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StartseiteHintergrundBlick zurück - und in die Zukunft25.07.2006

Blick zurück - und in die Zukunft

Seit 50 Jahren wird über das Für und Wider der Nutzung von Atomenenergie debattiert - und ist sich bis heute uneinig

Ab 1955 durfte endlich auch in Deutschland auf dem Gebiet der Kernkraft geforscht werden. Kurz drauf wurde der CSU-Politiker Franz-Josef Strauß zum ersten deutschen Atomminister ernannt. Die lange Debatte um den Nutzen eines Atomprogramms begann. Während der Wirtschaftskrise in den 60er Jahren konnten sich die Befürworter schließlich durchsetzen. Doch mit der Katastrophe von Tschernobyl wuchs der Protest. Nachdem der Ausstieg aus der Atomenergie bereits beschlossen schien, zeichnet sich nun ein möglicher "Ausstieg vom Ausstieg" ab. Und die Debatte geht weiter.

Von Jasper Barenberg

Das Kernkraftwerk Biblis - das größte Atomkraftwerk der Welt. (AP)
Das Kernkraftwerk Biblis - das größte Atomkraftwerk der Welt. (AP)
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"”There it comes! We can see the cloud going up now - bright first, then dark.”"

1953: Im US-Bundesstaat Nevada beschreibt ein Reporter einen Atombombentest:

"”And now there it is - a beautiful, incredible violet-purple! Rising up over the desert floor, lighting everything up. There comes the soundwave!”"

Als hätte es Hiroshima nie gegeben, schwärmt der Reporter von der Kilometer hoch in den Nachthimmel steigenden Wolke und davon, wie sie den Wüstensand von Nevada in helles Licht taucht.

In seiner Begeisterung ist dieser Mann beileibe nicht allein: Nach dem Zweiten Weltkrieg erhebt die ganze Welt das Atom zum Wahrzeichen eines neuen Zeitalters. Der Fantasie über die Segnungen der neuen Energieform sind kaum Grenzen gesetzt: Man träumt von Meerwasserentsalzung und Wüstenbewässerung. Der Einsatz von Atomreaktoren wird nicht nur für Flugzeuge, Lokomotiven und Schiffe in Aussicht gestellt, sondern selbst für Autos und für Klimaanlagen in Wohnhäusern.

An Enthusiasten mangelt es auch in Deutschland nicht. Und doch beginnt das Atomzeitalter in der Bundesrepublik mit Verspätung: Erst als die Alliierten im Mai 1955 die volle Souveränität gewähren, darf der westdeutsche Staat auf dem Gebiet der Kernkraft forschen. Nur einige Monate später beruft Bundeskanzler Konrad Adenauer den 40-jährigen CSU-Politiker Franz Josef Strauß zum Minister für Atomfragen:

"Ohne Zweifel hat das Ausland einen langjährigen Vorsprung auf dem Gebiet der Atomforschung und der Atomausnutzung vor der Bundesrepublik Deutschland. Aber sowohl in den angelsächsischen Staaten wie in der Sowjetunion ist dort seit Jahren - jedenfalls in der Anfangszeit - die Atomforschung und Atomnutzung unter militärischen Vorzeichen gestanden, um Atomwaffen herzustellen. Dieses Gebiet, der Herstellung von Atomwaffen, fällt für uns im vollen Umfange aus! Ich möchte jedenfalls am Anfang nur einen Arbeitsstab aufstellen, mit diesem Arbeitsstab dann die Atomkommission ins Leben rufen, um dann erst den weiteren organisatorischen Ausbau vorzunehmen."

Beraten lässt sich Strauß auch von Physikern, an ihrer Spitze Werner Heisenberg. Der Nobelpreisträger drängt darauf, den in den Nachkriegsjahren entstandenen Rückstand mit doppelter Anstrengung wettzumachen. Zugleich sucht er überzogene Erwartungen zu dämpfen.

In der Tat befindet sich die Kernforschung zu diesem Zeitpunkt noch in einer Phase der Spekulation. Aus Uran Strom zu gewinnen ist zwar technisch machbar. Ob das Verfahren aber auch wirtschaftlich sein würde, steht einstweilen noch in den Sternen. Heisenberg jedenfalls hält den Aspekt der Energiegewinnung einstweilen für unbedeutend.

Entsprechend zurückhaltend fällt das erste Atomprogramm der Bundesregierung aus. Minister Strauß präsentiert es im Sommer 1956. Es sieht vor, zunächst Forschungsprojekte zu finanzieren und Fachkräfte auszubilden, und erst im Anschluss daran mit dem Bau von Versuchsreaktoren zu beginnen. Von einem sofortigen Bau von Kraftwerken will der Atomminister nichts wissen - zu viele technische und wirtschaftliche Fragen erscheinen ihm noch ungeklärt. Franz Etzel dagegen, sein Kollege im Finanzministerium, skizziert eine rosige Zukunft.

"Wir kommen dabei zu dem Ergebnis, dass man etwa in der Zeit, in der man in größerem Maße Atomenergie haben wird - das wird etwa 1963 sein - die Kilowattstunde Strom zwischen 4,8 bis 5,6 Pfennig auf atomarer Basis wird produzieren können. Im Vergleich dazu wird die Kilowattstunde klassisch in der gleichen Zeit 4,4 bis 4,8 Pfennig betragen."

Kalkulationen dieser Art erweisen sich schnell als völlig haltlos. 1957 geht in den USA das Kernkraftwerk Shippingport in Betrieb. Die Kilowattstunde Strom schlägt dort mit 22 Pfennig zu Buche - zehnmal mehr als der Strom aus einem Kohlekraftwerk. Eine Ernüchterung und Wasser auf die Mühlen der größten Skeptiker des Atomstroms.

Und das sind in Deutschland zu dieser Zeit die Vertreter der Energiewirtschaft selber - allen voran die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke, RWE: Der Konzern setzt auf billige und staatlich geförderte Braunkohle, und argwöhnt, dass man Atomkraftwerke selber bezahlen und auch das Betriebsrisiko zu tragen hätte. Zu Recht.

Statt aber die eigene Kohlewirtschaft zu stützen, bleibt die Regierung in Bonn auf die Atomkraft fixiert. Und zwar aus anderen als energiewirtschaftlichen Gründen. Nicht umsonst war Atomminister Franz Josef Strauß nach gerade einem Jahr im Amt in das Verteidigungsministerium gewechselt.

"Herr Präsident, meine Damen und Herren: Die rote Armee besitzt eine erhebliche Überlegenheit an konventionellen Waffen. Sie verfügt über Atomkampfmittel aller Art. Wird den Verteidigungsstreitkräften in Europa eine mindestens gleichwertige Ausrüstung und Bewaffnung verweigert, so bedeutet das geradezu einen Anreiz zur Aggression!"

Im Bonner Bundestag macht Strauß kein Geheimnis daraus, dass er die Bundesrepublik mit taktischen Atomwaffen ausrüsten will. Dagegen protestieren 19 namhafte Wissenschaftler. Ihre Bedenken aber wischt Bundeskanzler Adenauer vom Tisch:

"Wenn die Herren aber sagen, dass nach ihrer Auffassung ein kleines Land wie die Bundesrepublik, heute noch am besten sich schützen und dem Weltfrieden dienen könnte, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet, dann muss ich sagen, meine verehrte Versammlung, dass eine solche Erklärung mit den physikalischen wissenschaftlichen Erkenntnissen nichts zu tun hat!"

Konrad Adenauer, 1949 (AP)Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer setzte sich ganz klar für den Aufbau einer Atomindustrie in Deutschland ein. (AP)Es folgt eine erregte Debatte um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Adenauer zieht den Kopf aus der Schlinge, indem er seine Ambitionen am Ende schlicht abstreitet. An dem Ziel einer umfassenden Atomindustrie aber hält er fest, aus Sorge, einen weltweiten Trend zu verpassen, als ein Aspekt seiner Europapolitik, als Wissenschaftspolitik. Vor allem aber: in dem Willen, eine als zivil deklarierte Entwicklung für militärische Optionen zumindest offen zu halten, so der Bielefelder Historiker Joachim Radkau.

"Was Adenauer anbelangte, kann man davon ausgehen, dass für ihn der Blick auf die Bombe zentral war: Ein im vollen Sinne souveräner Staat braucht die neuesten Waffen - er braucht zumindest Mitspracherecht bei dem Einsatz der neuesten Waffen. Und ein nukleares Mitspracherecht kann die Bundesrepublik nur dadurch erlangen, dass sie selber zumindest die Möglichkeit hat, Atomwaffen herzustellen oder zumindest beteiligt ist, an der Herstellung von Atomwaffen."

Neuen Schwung erhält die Bonner Atompolitik allerdings erst Jahre später. 1965 übernimmt Gerhard Stoltenberg das nunmehr zuständige Forschungsministerium. Dem CDU-Politiker aus Schleswig-Holstein wird die nötige Durchsetzungsfähigkeit nachgesagt - vor allem gegenüber der widerspenstigen Energiewirtschaft. Als hilfreich erweist sich der Schock der aufziehenden Wirtschaftskrise.

Zu Pass kommt Stoltenberg auch, dass sich Mitte der Jahre der kommerzielle Durchbruch der Kernkraftwerke in den USA abzuzeichnen beginnt. Vor diesem Hintergrund trotzt er seinem Kollegen im Finanzministerium die Bundesfinanzierung von drei neuen Versuchsreaktoren ab. Und kann bei einem Besuch im Kraftwerk Obrigheim 1968 Vollzug melden.

"Mit dem Bau der drei Demonstrationskraftwerke Grundremmingen, Obrigheim und Lingen - die entweder schon in Betrieb sind, wie Grundremmingen, oder jetzt in Betrieb gehen - haben wir die Phase der Wirtschaftlichkeit der Kernenergie in Deutschland erreicht. Dass heißt, die nächste Generation, die 600 Megawatt großen Kraftwerke - Stade und Würgassen sind die ersten - werden Strom um 15 Prozent billiger liefern, als die modernsten Kraftwerke auf der Basis von Kohle oder Öl."

Der endgültige Durchbruch der kommerziellen Atomkraft aber gelingt erst, als auch der Energieriese RWE seine Zurückhaltung aufgibt und sich in einem dramatischen Kurswechsel an die Spitze der Atomwirtschaft setzt. Der Konzern gibt den 1200-Megawatt-Reaktor in Biblis in Auftrag - das größte Atomkraftwerk der Welt. Damit ist der Bann gebrochen, die anderen Unternehmen ziehen nach.

Voraussetzung dafür ist allerdings ein Kniefall der Bundesregierung. Sie muss einen ganzen Katalog von Bedingungen erfüllen, um RWE zum Einstieg zu bewegen. Eine kräftige staatliche Förderung gehört dazu. Für die Zukunft noch bedeutungsvoller: Die Genehmigungsverfahren für Kraftwerke werden durch Druck von höchster Stelle auf einen raschen positiven Ausgang festgelegt.

Schon kurz darauf erleben betroffene Anwohner, wie jeder Einspruch gegen Bauvorhaben im Ansatz zunichte gemacht wird. Hier beginnt die Vertrauenskrise zwischen Staat und Bevölkerung, die in den 70er Jahren ungeahnte Ausmaße annimmt.

An die 30.000 Atomkraftgegner ziehen im Februar 1975 nach Wyhl, einem kleinen Dorf in Südbaden. Hier will die Landesregierung von Baden-Württemberg ein Atomkraftwerk bauen, das größte Europas. "Weil sonst zum Ende des Jahrzehnts im Land die Lichter ausgehen", sagt Ministerpräsident Hans Filbinger in Stuttgart.

Die Belagerung dauert acht Monate, mündet in Verhandlungen mit der Landesregierung. Es folgen schier endlose Gerichtstermine. Acht Jahre später wird das Vorhaben ganz aufgegeben. Wyhl ist nicht das erste und nicht das letzte Projekt der Nuklearindustrie, das Atomkraftgegner zu Fall bringen. Aber es ist das erste, bei dem sich der Widerstand der örtlichen Bevölkerung mit anderen Gruppierungen zu einer eindrucksvollen Streitmacht zusammenfindet: Sie alle sehen in der friedlichen Nutzung der Atomkraft nicht den Schlüssel zu Frieden und Wohlstand, sondern eine tödliche Gefahr für die Menschheit.

Der "Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz" entwickelt sich zu einer Art Dachverband und zur Kommunikationszentrale der Atomkraftgegner. Bis zu 100.000 Menschen bringt die Bewegung zu dieser Zeit auf die Straße. Friedlich bleibt es dabei immer seltener.

Ihren Höhepunkt erreicht die Protestwelle 1981 in der kleinen Ortschaft Brokdorf in Schleswig-Holstein. Aus ganz Deutschland kommen die Demonstranten: 100.000 sind es, die gegen das geplante Atomkraftwerk Sturm laufen. Ihnen gegenüber 10.000 Polizisten. Sie haben den Bauplatz zur Festung ausgebaut: mit Wassergräben, Stacheldraht und spanischen Reitern. Steine und Leuchtraketen gehen auf die Sicherheitskräfte nieder. Die antworten mit Knüppeln, Tränengas und Wasserwerfern. 128 Beamte und viele AKW-Gegner werden verletzt.

Demonstranten:

"Hier werden von Seiten der Behörden, des Parlamentes und der Kernkraftbetreiber faktisch sämtliche Grundrechte des Bürgers außer Kraft gesetzt."

"Meiner Meinung nach, wird von Seiten der Polizei ohne jede Rechtsgrundlage vorgegangen - mit Mitteln, die also wirklich an bürgerkriegsähnliche Zustände erinnern!"

Ein letztes Mal flammen die Proteste 1986 auf, 10 Jahre nach Baubeginn. Als Brokdorf schließlich doch ans Netz geht. Die Ausschreitungen beschäftigen auch die Bundesregierung in Bonn. Regierungssprecher Friedhelm Ost zieht Bilanz:

"Der Bundeskanzler hat gesagt, das Maß der Provokationen durch Chaoten und Kriminelle ist voll. Der Bundeskanzler und die gesamte Bundesregierung ist entschlossen, notwendige
Entscheidungen zu treffen."

Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)Zu diesem Zeitpunkt ist bereits eingetreten, was von Fachleuten bis dahin als "hypothetischer Kernschmelz-Störfall" abgetan wurde: der Super-Gau. Am 26. April 1986 explodiert in Weißrussland "Reaktorblock Vier" des Atomkraftwerks von Tschernobyl. Aus dem rot-glühenden Schlund steigt eine Wolke in die Atmosphäre. Mit ihr driften Trillionen Becquerel um den Erdball. Ihre Radioaktivität übersteigt die der Hiroshima-Bombe um das 400-fache. In Bonn sucht Innenminister Friedrich Zimmermann, die Bevölkerung zu beruhigen:

"Obwohl wir über keine genauen Informationen verfügen, ist die Lage bei uns unter Kontrolle. Nach den vorliegenden Erkenntnissen, bestand und besteht keine Gefahr für uns. Die kurzzeitig angestiegene Radioaktivität in der Luft ist inzwischen gesunken, und hat vielerorts wieder den Normalwert erreicht."

Und doch verändert Tschernobyl das Koordinatensystem der Atompolitik entscheidend. Die Katastrophe beschleunigt die Abkehr der einst atombegeisterten Sozialdemokraten von der Kernkraft: Auf ihrem Nürnberger Parteitag beschließt die SPD den Ausstieg innerhalb von 10 Jahren, wenn sie auch den Beginn dieser Frist einstweilen offen lässt. Kanzlerkandidat Johannes Rau macht das Thema erstmals zum Schwerpunkt eines Bundestagswahlkampfes.

"Stellt Euch einmal vor, was geschehen würde nach einem weiteren Unfall - wie in Harrisburg oder in Tschernobyl - diesmal in einem dicht besiedelten Land Westeuropas. Das wünscht wahrlich keiner! Aber keiner kann doch eine solche Möglichkeit wirklich ausschließen! Freunde: Da würden die Schalter in den deutschen Atomkraftwerken schneller auf Null gestellt, als der Bundesreaktorminister eine Presseerklärung verbreiten könnte!"

Damit hat sich die SPD den Grünen angenähert, die schon seit 1980 den sofortigen Betriebsstopp für alle laufenden Anlagen fordern und den Baustopp für alle noch geplanten. Zumindest programmatisch ist damit der Weg bereits geebnet für den gemeinsamen Ausstiegsbeschluss von 2001. Die Regierungskoalition aus Union und FDP dagegen hält auch nach Tschernobyl eisern an der Atomkraft fest. In der Bundesrepublik bleiben die Fronten noch auf Jahre verhärtet.

In der DDR dagegen regt sich nach Tschernobyl erstmals öffentlicher Widerstand. In einem Appell verlangen mehr als 300 Unterzeichner den Ausstieg aus der Kernenergie. Sie fordern auch, das Atomkraftwerk in Lubmin bei Greifswald nicht zu erweitern. Dort liefern vier Reaktorblöcke sowjetischer Bauart einen Anteil von etwa 13 Prozent der Stromerzeugung. Deren Baubeginn 1973 hatte Hubert Winter, Leiter der so genannten "Kontrollgruppe Kernkraftwerk Nord" noch mit einer Euphorie gefeiert, die in der Bundesrepublik zu dieser Zeit schon in Skepsis umzuschlagen begann.

"Hier in Lubmin verändert sich die Welt. Hier ist begonnen worden, das größte Kernkraftwerk der Welt zu errichten, gemeinsam mit den Genossen und Spezialisten der Sowjetunion, um damit der Wirtschaft neue Energie zuzuführen, um unsere technische Revolution auch von dieser Seite zu sichern und die Republik zu stärken!"

Hinter solch hochfliegenden Plänen allerdings bleibt die Wirklichkeit in der DDR stets zurück: Nur ein Bruchteil der ursprünglich geplanten Kernenergieleistung wird erreicht. Nach einem Kabelbrand in Lubmin 1976 verhindert nur eine einzige noch funktionsfähige Noteinrichtung die drohende Kernschmelze.

Die Erweiterung des Meilers auf acht Reaktorblöcke verzögert sich, ebenso die Bauplanung eines neuen Atomkraftwerks in Stendal. Nach der Wende wird 1991 entschieden, das AKW nicht fertig zu stellen. Auch alle anderen noch laufenden Reaktoren werden stillgelegt. Gutachter halten keines von ihnen für ausreichend sicher.

Im Westen des Landes legt das Unternehmen E.O.N im November 2005 das Atomkraftwerk in Stade vorzeitig still. Erst wenige Wochen zuvor ist der so genannte Atomkonsens zwischen
Energiekonzernen und Bundesregierung unterschrieben, den die rot-grüne Bundesregierung mit Gerhard Schröder an der Spitze 1998 vereinbart, und schließlich 2002 gesetzlich verankert hat.

"Ich gehe also davon aus, dass damit sowohl ein lange währender gesellschaftlicher Konflikt gelöst werden kann, als auch ein Beitrag zu einer vernünftigen, zukunftsgerichteten, ungefährlichen Form der Stromproduktion geleistet worden ist."

Mit dem Kraftwerk in Obrigheim wird im Frühjahr 2005 der älteste Atommeiler außer Betrieb genommen. Vier weitere gehen voraussichtlich bis 2009 vom Netz. Die Laufzeit der 17 noch bestehenden Anlagen ist auf durchschnittlich 32 Jahre festgelegt. Für jedes von ihnen ist eine Reststrommenge vereinbart. Mit Zustimmung des Umweltministers kann sie allerdings auf andere Kraftwerke übertragen werden. Wann das letzte von ihnen vom Netz geht, lässt sich daher kaum voraussagen.

Zumal seit Antritt der Großen Koalition wieder öffentlich und vernehmlich über einen möglichen "Ausstieg vom Ausstieg" nachgedacht wird. Zu den Protagonisten der heiklen Debatte gehört etwa Michael Glos, der Wirtschaftsminister. Er führt die steigenden Energiekosten ins Feld.

"Es gibt aus Gründen der internationalen Preisverteuerung ein Preisrisiko, und wir müssen alles dafür tun, den Standort Deutschland attraktiv zu halten und wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein längerer Einsatz der Kernenergie in der Stromerzeugung könnte uns davon vielleicht entlasten."

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält sich bedeckt, verweist auf den Koalitionsvertrag. Der sieht vor, den von Rot-Grün vereinbarten Atomausstieg nicht anzutasten. Entsprechend gelassen gibt sich auch der verantwortliche Umweltminister von der SPD, Sigmar Gabriel. Mögen die Kollegen von der CDU und die Energieversorger eine Renaissance der Atomenergie in noch so rosigen Farben an die Wand malen: Die Zukunft, so lässt Gabriel wissen, sieht er in einem Netzwerk dezentraler und erneuerbarer Energiequellen.

Der Sozialdemokrat erinnert an die Verheißungen, wie sie einst das blitzende, futuristische Atomium in Brüssel verkörpert hat. Und an die Wirklichkeit des bröselnden "Sarkophags" um die strahlende Ruine von Tschernobyl. Die Zukunft der Atomkraft, da ist sich der Umweltminister sicher, liegt schon hinter uns.

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