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StartseiteForschung aktuellBlick zurück in die Zukunft27.04.2007

Blick zurück in die Zukunft

Enormer Treibhausgasausstoß brachte die Erde vor 55 Millionen Jahren ins Schwitzen

Paläoklimatologie. - Vor 55 Millionen Jahren überrollte ein Supertreibhauseffekt die Erde, trieb die globalen Durchschnittstemperaturen auf tropische Werte. Anscheinend ist ein geologisches Großereignis dafür verantwortlich zu machen: Neue Datierungen in der aktuellen "Science" zeigen, dass die Klimakatastrophe zeitgleich mit einem immensen Vulkanausbruch war, der die Trennung von Grönland und Europa begleitete.

Von Dagmar Röhrlich

Die katastrophale Explosion des Vulkans Mount St. Helens war nichts im Vergleich zur Situation vor 55 Millionen Jahren. (USGS)
Die katastrophale Explosion des Vulkans Mount St. Helens war nichts im Vergleich zur Situation vor 55 Millionen Jahren. (USGS)

Die Erde vor mehr als 55 Millionen Jahren. In Grönland und in Patagonien gediehen subtropische Pflanzen. Nirgends gab es Eis. Es war warm, eine Welt im Überfluss. Dann passierte etwas: Die globale Durchschnittstemperatur schnellte um fünf oder sechs Grad Celsius hinauf. Ein galoppierender Treibhauseffekt heizte der Welt ein:

"”Der Effekt war dramatisch. Der Wandel vollzog sich innerhalb von nur 10.000 Jahren, geologisch gesehen ist das noch nicht einmal ein Wimpernschlag. Plötzlich herrschten am Nordpol tropische Temperaturen. Das Wasser war 24, 25 Grad warm. Tropische Algen gediehen dort. Mehr als 200.000 Jahre dauerte die Hitzeperiode. Die Frage war, was den Klimawandel auslöste. Wir konnten nun nachweisen, dass die Öffnung des Nord-Ostatlantiks dafür verantwortlich ist.""

Michael Storey von der Roskilde Universität in Dänemark. Bislang hat der Mensch Glück gehabt: Er hat die Erde noch nie von ihrer gewalttätigen Seite erlebt: Sei es die Explosion des Mount St. Helens oder die des Krakatau - sie sind, geologisch gesehen, nicht der Rede wert. Zwar kühlten sie ein paar Jahre lang das Klima ab und sorgten für wunderbare Sonnenuntergänge - mehr aber nicht. Solche Eruptionen sind nichts im Vergleich zu einem Flutbasaltausbruch, wenn Lava halbe Kontinente unter sich begräbt. Genau das ist vor 55 Millionen Jahren geschehen. Storey:

"Bei der Trennung von Grönland und Europa, durch die der Nord-Ost-Atlantik entstand, flossen viele Millionen Kubikkilometer Lava aus, die heute noch auf Grönland, den Färöer-Inseln und Schottland kilometermächtige Basaltdecken aufbauen. Unsere Theorie ist folgende. Der galoppierende Treibhauseffekt entstand, weil etwa die Hälfte des Magmas nicht an die Oberfläche gelangte, sondern unterirdisch stecken blieb. Und zwar in Schichten, aus denen wir heute in der Nordsee und vor der Westküste Norwegens Erdöl und Erdgas fördern. Diese Sedimente sind also besonders reich an organischer Substanz. Und das ist der Trick: Das Magma hat diese Schichten regelrecht gebacken und dabei Methan und Kohlendioxid ausgetrieben."

Sie gelangten in die Atmosphäre und entfalteten da ihre Wirkung. Selbst noch in der Arktis schnellte die Temperatur hinauf - um sechs Grad, mindestens. Storey:

"”Bei keinem anderen Ereignis der vergangenen 100 Millionen Jahren wurden ähnlich viele Treibhausgase freigesetzt. Wir haben den Kohlenstoff in den Meeressedimenten analysiert, um seinen Ursprung zu finden. Der Fingerabdruck dieses Kohlenstoffs verrät eindeutig, dass er biologischen Ursprungs ist. Das stützt unsere Theorie vom vulkanischen Backen kohlenstoffreicher Sedimente.""

Das Kohlendioxid fachte nicht nur den Treibhauseffekt an, erklärt Michael Storey, es attackierte auch die Meeresbewohner:

"So verschwanden in der Tiefsee mehr als die Hälfte aller Organismen, die Kalkschalen besitzen. Durch den gewaltigen Ausstoß an Kohlendioxid wurden die Meere zunehmend sauer - und unter diesen Bedingungen konnten die Organismen keine Kalkschalen mehr aufbauen. Sie starben aus. Eine solche Versauerung der Meere beobachten wir aber derzeit auch durch den menschengemachten Kohlendioxidausstoß."

Diese Parallele zwischen dem Geschehen vor 55 Millionen Jahren und dem, was wir derzeit auslösen, alarmiert die Geologen. Storey:

"Es ist ja kein Klimamodell, das auf einem Supercomputer läuft, sondern es war die Realität. Die Natur zeigt uns, was passiert, wenn große Mengen an Treibhausgasen schnell in die Atmosphäre gelangen. Noch beunruhigender ist, dass wir derzeit mehr Kohlendioxid in die Luft pumpen, als der Supervulkanausbruch damals. Wir sollten uns also dieses Ereignis genau anschauen, denn wir können viel aus dem Geschehen von damals lernen."

Um zu verhindern, was noch zu verhindern ist.

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