aufgestellt, und so kann man über lange Strecken Wände in sehr schneller und kurzer Zeit aufstellen und hinterher sehr einfach entsorgen.

Diese Europaletten stehen in einem 45-Grad-Winkel an den Böcken und bilden so für das Hochwasser eine ein Meter hohe Abweisblende. Das Wasser drückt von außen an die Schräge und sorgt auf diese Weise selbst dafür, dass die Bockwände stehen bleiben. Der dreieckige Fuß kann zusammengeklappt und so in Massen gelagert werden. Aus den Sandsäcken ist eine andere Form von mobilem Hochwasserschutz entwickelt worden. Auf der "acqua alta" sind lange Plastikschläuche ausgestellt, die mit Kies, Wasser oder Erde gefüllt werden. Beim Rheinhochwasser 1998 haben sie sich aber nicht bewährt, da ist einer dieser Schläuche geplatzt. In der Schweiz haben Spezialisten in diesem Jahr verschiedene mobile Schutzsysteme verglichen:

Da waren vier solche Systeme vergleichend gegenüber gestellt. Es gibt richtige Schläuche, die werden einfach nur aufgepumpt, teils mit Luft, teils mit Wasser, und dann haben Sie unten ein Fußsystem, das dafür sorgt, dass der Wasserdruck die Fixierung herstellt. Einige haben sich sehr gut bewährt. Am besten hat dieses Bockwandsystem dabei abgeschnitten, weil es sehr gut durchdacht ist in den Arbeitsabläufen. Dass man es sehr schnell aufstellen kann, das ist ein wichtiger Faktor.

Bockwände werden wie alle vergleichbaren mobilen Systeme einfach aufgestellt, nicht aber mit dem Boden verankert. Das Wasser drängt an und wühlt den Boden auf. Damit der Druck nach unten nicht zu groß und die Erde nicht unterspült wird, sollten die Bockwände nur bis zu einen Meter hoch sein. Erich Pasche hat in Schweden auch 1,5 Meter hohe Bockwände gesehen, doch auf lehmigem Boden, der kein Wasser durchlässt.

Die Stadt Köln hat sich so etwas beschafft, sie möchte zwar auch den regulären Hochwasserschutz einsetzen, aber bis das alles geplant und ausgeführt ist, was mehrere Jahre dauert, möchte man schon eine Zwischenlösung haben und hat diese Bockwände beschafft. Andere Orte haben zum Teil das Quick-System, was mit Rohren und Schläuchen funktioniert, beschafft, und insofern gibt es schon eine ganz gute Verbreitung am Rhein.

Die Rheinanlieger haben in den neunziger Jahren aber auch mit diversen Hochwässern ihre Erfahrungen sammeln dürfen. Da ist einiges an Vorsorge in Gang gekommen. Anders als in Sachsen, wo es noch im letzten Jahr, vor dem 22. August natürlich, hieß: Hochwässer? Haben wir im Griff. Da hatte man aber nicht bedacht, dass die Elbe verschiedentlich so reguliert worden war, dass ihr normaler Pegel jetzt 90 Zentimeter höher liegt als früher. Wasserbauer Erich Pasche sieht auf der "acqua alta", dass die Hochwasserereignisse der letzten Jahre den Markt für mobile Schutzsysteme offen-sichtlich enorm belebt hat:

Es kommen viele Ideen auf, es ist eine sehr schnelle Entwicklung, vor allem die Schlauchsysteme scheinen mir interessant zu sein, weil es ja auch ein sehr gutes Prinzip ist. Und man hat dann einen Schutz, der bis zwei Meter reicht, wenn der Untergrund das hergibt. Und solche Schlauchsysteme setzt man ja heute schon im Flussbau ein, für Wehre, die mit Gummischläuchen heute teils schon betrieben werden, damit hat man nicht das Korrosionsproblem.