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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Blind gegenüber offenem Antisemitismus29.01.2007

Blind gegenüber offenem Antisemitismus

Das Schicksal des Anthropologen Helmuth Plessner

Helmuth Plessner war in seinen frühen Schriften davon überzeugt, dass die Rücknahme der rechtlichen Emanzipation der Juden eine sinnvolle Antwort auf die "Judenfrage" darstellte. Selbst dann noch als die Nazis aus der Idee bereits Wirklichkeit gemacht hatten. Hat der Philosoph sich deshalb nicht in den Nationalsozialismus verstricken können, weil er als Halbjude ins Exil gehen musste? Auch davon handelt die Plessner-Biografie, die Carola Dietze herausgebracht hat. Gelesen hat sie Matthias Sträßner.

Seine wissenschaftliche Karriere begann wie einer der Scherze, die er so liebte: Als Helmuth Plessner nach dem 1. Weltkrieg in Köln mittellos als Privatdozent lebte, fand er Förderung bei einem niederländischen Unterstützungskomitee, das kurzerhand die Beschaffung eines Schimpansen aussetzte, um den jungen Gelehrten alimentieren zu können. Dann aber klebte das Pech an seinen Füßen. Sein frühes Werk Die Einheit der Sinne aus dem Jahr 1923 war allenfalls ein Achtungserfolg, und das Hauptwerk Die Stufen des Organischen und der Mensch erschien 1928, als die philosophische Welt sich geradezu obszessiv Martin Heideggers "Sein und Zeit" einzupauken versuchte.

Nicht genug, dass Plessner keiner der philosophischen Schulen wirklich nahe stand, und deswegen auch kein Netzwerk von Protektoren und Gleichgesinnten aufbauen konnte - der Philosoph Max Scheler setzte gegen Plessner auch noch den unhaltbaren Vorwurf des Plagiats in die Welt. Und als 1933 die erste Professur winkte, fällt Helmuth Plessner als "Halbjude" unter das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das für alle nicht-arischen Dozenten und Professoren mit Berufsverbot gleichzusetzen war. Selbst wenn in Deutschland verbleibende Professoren sein Werk rezipierten, wie etwa Martin Heidegger oder Arnold Gehlen dies taten, vermieden sie es geflissentlich, aus ihm zu zitieren. Plessner war von Anfang an marginalisiert.

Als er sich 1935 in seinem Exilwerk Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche vornahm, seinen Lesern von den Niederlanden aus - bis 1937 auch noch den Deutschen! - das Alphabet aktueller Radikalität vorzubuchstabieren, musste er über den Buchstaben A nicht hinaus gehen. Radikale Aktion (Marx), radikaler Amoralismus (Nietzsche) und radikale Angst (damals eher noch mit Kierkegaard als mit Heidegger verbunden), prägten nicht nur Plessners philosophische Theorien, sie prägten letztlich auch sein privates und berufliches Leben. Und sein eigenes Konzept bestand darin, diesen drei "A"s sein eigenes philosophisches Alpha, die Anthropologie, entgegenzusetzen.

Vom niederländischen Groningen aus formuliert Plessner seine "Analysen des deutschen Selbstbewusstseins", die heute meist generalisierend unter dem Titel des berühmtesten Werkes Plessners "Die verspätete Nation" verschlagwortet werden.
Plessners Lehre ist seither umfänglich beschrieben worden. Unter anderem von seiner Ehefrau Monika, die in ihrem Buch "Die Argonauten von Long Island" die zentralen Themen Plessners zutreffend zusammenfasst:

"Die Bedeutung der Grenze zwischen dem Lebewesen und seiner Umwelt; das unterschiedliche Verhältnis zur Umwelt bei Pflanze, Tier und Mensch; die "exzentrische Positionalität" des Lebewesens Mensch und dessen Sonderstellung unter allen Organismen; die drei Merkmale, die ihn auszeichnen und zwingen, sein Leben zu "führen": vermittelte Unmittelbarkeit, natürliche Künstlichkeit und der utopische Standort."

Aber es gibt bei dem Exilanten Plessner, der erst 1951 nach Deutschland zurückkehrte, um in Göttingen Ordinarius für Soziologie zu werden, auch Irritierendes: Es war Rüdiger Safranski, der in seiner Heidegger-Biographie aufzeigte, dass Plessner nicht anders als Heidegger zeitweilig freiwillig die Berührung mit den Nazis suchte. Auch dass die geistige Nähe zu Carl Schmitt vorhanden und gewollt war, lässt sich leicht feststellen. Der Grund liegt auch in Plessners biologischem, ja fast zoologischem Zugang zur Philosophie.

Plessner: "Unsere moralische Haltung leidet an einer Überbetonung der Gesinnung, des Gewissens und der innerlich erfassbaren Werte. Man kann nicht nur das Leben nicht dauerhaft gewissenhaft, gesinnungshaft leben, man soll es auch nicht. Der Mensch hat ein Recht dazu, den Instinkt, die irrationalen Erkenntnisquellen und alle Imponderabilien in seinem Verhalten eine Rolle spielen zu lassen, er hat geradezu die Pflicht, dem Reichtum auch der Kräfte seiner Natur Raum zu geben, die nicht von der Vernunft, von Geist und Werten und Sittengesetzen und Prinzipien gezügelt werden können."

Diese Sätze aus Helmuth Plessners "Grenzen der Gemeinschaft" können auch im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gelesen werden, und man kann - wie Herbert Marcuse 1937 - durchaus der Ansicht sein, dass Plessner hier "zwischen Verteidigung und Anklage des autoritären Staates schwankt."

Helmuth Plessner beschreibt die Weimarer Republik und die Ursprünge des Dritten Reichs in seinem Werk Das Schicksal des deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche (1935) merkwürdig abstrakt. Und als dieses Werk 1959 unter dem neuen Titel Die verspätete Nation erscheint, nutzt Plessner die Chance nicht, die gewollt verschlüsselte Sprache von 1935 zu übersetzen. Mit der historisierenden Argumentation: Deutschland müsse auch historisch als "ex-zentrischer" - weil protestantischer - Problem- und Sonderfall unter den europäischen Nationen begriffen werden, entlastet er den damals augenfällig brutalen Nationalsozialismus erheblich. Dabei hätte er doch den offenen Antisemitismus und die SA-Wachen schildern können, die vor der Arzt-Praxis seines Vaters Fedor Plessner in Wiesbaden aufgezogen waren, und dessen mutmaßlichen Selbstmord im April 1933 herbeigeführt hatten. Aber Plessner wollte eben global und gesamt-europäisch argumentieren, um das aktuell-deutsche Problem nicht den Deutschen allein zum Vorwurf machen zu müssen. 1935 nicht, als er selbst schon lang vom Berufsverbot betroffen war, und 1959 auch nicht.

Hermann Lübbe hat deswegen nicht zu Unrecht gerade Helmuth Plessner zum Gewährsmann der These gemacht, die Bundesrepublik habe in Form einer "asymmetrischen Diskretion" die Nazi-Vergangenheit beschwiegen. Asymmetrisch deswegen, weil Remigranten wie Plessner zwar den Status moralischer Überlegenheit haben mochten, aber gleichfalls keine große Lust hatten, das Schweige-Spiel zu unterlaufen und zu torpedieren, zumal die junge Bundesrepublik im Kalten Krieg ja tatsächlich genau jene "Rolle des Rammbocks gegen den Bolschewismus" spielte, welche auf "der gleichen Linie wie die End-Illusion des sterbenden Dritten Reiches" lag (Plessner GS VI, 299 u. Dietze 2006, 507).

Carola Dietzes sorgfältig recherchierte und detailreiche Arbeit enthält all diese Facetten, bügelt nichts identifikatorisch weg. Es ist für eine Biografie, die über 600 Seiten umfasst, gar nicht so einfach, schon auf Seite 61 zugeben zu müssen, dass die philosophischen Hauptwerke schon geschrieben sind. Und trotzdem an einer Biografie zu schreiben, die mehr ist als bloße Faktenhuberei.

Was dann doch etwas ermüden kann, ist allenfalls, dass die Autorin zuviel Berufungsinterna glaubt ausführen zu müssen, dass sie die ausführliche Diskussion von Plessners Verhältnis zur Vergangenheit des Dritten Reiches nicht auch um eine Neudiskussion der "Verspäteten Nation" bereichert. Auch ist der Anteil von Göttinger gossip - das Buch ist von der "Akademie der Wissenschaften zu Göttingen" unterstützt, und auch im Göttinger Wallstein Verlag herausgegeben - zu groß. Wir erfahren, wenn sich Plessners läufiger Schäferhund mit Nachbars Professoren-Dackel abgibt, aber wir erfahren - um nur ein Beispiel zu nennen - fast gar nichts über die Stellvertretung, die Plessner 1952 für Adorno in Frankfurt annahm, eine Anekdote, aus welcher Monika Plessner in ihren Erinnerungen echte Funken schlägt.

Plessners Philosophie galt schon in den Fünfzigern als überlebt. Sogar das Kernstück seines Denkens: die Anthropologie. Als 1958, also heute vor fast 50 Jahren, das Fischer-Lexikon Philosophie erschien, schrieb Helmuth Plessner zwar noch die Einleitung, der Artikel "Anthropologie" stammte aber nicht von Plessner oder Gehlen, sondern aus der Feder des jungen Habermas. Und dieser zeigt sich - stellvertretend für die kommende Rezeptionsgeschichte - an den Prioritätskämpfen zwischen Scheler, Plessner und Gehlen schon 1958 reichlich uninteressiert.

Matthias Sträßner über Carola Dietze: "Nachgeholtes Leben. Helmuth Plessner 1892-1985". Die Biographie ist im Göttinger Wallstein Verlag erschienen, 622 Seiten, Euro 45.

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