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Blog: Postkarten aus Cannes
Wer bekommt die Goldene Palme?

Beim Filmfest in Cannes sind die letzten Beiträge in den Wettbewerb gegangen - Zeit, Bilanz zu ziehen. Neben sichtbaren Höhepunkten wie Maren Ades "Toni Erdmann" tummelten sich im weiten Mittelfeld solide Filme, die mal mehr, mal weniger berührten, einen Feierabend im Kino sicher nicht ruinieren würden. Da war man dann fast schon dankbar für die Ausreißer nach unten.

Von Maja Ellmenreich | 21.05.2016

    Die Goldene Palme bei der Eröffnugnszeremonie in Cannes.
    Die Goldene Palme bei der Eröffnugnszeremonie in Cannes. (imago/PicturePerfect International)
    "Die Messe ist also gesungen." Vielleicht hätte Isabelle Hupperts Filmcharakter Michèle das Ende des diesjährigen Wettbewerbs in Cannes so kommentiert, die Worte pfeilschnell ausgespuckt noch vor dem Ende des Abspanns. Dabei die linke Augenbraue kaum sichtbar, aber irgendwie spürbar hochgezogen; mit geradem Rücken wäre sie aufgestanden, hätte ihr Kleid glatt gestrichen und den Saal als eine der ersten verlassen.
    Frankreichs Leinwandkönigin durfte in Paul Verhoevens "Elle" als in jeder Hinsicht schlagfertige Singlefrau glänzen, für zahlreiche Lacher sorgen und damit den Schlussstrich unter einen Wettbewerb setzen, der nicht allzu viele Höhepunkte, ein paar Tiefpunkte und nur eine wirkliche Überraschung zu bieten hatte. Keine Frage: Für die hat Maren Ade mit "Toni Erdmann" gesorgt. Diese Mischung aus Loriots Maskenmonster und Hape Kerkelings Horst Schlämmer hat sich in das Herz des Publikums gewitzelt, hat Szenenapplaus und stehende Ovationen für ihre Unberechenbarkeit geerntet, hat wohl zur Ehrenrettung des deutschen Humors beigetragen.
    Zum Lachen und zum Weinen war auch "I, Daniel Blake" von Ken Loach, der sich, um die Absurditäten des britischen Wohlfahrtsstaates aufzuzeigen, noch mal aus dem Rentnerdasein zurückgemeldet hatte. Er habe diesen Film einfach drehen müssen, so Loach. Ein Glück, dass er diesem Impuls nachgegeben hat.
    Wegen starker Emotionen geht man schließlich ins Kino
    Apropos Glück. Das Filmland Rumänien hat für weitere Glücksmomente im Wettbewerb der 69. Cannes-Ausgabe gesorgt, namentlich die Regisseure Cristi Puiu und Cristian Mungiu. Letzterem ist hier schon einmal der große Coup gelungen, mit dem Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage". Dieses Mal führte uns Mungiu vor Augen, wie schnell aus Hilfsbereitschaft Vetternwirtschaft und am Ende Korruption werden kann. In seinem Film "Bacalaureat/Graduation" lässt er alle Beteiligten durch Prüfungen fallen. Sein Landsmann Cristi Puiu nimmt uns in "Sieranevada" mit auf eine Familienfeier, auf der wir uns vom ersten Moment an wie ungebetene Gäste vorkommen. Knapp drei Stunden lang erleben wir die zwischenmenschliche Spannung dieser Zusammenkunft hautnah mit. Am Ende sind wir so ausgehungert wie die tatsächlich Anwesenden in der kleinen Bukarester Wohnung. Bei denen will es mit dem Essen einfach nicht losgehen.
    Soweit die sichtbaren Höhepunkte des Wettbewerbs. Im weiten Mittelfeld tummelten sich solide Filme, die mal mehr, mal weniger berührt haben, aber einen Feierabend im Kino sicher nicht ruinieren würden. Die üblichen Verdächtigen Jim Jarmusch, Pedro Almodóvar, Jean-Pierre und Luc Dardenne zum Beispiel haben solche Filme gedreht. Sie alle sind ihren filmischen Mustern treu geblieben. Muster – das weiß man aus der Küchenpsychologie – sind träge. Und diese Trägheit hat sich in den anderthalb Festivalwochen auch so manches Mal auf die Zuschauer gelegt.
    Da war man dann fast schon dankbar für die Ausreißer nach unten. Denn wegen starker Emotionen – und seien es auch Wut, Entsetzen und Fassungslosigkeit – geht man schließlich ins Kino. Olivier Assayas Geisterposse "Personal Shopper" war etwa so ein Tiefpunkt mit seinen Hui Buh-ähnlichen Gruselerscheinungen, die auch nur der grandiosen Kristen Stewart in der Hauptrolle einen Schrecken einjagen konnten. Vor Ekel hat man sich dagegen geschüttelt bei Nicolas Winding Refns Model-Massaker "The Neon Demon"; aber den Tiefflieger-Vogel hat dann doch Regisseur Sean Penn abgeschossen mit seiner Krisengebietsschmonzette "The Last Face". Die Spottlawine, unter der er begraben wurde, war meterhoch.
    Und wer bekommt nun die Goldene Palme? Alles und nichts ist denkbar. Vielleicht stimmt die Jury ein in die "Toni Erdmann"-Fangesänge. Oder sie holt – wie die skrupellose Isabelle Huppert-Michèle – das Hackebeilchen heraus und haut kurz und klein, was sich die Kritikergemeinde in elf Festivaltagen mühsam zusammengezimmert hat.