Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 04:05 Uhr Die neue Platte XL
StartseiteCorsoMit Minderheiten-Pop auf Erfolgstour14.09.2018

Black Biceps aus LitauenMit Minderheiten-Pop auf Erfolgstour

Mit Parodien und Parolen: Die litauische Pop-Gruppe Black Biceps will in ihrer Heimat Klischees über die polnische Minderheit im Land abbauen. Dabei scheut sie sich nicht vor bissiger Selbstironie. Ihre Musikclips gehören zu den an meisten geklickten Videos im Netz.

Von Markus Nowak

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Flagge Litauen (picture-alliance / dpa / Heikki Saukkomaa / Lehtikuva Oy)
Gelb, grün, rot - für ein buntes Litauen wirbt die Pop-Gruppe Black Biceps (picture-alliance / dpa / Heikki Saukkomaa / Lehtikuva Oy)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Die PiS und das Pol'and'Rock-Festival Symbol für ein anderes Polen

The Rolling Stones in Warschau Jagger rockt Justizreform

Musikwissenschaftler Jakob Schermann "Black Metal als Abbild des Ästhetisch-Bösen"

Polnische Musiker beim Pop-Kultur Festival Zwischen Polit-Protest und Poesie

Spritziger Ska, Skinny Jeans und locker-witzige, bilinguale Texte. Musikensembles nationaler Minderheiten müssen nicht immer Traditionalisten mit bunten Trachten und folkloristischen Klängen sein. Stattdessen jung, hip und offen für neue kulturelle und musikalische Einflüsse - wie die siebenköpfige Gruppe Black Biceps aus Litauen. Entstanden 2013 in der Kleinstadt Nemenčinė in Nähe der litauischen Hauptstadt Vilnius. Sechs von zehn Einwohnern sind ethnische Polen, da die Region vor dem Krieg zu Polen gehörte. Zur polnischen Minderheit gehört auch der 22-jährige Frontmann Witalij Walentynowicz:

"Als Band sagen wir ganz offen, dass wir Polen sind. Wir kommen von hier und uns geht es hier gut. Ich habe aber schon so viele Lieder auf Litauisch geschrieben, da fällt es mir leichter auf Litauisch zu texten. Bei uns in der Stadt wird nicht wirklich Litauisch gesprochen, sondern Polnisch oder unser hiesiger Dialekt. Aber sonst im Alltag an der Uni sind wir umgeben von Litauisch."

Waren es anfangs noch Coversongs, sind es heute eigene Kompositionen mit Elementen aus Rock, Reggea, Ska - und Pop und als Instrumente kommen Gitarre, Akkordeon, Trompete und Schlagzeug zum Einsatz. Mal geht es in den Texten um den Alltag in Litauen, mal um die Liebe - jedoch immer mit viel Augenzwinkern. Wie schon beim Bandnamen Black Biceps.

"Unser Name ist unser Los. Bei einer Probe gleich zu Anfang stellten wir eine Kamera hin, um unsere Lieder später ins Netz zu stellen. Und dann hieß es, ich soll einen Bandnamen sagen. Mir ist nur auf Russisch was eingefallen: Tschorny Biceps  - und alle haben gelacht. So ist es geblieben, wir haben es dann nur auf Englisch übersetzt."

Black Biceps mag es satirisch

Mit viel Humor hat die Gruppe im letzten Jahr einen kleinen Coup gelandet. Während allerorten aus den Radios Luis Fonsi und Daddy Yankee zu hören waren und ihr Sommerhit "Despacito" mit über 5 Milliarden Klicks zum erfolgreichsten Clip der YouTube-Geschichte wurde, machte die Gruppe daraus eine gelungene Parodie. In "Deposito" ging es um das gerade in Litauen eingeführte Dosenpfand.

"Ich habe spontan einen Text geschrieben, Edgar dazu die Akkordeonbegleitung. Das war wohl die erste Despacito-Version mit Akkordeon und die erste, in der es nicht nur sexuell zuging. Es war bereits zur Zeit der Welle, als das Original einfach zu oft im Radio lief und alle gestöhnt haben. Es passte einfach."

Bei aller Satire ging es in dem Lied auch um das für Litauen so ernsthafte Thema der Emigration. Rund fünf Millionen Klicks kassierte Black Biceps - in einem Land mit nicht einmal drei Millionen Einwohnern war es der bisher erfolgreiche litauische Song auf YouTube. Seitdem spielen sie in diesem Sommer fast jedes Wochenende irgendwo in der Baltenrepublik und bauen zugleich die Vorurteile ab, die gegenüber der 200.000-Polen starken Minderheit in Litauen bestehen.

Der Song "Polenaks" soll polarisieren

Mit dem Lied "Polenkas" betrat die Band recht dünnes politisches Eis. Polenkas ist eine Wortschöpfung aus Polen und Lenkas, dem litauischen Wort für Polen. Und im Song lehnen die Musiker politische Forderungen der polnischen Minderheit ab, etwa die Schreibweise von Namen in  litauischen Pässen zu polonisieren. Natürlich wird in dem Video die eigene Volksgruppe auf die Schippe genommen, was einerseits manch litauischer Pole falsch verstand, andererseits bei der litauischen Bevölkerung gut ankam. "Wir singen halt das, was wir denken", sagt Walentyn Walentynowicz und fängt am Ende des Interviews an zu jammen … vielleicht entsteht so wieder ein neuer Song.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk