Montag, 05. Dezember 2022

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Bloß nicht schlechter als BBB

Nach der Herabstufung von neun europäischen Ländern durch S&P schäumt die Politik und will die Macht der Ratingagenturen beschneiden. Denn für einige Fonds sind die Ratings direkte Vorgabe für die Anlagepolitik. Wenn Länder Staatsanleihen auf dem Markt platzieren, brauchen sie ein gutes Rating.

Von Brigitte Scholtes | 16.01.2012

    Wenn Ratingagenturen die Bonität von Staatsanleihen bewerten, dann wollen sie damit Investoren einen Anhaltspunkt geben, wie sicher ihr Geld angelegt ist. Doch auch wenn die Aufregung um die Herabstufungen von neun europäischen Ländern groß ist, so kommt es auch darauf an, von welchem Niveau man herabgestuft wird, meint Johannes Müller, Chefvolkswirt der DWS, der Investmentfondsgesellschaft der Deutschen Bank:

    "Für uns als Investor ist ein Ratingunterschied zwischen AAA und AA+ kein signifikanter Unterschied, der dann irgendwelche großen Umschichtungsaktivitäten auslöst. Anders ist das zum Beispiel, wenn man von BBB auf BB ein Downgrade sehen würde. Was in diesem Fall jetzt nicht passiert ist. Dann hat das durchaus Implikationen."

    Denn ein dreifaches B stellt für viele Investoren die Grenze dar. Unterhalb dieser Bewertung legen sie ihr Geld nicht mehr an. Sollte das also Italien drohen, dann wäre das Land in sehr ernster Gefahr, glaubt man am Markt.

    Ohnehin verlassen sich große Investoren nicht allein auf die Ratingagenturen. Die meisten nehmen die Emittenten von Staatsanleihen selbst unter die Lupe und kommen so zu einer eigenen Einschätzung. Doch nicht alle Anlagevehikel sind so frei in ihrer Entscheidung. Die Urteile der Ratingagenturen sind für einige Fonds direkte Vorgabe für ihre Anlagepolitik, sagt DWS-Chefvolkswirt Müller:

    "Es gibt Auswirkungen indirekter Natur, weil Ratings ein wichtiges Kriterium auch sind für die Aufnahme in Indizes beziehungsweise wenn sich das Rating verschlechtert, kann es zum Fall kommen, dass ein Emittent dann nicht mehr vertreten ist. Und da gibt es die ganze Schar der passiven Investoren, die müssen dann reagieren. Das heißt die haben dann keine Wahl und keinen Ermessensspielraum mehr, das heißt die müssen dann wirklich den Index replizieren und damit das auch übernehmen."

    Und eine weitere Auswirkung gibt es: Für höhere Risiken erhalten die Investoren zwar mehr Rendite. Aber die höheren Risiken belasten dann die Bilanzen der Banken, die solche Staatsanleihen halten, und dadurch verschlechtert sich dann gegebenenfalls deren Rating. Ob lockerere Vorgaben der Regierungen für die Anlagepolitik also eine Hilfe wären, ist nicht gesagt.

    Helfen würde wohl nur, so hört man am Markt, wenn man nicht nur auf das Oligopol der großen drei Agenturen achtete, sondern eine Vielzahl von Ratings für die Vorgaben nutzte. Denn die Ratingagenturen seien nicht mehr nur unabhängige Beobachter, sondern inzwischen Mitspieler am Markt.