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StartseiteSprechstundeBlasenschwäche03.06.2003

Blasenschwäche

Neue Behandlungsmethode entwickelt

<strong>Rund fünf Millionen Frauen in Deutschland leiden an Blasenschwäche oder Harninkontinenz. Für viele nach wie vor ein Tabuthema. Ärzte an der Freien Universität Berlin und der Universitätsklinik Göttingen haben jetzt eine neue Inkontinenz-Behandlung entwickelt. Hier wird eine herkömmliche Bewegungstherapie kombiniert mit Übungen auf einem Trainingsgerät aus der Sportmedizin. Galileo 2000 heißt das Gerät. In ersten Studien haben die Ärzte das Behandlungsverfahren bereits erfolgreich getestet.</strong>

Elke Drewes

Ich hatte Beschwerden seit meinem 12 Lebensjahr. Ich war im Alltag stark eingeschränkt, es musste immer eine Toilette in erreichbarer Nähe sein. Das fing beim Einkaufen an und an der Uni im Seminar musste ich 2, 3 mal rausdüsen, ich konnte nicht sitzen und zuhören.

Ulrike Schwartau litt seit mehr als 20 Jahre an Blasenschwäche. Nichts hatte bisher geholfen. Überhaupt wirken herkömmliche Therapien wie Krankengymnastik oder Operationen am Blasenschließmuskel nur etwa einem Drittel der betroffenen Frauen. Durch einen Zeitungsartikel erfuhr die 35 Jährige von der Studie über Harninkontinez an der Universitätsklinik Göttingen und meldete sich dort an. Im Mittelpunkt der neuen Therapie steht das Trainingsgerät Galileo 2000. Es sieht aus wie eine große Waage und besteht aus einer Platte, die schnell vibriert.

Für das Training stellt sich die Frau mit leicht angewinkelten Knien auf das Gerät und lässt die Schwingungen über Füße und Beine bis ins Becken und in den Rücken ziehen.

Am Anfang war das gewöhnungsbedürftig und anstrengend, die Vibrationen abzufangen. (94) Aber schon nach dem 2. Mal machte es Spaß, war nicht so mühevoll wie andere Therapien, wo man sich überwinden muss, hinzugehen.

Bisher wurde das Trainingsgerät vorwiegend von Leistungssportlern genutzt, um Beine und Rückenmuskeln zu stärken, und von Osteoporose-Patienten, um die gesamte Körpermuskulatur aufzubauen. In der Studie ist Galileo 2000 erstmals eingesetzt worden, um auch die Beckenbodenmuskeln zu trainieren, damit sie die Harnröhre schließen. Frauenarzt Volker Viereck von der Göttinger Uniklinik hat die Studie geleitet.

Wir hatten versucht, die Muskeln des Beckenbodens gezielt zu erreichen. Das führt zu einer enormen Muskelstimulation, weil es nicht willkürlich mit dem Bewusstsein zur Anspannung der Beckenbodenmuskulatur kommt, sondern reaktiv durch Reflexe also auf unbewusste Weise, es zum Beckenbodentraining kommt.

Wir empfehlen eine Therapie von etwa 8 Wochen, 2 mal die Woche eine Kombination aus Physiotherapie und Galileotraining.

Das 10 minütige Training auf dem Galileo wird kombiniert mit gezielter Physiotherapie. Diese Kombination hat sich bewährt. Getestet wurden etwa 90 Frauen, die wegen einer Muskel- oder Bindegewebsschwäche an Harninkontinenz leiden – die also etwa beim Husten, Laufen, Springen oder Heben Harn verlieren. 8 von 10 Frauen waren nach dem Training geheilt - ein Training bei dem sich die Beckenbodenmuskeln automatisch anspannen, also unbewußt, angeregt allein durch die Schwingungen des Gerätes. Außerdem geht Physiotherapeutin Silke von der Heide den Ursachen der Harninkontinenz auf den Grund und probt ganze Bewegungsabläufe mit den Frauen.

Man muss genau erfragen, wann das Problem auftritt, dann guckt man sich an und danach richtet sich die Behandlung: wenn Frau kommt und sagt, sie hat Probleme beim Gehen, dann behandele ich auch im Gehen, wenn sie Probleme hat beim Springen, dann arbeite ich am Springen mit ihr.

An die Physiotherapie schließt sich das zehnminütige Training auf dem Galileo 2000 an.

Man muss keine Fitness mitbringen. Im Gegenteil: man kann mit Leistungsdefiziten kommen und Patienten aufbauen. Man kann gezielt die Muskulatur bearbeiten, weil durch die Muskelkontraktion die Leistungsfähigkeit der Muskulatur heraufgesetzt wird, z.B. das Gehen eine andere Qualität hat, sicherer wird und schwungvoller.

Das Training auf dem Galileo stärkt alle Muskeln, auch die Beckenbodenmuskeln quasi wie von selbst. Auch bei Ulrike Schwartau hatte die Therapie Erfolg, sie kann sich wieder sicher durch den Alltag bewegen.

Das war ein neues Leben. Ich hatte nicht mehr Bedürfnis, ständig auf die Toilette zu laufen, man hält längere Zeit durch bis man zur Toilette gehen muss.

Übrigens hilft das Training auch Männern, die wegen einer Muskelschwäche inkontinent sind. Es ist geplant, das Galileo 2000 Training in den Heilmittelkatalog der Physiotherapeuten aufzunehmen. Erst dann zahlen die Krankenkassen. Sie übernehmen bisher nur die Kosten der Physiotherapie. Zur Zeit bietet allein die Universitätsklinik Göttingen die neue Kombinationstherapie an. Ab Ende des Jahres werden dann Rehazentren und Physiotherapiepraxen in ganz Deutschland die Inkontinenztherapie übernehmen.

Nähere Informationen zur Behandlung bei Harninkontinenz gibt die Uniklinik Göttingen unter der Service Nummer: 0551 für Göttingen und 39-2771 Außerdem über Faxabruf: 0551-39-14983

Beitrag als Real-Audio

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