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StartseiteDie neue PlatteTränen der Lyra09.06.2019

Bittersüßer KlangzauberTränen der Lyra

John Dowland steht wie kein Anderer für die 'Melancholie', wie sie im elisabethanischen England kunstvoll gepflegt wurde. Seine Sammlung "Seven Tears" wurde vielfach bearbeitet. In der Interpretation von Sokratis Sinopoulos und L'Achéron erfährt diese Musik ganz neue Dimensionen.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk

Der Lyra-Spieler Sokratis Sinopoulos (Mitte) und das Gambenconsort L'Achéron, in schwarzer Konzertkleidung mit ihren Instrumenten, sie stehen im Halbkreis in einem Raum gekalkten Raum (JB MILLOT)
Der griechische Lyra-Spieler Sokratis Sinopoulos und das französische Gambenconsort L'Achéron zelebrieren auf ihrer gemeinsamen CD "Melancholie" auf kunstvolle Weise (JB MILLOT)

"Lachrimae or Seven Teares", so heißt eine berühmte Instrumental-Sammlung von sieben Pavanen und diversen Tänzen von John Dowland, die 1604 veröffentlicht wurde. Schon seit den Lebzeiten des elisabethanischen Lautenisten haben sich Komponisten auf diese Stücke bezogen, die bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben.

Jetzt hat der griechische Lyra-Spieler Sokratis Sinopoulos zusammen mit dem französischen Gambenconsort L'Achéron unter der Leitung seines Gründers Franҫois Joubert-Caillet beim Label Fuga Libera eine CD unter dem Titel "Lachrimae Lyrae" herausgebracht, "Tränen des Exils" nach Dowlands "Lachrimae or Seven Teares". Die originalen Kompositionen von Dowland wurden dabei mit Improvisationen verbunden, die auch in der griechischen Volksmusik eine große Bedeutung haben.

Musik: John Dowland, Lachrimae Coactae

Die nahezu zeitlose Musik von John Dowland ist eigentlich nie in Vergessenheit geraten, doch nicht zuletzt durch die Beschäftigung der Pop Ikone Sting mit diesem Genre erhielt sie auch in der Unterhaltungsmusik unserer Zeit Einzug.
Dowland steht dabei vor allem für eine bestimmte Art von Melancholie, wie sie in der elisabethanischen Ära geradezu in Mode war. Hatte die "Melancholia" zunächst als Krankheit gegolten, war sie dann gegen Ende des Mittelalters zu einem Gemütszustand, zu einem "Gefühl" geworden, zu dem auch der "Liebeskummer" zählt.

Tränen musikalisch dargestellt

Dowlands Sammlung der "Sieben Tränen" wurde für ein fünf-stimmiges Violen Consort und eine Laute konzipiert. Die Lautenstimme wurde in dieser Aufnahme von Sokratis Sinopoulos und seiner griechischen Lyra gespielt, ungewöhnlich, dass Dowland die vielen Verzierungen hier ausgeschrieben hat, so als wären die Tränen unaufhaltsam.

Zugrunde liegt das Lied "Flow my tears", "Fließet meine Tränen" mit einem einprägsamen Motiv von 4 absteigenden Tönen, ein Symbol für die herabfallenden Tränen, das zu einem wahren Ohrwurm wird. Es ist das berühmteste Lied von Dowland und existierte zunächst nur als Instrumentalstück. Dieses Thema wird dann in 7 Pavanen Dissonanzen reich variiert, von der Melancholie aus Liebe, bis zu den frommen Tränen einer mystischen Erleuchtung.
Die Pavane ist ein gravitätischer Schreittanz, für den auch die englische Königin Elisabeth I. ein Faible hatte. Er wurde mit der Zeit als Kunstform immer mehr stilisiert und zugleich mit Trauermusik in Verbindung gebracht.

Musik: John Dowland, Lachrimae Gementes

Melancholie als modisches Accessoire

Zu Dowlands Instrumentalstück kam später noch der Text dazu, der von einer einfachen, kraftvollen Bildsprache geprägt ist und mit einem Aufruf zu "trauern" und zu "weinen" beginnt. Das Lied richtete sich aber nicht wirklich an trauernde Menschen, die einen Verlust erlitten haben, sondern eher an ein höfisches Publikum, für das solch ein Ausdruck eine modische Komponente hatte.
Bei Dowland selbst kam vielleicht auch noch Fernweh hinzu, war er doch zur Zeit der Komposition nach Dänemark emigriert, womit wieder ein Stück auch heutiger Realität thematisiert ist. Erst 1612 erhielt er seinen heiß ersehnten Posten als "Musician for the lute" am königlichen Hof.
Die Lachrimae Pavanen bieten viel Raum, sich auf diese melancholischen Gefühle einzulassen.

Musik: John Dowland, Lachrimae Gementes

Kleines antikes Instrument virtuos gespielt

Vielleicht mag die griechische Lyra für unsere Ohren ein wenig nasal klingen, aber es ist erstaunlich, was Sokratis Sinopoulos aus diesem kleinen, mit nur drei bis 4 Saiten bespannten Instrument alles herausholt. Diese Virtuosität hat er bei Ross Daly erlernt, der zwar aus Irland stammt und in Kanada und den USA aufwuchs, sich aber dann für die kretische Lyra interessierte und es auf diesem Instrument zu einer wahren Meisterschaft brachte.

Auch Sinopoulos hat, wie Daly, zunächst ein klassisches Musikstudium absolviert ehe er sich der griechischen Lyra zuwandte. Er arbeitet mit vielen Musikern weltweit zusammen, in den Bereichen, Klassik, Jazz und mediterranen Volksmusiktraditionen. Inzwischen hat Sinopoulos auch ein eigenes Quartett mit Klavier, Bass und Perkussion unter seinem Namen gegründet, bei dem viel Wert auf Improvisation gelegt wird und bei dem sich die Musiker nicht auf einen bestimmten, genormten Musikstil festlegen wollen.

Von der Tonhöhe her liegt die Lyra in dieser Aufnahme meist über den Violen, der Klang mischt sehr gut, es entstehen sowohl interessante Reibungen, als auch Verschmelzungen. Es ist zwar herauszuhören, dass hier verschiedene Kulturen aufeinander treffen, aber sie inspirieren sich gegenseitig und verschmelzen zu einem Zusammenklang, der exotisch und vertraut zugleich ist. Dazu trägt auch der ausgewogene, intime Raumklang bei, der nichts Artifizielles hat und in keiner Weise aufgepeppt wirkt.

Homogener Gambenklang nach englischem Vorbild

Selten ist ein Gambenconsort zu hören, das so zart und kraftvoll zugleich spielt, so nuanciert mit dem solistischen Instrument verschmilzt, so kenntnisreich diese Musik zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu interpretieren vermag.
Das Ensemble L'Achéron ist in Nancy beheimatet und wurde vor zehn Jahren von Franҫois Joubert-Caillet gegründet. Die Kernbesetzung von L'Achéron sind fünf Gamben, zusammengestellt nach Art eines englischen Gambenconsorts mit nach Originalen gebauten Instrumenten. Die neueste CD in dieser Zusammensetzung ist Trio-Sonaten von Philipp Heinrich Erlebach gewidmet.

In diesem Ensemble sind Musikerinnen und Musiker verschiedener Herkunft vereint, die an den entsprechenden Hochschulen in Basel, Paris, Lyon, Brüssel, oder Den Haag Alte Musik studiert haben, sich aber auch noch anderen Künsten widmen.
Und so wie der Fluss Acheron aus der griechischen Mythologie an der Grenze zur Unterwelt, will das Ensemble "einen Weg zwischen zwei scheinbar gegensätzlichen Welten öffnen: zwischen den Lebenden und den Toten, der Vergangenheit und der Gegenwart, dem Ideal und der Realität."

MUSIK: Sokratis Sinopoulos, Sulafat (Ausschnitt); John Dowland, Sir John Souch his Gailliard

Zugegeben, der erste Teil des Dowland Programms von Sokratis Sinopoulos und dem Ensemble L'Achéron ist jetzt vielleicht nicht unbedingt etwas für einen verregneten Novembertag. Aber den Musikerinnen und Musikern ging es ja darum, "gemeinsam ein transversales, nicht an Staaten gebundenes Bild der Melancholie zu entwerfen und dazu als Kontrapunkt mit Improvisationen und zeitlosen anglo-byzantinischen Tänzen die Hoffnung auf und die Freude über eine strahlende Zukunft auszudrücken."

Von Melancholie zur fröhlichen Hoffnung auf die Zukunft

Und so geht nach den 7 Pavanen nach "Flow my tears" musikalisch plötzlich die Sonne auf. Mit fröhlichen Gaillarden wandelt sich die Stimmung zu einem neuen Klangkaleidoskop, indem auch vermehrt mediterrane Melodien einen Platz haben. Die Improvisationen, die nach den fünf Hauptsternen der "Leier"/"Lyra" benannt wurden, einem der markantesten Sommersternbilder, fügen sich auch hier grenzenlos ein.

Den Abschluss bildet das bekannte Stück "Semper Dowland semper Dolens" mit dem sich der "immer leidende" Komponist, über den nicht viel Biographisches bekannt ist, selbst ein Denkmal gesetzt hat.

Die ganze Produktion ist von großer Ernsthaftigkeit geprägt, von einem Respekt gegenüber den verschiedenen kulturellen Stilrichtungen, einem immensen Klangspektrum und von einer Fülle an Ideen und Kunstfertigkeiten, die sie so einzigartig macht. Man spürt den Teamgeist und die Spiritualität der Musikerinnen und Musiker, und wer sich entführen lässt auf diese Reise durch die Zeiten und die Stile, der wird nicht enttäuscht werden.

Musik:  Sokratis Sinopoulos, Aladfar; John Dowland, The King of Denmark Galliard

Sokratis Sinopoulos - Lacrimae Lyrae
Tears of Exile nach "Lachrimae or Seven Teares" von John Dowland
Sokratis Sinopoulos, griechische Lyra; L'Achéron, Ltg. Franҫois Joubert-Caillet
Fuga Libera / Outhere

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