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StartseiteRock et cetera„Down to the Delta“19.01.2020

Blues in Memphis und Mississippi„Down to the Delta“

Der Blues stammt von den Baumwollfeldern im Mississippi-Delta, bald wurde er auch in der Metropole Memphis gespielt, wo BB King erste Aufnahmen machte. Wie viel Blues ist heute dort noch übrig? Eine Spurensuche.

Von Tim Schauen

B. B. King sitzt auf einer Bühne.  (imago stock & people)
Die Blueslegende B.B. King wurde im Mississippi-Delta geboren. (imago stock & people)
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Musik: "Young Man's Dream" - Marcus King

Die Beale Street in Memphis ist soetwas wie das amerikanische Sankt Pauli: Unter bunt blinkenden Bannern reiht sich Club an Club. Auf dem Bürgersteig steht vor jedem Laden jeweils jemand, der Passanten anspricht und versucht, sie in seinen Club zu lotsen. Verkauft wird in diesen Clubs allerdings keine Liebe wie in Sankt Pauli - sondern Essen, ein paar Drinks - und der Blues. Wobei Musik ja wiederum auch Liebe ist. Aber der Reihe nach: Einerseits ist die Beale Street in Memphis also eine Touristenfalle. Anderseits ist es auch ein historischer Ort in einer für die Musikgeschichte bedeutsamen Stadt. Besonders voll ist es in Memphis und der Beale Street, wenn Ende Januar die Internationale Blueschallenge stattfindet:

Bestandsaufnahme der Bluesgesmeinschaft

Um die 300 Künstler aus der ganzen bluesliebenden Welt haben in ihrem Heimatland den jeweiligen Wettbewerb gewonnen - und treten nun gegeneinander an. Während dieser Woche im Januar also macht die internationale Bluesgemeinschaft Bestandsaufnahme: wo steht der Blues. Wie klingt er? Dieses Festival lockt Besucher aus der ganzen Welt an, die meisten sind über 50 oder 60 Jahre alt und so solvent, dass sie sich eine Amerika-Reise leisten können - und ein paar Drinks und vielleicht die wohl besten Spareribs der Welt, vorne links im ersten Café der Beale Street.

Musik: "Good and Gone" - Larkin Poe

Wer wegen der Musik in Memphis ist, der landet quasi von selbst in einem unscheinbaren Eckhaus, dort wo sich Union und Marshall-Street treffen. Denn seit dem 3. Januar 1950 ist hier das, so lautet der Titel, "legendäre Sun Studio - Geburtsort des Rock'n'Roll." Zach Osbourne arbeitet hier als guide. Er führt Besucher durch diese winzige, winklige heilige Halle. Zach ist Mitte 30, hat dunkle Haare, wache Augen hinter der schwarzen Brille- und tätowierte Arme. Natürlich spielt er selbst Gitarre.

Zach Osbourne: "Wir sind hier im legendären Sun Studio, dem Geburtsort des Rock'n'Roll - es ist einer der Wallfahrtsorte der Musikgeschichte, denn hier hat die moderne Musik begonnen. Wir bieten hier eine der besten geführten Museumstouren der Welt an, denke ich, aber ich bin vielleicht auch ein bisschen voreingenommen - ein ganz kleines bisschen. Wo ständen wir, also die Musik, ohne das Sun Studio? Nicht nur der Rock'n'Roll, sondern auch der Blues, der in den Anfangstagen ja überhaupt nicht aufgenommen und dadurch verteilt wurde, das ist ja das Ding. Und als Sam Phillips das Studio startete, war sein größter Antrieb, Bluesmusik aufzunehmen und ins Mainstream-Radio zu bringen - das hätte damals kein normaler Mann gemacht, es brauchte schon einen Verrückten - und das war Sam Phillips. Und er hat es geschafft. Bei der Evolution vom Blues zum Rock'n'Roll hat er Menschen eine Stimme gegeben, eine Möglichkeit, sich auszudrücken - die sie sonst nicht bekommen hätten. Und das gilt für die ganze Welt, nicht nur die Vereinigten Staaten oder woanders.

"Die Musik damals war langweilig"

Damals konnte man gerade mal Gospel oder Country hören oder Balladen, gerade in den 1950er-Jahren war die Musik ja noch, sorry, irgendwie langweilig, steril, immer dasselbe, keinerlei Emotionen darin… Und dann kam eben der Rock'n'Roll und gab jungen Leuten eine neue Art, sich auszudrücken und zu Individuen zu werden. Ich glaube wirklich, dass die Welt ohne Rock'n'Roll ein trauriger Ort zum Leben wäre. Jeder würde sein eigenes Süppchen kochen, traurig sein, es gäbe mehr Hass… ich mag mir das gar nicht ausmalen, daher: Thank God for Rock'n'Roll! Ich mache diesen Job seit knapp fünf Jahren, und er ist die größte Belohnung, die ich in meinem Leben bekommen habe: Ich bin den ganzen Tag hier, spreche über Rock'n'Roll, treffe coole Leute aus der ganzen Welt und teile mit ihnen die Wertschätzung für dieses Phänomen, das die Welt verändert hat. Von daher glaube ich, ich arbeite hier so lange, bis ich in Rente gehe. Wir sind ja immer noch ein aktives Studio, nehmen sehr oft nachts auf - aber nur nachts, denn tagsüber sind ja hier Führungen. Wenn sehr viel los ist, kommen an die 900 Menschen uns hier besuchen, eine ganze Menge für so wenig Platz - aber das Sun Studio muss man einfach gesehen haben, auch wenn man kein großer Rock'n'Roll-Fan oder Elvis-Fan ist: Es ist einfach mehr als das! Klar, die meisten Leute kommen wegen der Elvis-Nostalgie hierher, übersehen aber all das andere unglaubliche Zeug, das in Memphis und hier im Sun Studio entstanden ist. Klar ist Elvis das ganz große Ding, aber auch Johnny Cash hat hier seine ersten Aufnahmen gemacht, genau wie Roy Orbison, BB King genauso! Oder Howlin' Wolf , der dann wieder Leute wie Led Zeppelin inspiriert hat und AC/DC! Ganz viele der frühen Rock'n'Roller haben soviel von den frühen Blues-Typen geschöpft, die hier bei Sun waren. Natürlich dreht sich viel um Elvis, weil er so gut aussah - das ist klar. Aber neben dem Rock'n'Roll haben wir ja noch das Stax-Label hier in Memphis: Stax ist mittlerweile ein Soul-Museum, war in den 60ern und 70enr sehr erfolgreich: Aretha Franklin, Al Green, Isaac Hayes, Otis Redding, Sam & Dave, Booker T & The MGs, Rufus Thomas - der Einfluss von Memphis auf die Musik ist unglaublich - und die Leute scheinen immer nur auf Elvis zu schauen. Sie denken an Memphis, denken: Geburtsort des Rock'n'Roll, Elvis Presley. Bumms, das war's. Aber es ist eben soooo viel mehr als als nur das: Es ist der Geburtsort der gesamten Modernen Musik! Das ist der bessere Weg, darüber zu denken. Ich weiß nicht, wie es sonst ohne diese Typen, ohne diesen Ort gelaufen wäre - und ohne Memphis!"

Eine riesige weiße Gitarre hängt über der Tür, auf dem Schaufenster steht der Schriftzug Sun Studio (Philipp Krohn / Ole Löding)Im Sun Studio hat Elvis Presley seine ersten Songs aufgenommen. Memphis war einst eine der Musik-Hauptstädte der Welt (Philipp Krohn / Ole Löding)

Die erste Auftrags-Aufnahme im Sun Studio machte 1950 ein freundlicher, damals nur als Radio-DJ bekannter, junger Mann: B.B. King. 1951 entstand mit "Rocket 88" im Sun Studio eine der ersten Rock'n'Roll-Aufnahmen überhaupt. Ike Turner war als Pianist beteiligt, und ein beschädigter Gitarrenverstärker trug mit verzerrtem Sound sein Scherflein zur Rock'n'Roll-Evolution bei. Am 18. Juli 1953 ließ man dann auch einen gewissen Elvis Presley endlich herein, eigentlich eher, um ihn endlich los zu werden:  Sam Phillips wollte ihn nicht, aber Phillips Frau Rebecca überredete ihren Mann. Presleys gutes Aussehen sollte später ebenso legende werden wie sein Status als Musiker selbst. Mit "That's Alright", aufgenommen am 5. Juli 1954 im Sun Studio 1954 begann sein Aufstieg zum King of Rock'n'Roll.

Musik: "That's Alright " - Elvis Presley

Elvis war wohl der erste Superstar der Musikgeschichte , das Ausmaß seines unermesslichen Reichtums kann heute noch in seinem Zuhause in Graceland, seinem Anwesen am Stadtrand von Memphis bestaunt werden. Zwei Flugzeuge, etliche Autos, Motorräder, Kostüme, Gitarren - Elvis Reichtum war opulent. Auch sein Haus, die Graceland Mansion: Kino, Schwimmbad, Squashhalle - es fehlte nichts. Christian Ross arbeitet als Pressebetreuer in Graceland. Christian ist Anfang 30, durchtrainiert - entspannt. Geduldig steht er zwischen den Besucherströmen in Regenjacken, denn auch an diesem nasskalten Januarvormittag wollen viele Menschen Elvis besuchen. Entsprechend groß und professionalisiert ist das Graceland-Team. Auch Christian Ross, der bedächtig nach Worten sucht.

Christian Ross: "Elvis war einer der am meisten ikonischen Stars aus Film und Musik, nicht nur in Amerika sondern der ganzen Weltgeschichte. Er lebte hier in Graceland, in Memphis, Tennessee, und dadurch können wir sein Andenken und sein Erbe bewahren und eine neue Generationen damit vertraut machen. Graceland wurde im Juni 1982 für das Publikum geöffnet, und seitdem waren über 20 Millionen Menschen aus der ganzen Welt hier, um zu sehen, wie Elvis lebte, wie er sich entspannte, um zu wissen, was er und seine Familie für Persönlichkeiten waren. Und die Besucher werden nicht weniger, mal sind es ein paar Hundert, mal ein paar Tausend am Tag, kommt immer darauf an, was hier gerade los ist. Am 8. Januar haben wir seinen 85. Geburtstag gefeiert, und obwohl er nicht mehr mitfeiern konnte, kamen ihm zu Ehren Besucher aus der ganzen Welt. Nur um hier zu sein, und man konnte seine Wirkung, seine Präsenz bei den Fans, bei den Musikliebhabern hier nochmals spüren. Man sieht hier seine Spielzeuge, die ganzen Autos, Teile seiner Bühnengarderobe - und alle Leute, die hier her kommen, verbindet eben diese Passion und ihre Liebe zu Elvis.

Elvis' Wirkung reicht bis heute

Wenn man durch Graceland, also die Villa und die angrenzenden Ausstellungen läuft, hört man überall Besucher, die Geschichten und Erinnerungen an Elvis austauschen. Es gibt ja gerade in Memphis viele Leute, die ihre eigene Geschichte mit Elvis haben, die jemanden kennen, der hier arbeite oder noch arbeitet, der mit Elvis zur Schule ging - daher wird die Erinnerung an ihn niemals enden. Elvis ist vor langer Zeit von uns gegangen, aber seine Wirkung reicht bis heute - gerade vor einigen Wochen war er zurück an der Spitze der Billboard-Charts - zum ersten Mal seit Jahrzehnten! Die Legende wächst einfach immer weiter. Und deshalb lebt er gewissermaßen weiter. Ich arbeite gerade erst ein paar Monate hier - und war erst ein paar Mal in der Villa: Wenn ich die Fernseher, die Filmprojektoren, das Tonstudio sehen, dann sehe ich einen Mann, der technologisch seiner Zeit voraus war. Welche technischen Sachen würde er wohl heutzutage nutzen?"

Das neueste, größte Smartphone, das heißeste Elektroauto: Bei Elvis würde man es mit Sicherheit finden. Er war early adopter. Zwar ist der Bann ungebrochen, aber Graceland ist eben doch nur reines Musikmuseum. Auch wenn der King in seinem eigenen Garten begraben ist. Ob er privat Elvis hört? Christian Ross grinst die Frage professionell weg und sagt: Während der Arbeit schon. Sonst? "Hip-hop, Mann!"

Elvis war weiß und machte Musik vor allem für Weiße - auch wenn er das Stimmgefühl eines Afroamerikaners hatte. Aber mit der Lebenswelt der jungen, afroamerikanischen Bevölkerung hat Elvis nichts zu tun. Das sagt auch Tikyra "TK" Jackson, Schlagzeugerin der Band Southern Avenue - aus Memphis. Für Elvis hat sie nicht besonders viel übrig und kaum freundliche Worte: Elvis ist Teil des weißen, des reichen Memphis gewesen. Auch wenn sie ihn nicht mehr auf seiner Harley durch die Stadt brettern hat sehen, ist sie da sicher. Ihr Memphis liegt im Stadtteil Soulsville. Wo die Häuser kleiner und sehr baufällig sind. Ihre Band ist beim Label Stax unter Vertrag, der Keyboarder Jeremy Powell hat auf der Stax Academy studiert. Schlagzeugerin Tikyra sagt:

Tikyra "TK" Jackson: "Meine Schwester und ich sind in Memphis aufgewachsen, unsere Eltern sind Musiker und wir haben einen kirchlichen Hintergrund, und Gospel-Musik ist ja wiederum durch viele andere Arten von Musik beeinflusst. Wir sind damit in der Kirche aufgewachsen, haben unser musikalisches Vokabular also aus erster Hand gelernt – dazu an diesem spirituellen Ort. Gerade in einer Musikstadt wie Memphis hört man soviel unterschiedliche Musik gleichzeitig, auch auf Hochzeiten zum Beispiel. Wir haben auf Hochzeiten den gesamten Musikkatalog von Labels wie Stax und Motown gehört, die Musik von dort ist ja Allen bekannt – ob sie sie nun mögen oder nicht. Aber man kennt sie eben!"

Musik: "Whiskey love" - Southern Avenue (live)

Eine rothaarige Sängerin und drei Männer stehen auf einer Bühne. Die Frau lehnt sich beim Singen zurück. Gitarrist, Bassist und Hammondspieler blicken auf die Instrumente. (Peter Bernsmann/Stagepixel.de)Die Band Southern Avenue spielte in Schöppingen ihren ersten Auftritt in Deutschland (Peter Bernsmann/Stagepixel.de)

Der Memphis Sound ist mit dem Label Stax eben engstens verbunden. Und gerade hier, bei Stax war durch Musik die Segregation, die Trennung zwischen Schwarz und Weiß immer schnell obsolet, im Studio, in Bands spielte das keine Rolle. Musik ist Liebe. Da war die Blues, und Musikstadt Memphis ihrer Zeit auch voraus. Auch wenn im Lorraine Hotel dann Martin Luther King erschossen wurde. Die Beale Street ist nachts kunterbunt beleuchtet. Im Café von BB King, vorne rechts an der Ecke wird Blues gespielt - von schwarzen und Weißen Musikerinnen und Musikern, so wie früher schon. Nachdem die Musik von den Baumwollfeldern in die Städte, nach Memphis und auch nach Chicago gefunden hatte.

Musik: "One day she's here" - Marcus King

Der Highway 61 führt über etliche Meilen am Lineal gezogen schnurgerade nach Südwesten, eigentlich immer den Mississippi entlang. Aber bis nach Indianola, Mississippi, dem Geburtsort von BB und auch von Albert King ist es noch ein Stück. 136 Meilen, gut 200 Kilometer trennen Memphis und Indianola. Albert King zog später nach Arkansa, BB aber ist mit Indianola bis heute verbunden. Hier ist er begraben. Direkt neben dem Museum, das ihm gewidmet ist. Schon auf dem Parkplatz hört man die Musik des wohl größten Blueskönigs. Das BB in seinem Namen steht übrigens für Beale Street Blues Boy. Drinnen, im freundlichen und hellen Museums-Neubau sitzt der Museumsdirektor, ein aufgekratzter Mann Mitte 50 mit schlohweißen Haaren.

"Mein Name ist Robert Terrell, ich bin Direktor of operations hier im BB King Museum in Indianola, Mississippi - dem Ort, den BB King sein Zuhause nannte. Genau hier, auf diesem Grundstück, hat er damals gearbeitet. Er wohnte auf einer Baumwollplantage außerhalb der Stadt, aber die Baumwoll-Entkörnungsmaschine, die Cotton Gin, wo er arbeitete, war genau hier - in dem kleinen Ziegelgebäude da vorne stand die Maschine - sie wurde mit Dampf betrieben. Das war 1945,1946 - und als er dann starb, haben wir ihn genau an diesem Ort begraben - in dieser Cotton Gin. Wo er anfing, endete seine Geschichte auch. Er war ein sehr bescheidener, demütiger Mensch - sein ganzes Leben war er so - und er wollte niemals, dass es ein Museum nur "für ihn" geben würde. Daher geht es hier auch die "Bürgerrechte", um andere Bluesmusiker, die etwas über ihn und die Zeit damals zu sagen haben. Man sieht Little Milton Campbell, ein Freund von ihm, der eine Straße weiter aufwuchs…BB also wollte nicht, dass es nur um ihn alleine geht - aber ich glaube, wir haben dennoch einen guten Job gemacht, seine Lebensgeschichte zu erzählen und darin eine Menge Dinge darzustellen, die ihn zu dem machen, der er war. Wir haben auch viele interaktive Bildschirme - die erste, direkt am Eingang, gibt Dir einen Überblick über die Beziehung zwischen Blues und dem frühen Gospel-Sound, der nächste zeigt die Einflüsse auf BB, denn die meisten Leute wissen das gar nicht, dass er einige seiner Songs jahrelang im Programm hatte, das waren Coversongs von anderen Künstlern. Sein erster Hit, der "Three O'Clock-Blues" war ein Song von Lowell Fulson-Song. Im nächsten Bildschirm kann man sehen, wo Blues, Hip-hop und R'nB Überschneidungen haben - man kann auf einer Platte scratchen wie ein echter DJ. Man kann Songs von Robert Johnson mit Jay-Z oder Aretha Franklin mischen, und so können wir jungen Menschen zeigen, wie sich die Musik über die Jahre verändert hat. An der letzten interaktiven Station kann man sich dann über die Struktur des Bluesschemas mit seinen zwölf Takten informieren - und sich hinsetzten und zusammen mit BB spielen. Und zum Schluss hört man ihn dann sagen: 

"Oh my gosh, that was wonderful, you did a great job."

Das Museum zeigt, glaube ich, sein Leben sehr gut - und jetzt, da er tot ist, müssen wir den Rest auch noch zeigen. Und natürlich auch einige berühmte Ausstellungsstücke. Und natürlich sind wir auch froh und erleichtert, dass er dieses Museum zu seiner Grabesstätte machen wollte! BB wollte immer sichergehen, dass der Blues am Leben bleibt! Und das hat er auch allen gesagt: Bleib dem Blues treu! Neulich hat mir das noch Buddy Guy erzählt: BB sagte immer: Bleib dem Blues treu!"

Wie sehr bleibt die Musikwelt treu? Der Blues kommt in Wellen, mal ist er näher, mal weiter weg. So, wie die Karriere von BB King übrigens auch: Als das schwarze Publikum in den USA gerade das Interesse an der Musik seiner Vorfahren verloren hatte, begann Mitte der 1960er in England vor allem mit dem jungen Eric Clapton, mit John Mayall und seinen Bluesbreakern ein Bluesrevival. Clapton studierte die Gitarrenlicks von BB und Freddie King, dem dritten Blueskönig - er coverte Songs von Howlin' Wolf und Muddy Waters - und holte BB King schließlich nach England. Dort, im Swinging London, bekam dessen Karriere neuen Schub, der bis zu seinem Tod im Mai 2015 anhielt. Das Problem mit Veranstaltungen wie der Internationalen Blueschallenge und auch normalen Blueskonzerten, auch hierzulande ist, dass man einerseits den Blues, diese Urform der Unterhaltungsmusik bewahren möchte, ihm andererseits dadurch aber auch unter einer konservierenden Glasglocke frisch hält - oder: gefangen. Viele Bluesfreaks denken sehr puristisch, blueskonservativ - ihnen kann man den nicht so nett gemeinten Titel Bluespolizei verleihen. Dabei benötigt diese, manchmal, so emotionsgeladene Musik doch auch dringend ein paar frische Gedanken. Was ist das überhaupt: Der Blues? Gibt es nur den einen, also nur einen Stil? Nein! Und im Englischen ist der Blues eh Plural, The Blues - da sind viele Abstufungen möglich. Es gibt viele junge Bands, die - wie auch immer - Blues spielen:

Der neue Star aus Amerika ist nach Gary Clark Jr., der gar nicht erst die Verantwortung für die Zukunft des Blues schultern wollte, ein junger, korpulenter Mann namens Christone "Kingfish" Ingram. Ein Gitarrist mit schnellen Fingern, schönem Ton und gutem Album. Und besten Kontakten in die Branche. Das neuseeländisch-niederländische Trio My Baby verbindet Trance-Beats mit Bluesriffs. Die Schwestern Rebecca und Megan Lovell vom Duo Larkin Poe sind traditionsbewusster - und auch gerade für einen Grammy nominiert. Genau wie die Band Southern Avenue aus Memphis um Schlagzeugerin Tykira Jackson. Es gibt den Blues in seinen vielen Gestalten, es gibt junge Menschen, die ihn spielen - allerdings weniger Menschen, die ihn auch gerne hören. Global gesehen sind Pop und Hip-hop wichtiger - aber: Auch diese Musikformen sind mit dem Blues verwandt.

Musik: "Hard times, killing floor" - Delta Moon (live)

In Memphis wird der Blues bewahrt - und gespielt. Während der Challenge, beim Beale Street Festival im Mai - und jeden Abend in der zahlreichen Clubs. Auch im Blues-Museum der "Blues Hall of Fame" ist man diesem Erbe hauptamtlich verpflichtet. Träger des Museums ist die Blues Foundation, jene mächtige Organisation, die auch die Challenge ausrichtet. John ist eigentlich Lehrer, während der Challenge führt er ehrenamtlich durch die "Blues Hall of Fame."

"Hier geht es um Bluesmusik und ihren Einfluss auf eigentlich alles von Country bis zu Rock'n'Roll, sogar bis auf Soul und Rhythm'n' Blues - deswegen wird Rhythm'n' Blues ja auch so genannt. Seit viereinhalb Jahren gibt es unser Museum jetzt, im Mai 2015 wurde es eröffnet. Die Blues Foundation dagegen existiert seit 1980 und nimmt Künstler in die Blues Hall of Fame auf oder würdigt Musikerinnen und Musiker, die sonst vielleicht in Vergessenheit geraten würden oder zumindest nicht diese Aufmerksamkeit bekämen. Zuerst einmal geht es mir um die Liebe zur Musik allgemein - ich habe nicht als Bluesfan angefangen, ich mag alle Stile. Und die Geschichte speziell von Memphis ist ja mit Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis verknüpft - und dann noch das Label Stax mit all den verschiedenen Künstlern, die von dort kamen: Rufus Thomas, Isaac Hayes undsoweiter und Gospel und sogar Jazz…. All das kommt aus Memphis, und das ist einer der Gründe, warum Menschen aus meiner Generation eben verstehen und wertschätzen sollten, was hier los war. Ich mache hier Führungen für Schulklassen, die jüngsten sind so ab neun, zehn Jahre alt: Wenn diese Kinder dann Etta James singen hören sagen sie zuerst: "Das ist ja Beyoncé, Beyoncé hat das auch gesungen". Und das ist toll, wenn sie diese Verbindung herstellen. Dasselbe geschieht mit mehr dem Rock'n'Roll zugeneigten Gruppen, ich spiele ihnen Memphis Minnie vor, und die Leute sagen, das ist klingt ja wie "When the Levee Breaks" von Led Zeppelin". Die Version von Memphis Minnie klingt gegenüber der von Led Zeppelin mehr nach Ragtime - Led Zeppelins ist sehr bluesy, klingt sehr nach altem Delta Blues. Auf diese Weise stellst Du eine Verbindung her. Die Leute kommen rein, sie kennen Stevie Ray Vaughan, sie kennen BB King -aber wir stellen ihnen noch einige andere spannende Künstler vor. Ich mag die zweite Galerie hier am meisten, hier geht es um Country Blues aus dem frühen 20. Jahrhundert, der zuerst auch im Mississippi-Delta gespielt wurde -  nicht exklusiv aber auch ganz früh. Mit Akustikgitarre! Und das hat unter anderem Eric Clapton oder in Sachen Folkmusik Pete Seeger, Bob Dylan beeinflusst. Und wenn wir Skip James oder Mississippi John Hurt spielen hören und einen frühen, noch nicht elektrifizierten Bob Dylan, hörst Du den Einfluss. Dasselbe bei Charlie Patton, dessen Einfluss auf den jungen Howlin' Wolf gut nachvollziehbar ist. Das hier ist das einzige Bild, das es von ihm gibt. Aber es fällt direkt auf, wie eigen er aussieht: einzigartig. Er war eines von, ich glaube, zwölf Kindern, und der Mix ist auffällig: Afroamerikanisch, Kaukasisch und vermutlich auch native Americans. Er war nicht besonders groß, hatte aber eine tiefe, raue Stimme. So denkt man direkt an Howlin' Wolf, der auch nicht so groß war und eine tiefe, raue Stimme hatte. Er war außerdem ein richtiger Showtyp, hat seine Gitarre hinter dem Kopf gespielt. Ja, das kennen wir von Jimi Hendrix. Aber Patton hat das in den 1920ern gemacht, in diesen Kneipen und Kaschemmen, in denen er gespielt hat. Er hat schnell Aufsehen erregt und auch Ärger gemacht, dafür, dass er so klein war."

Der Blues lebt!

Ja, die aktuelle Musik ist mit dem Blues von früher verknüpft - gut, dass sie das in Memphis herausarbeiten. Es wird sonst allmählich vergessen. Der Blues lebt - und der Blues benötigt lebendige Personen, die ihn spielen, die ihn hören wollen und Geld dafür ausgeben. Für CDs, LPs, Streaming, für Konzerttickets. Sonst ist er wirklich eines Tages nur noch im Museum. Er lebt also, klingt aber überall unterschiedlich. Akustisch, wie der Countryblues der Baumwollfelder. Elektrisch, wie der moderne Blues der Großstädte wie Memphis oder Chicago. In Texas wiederum klingt er nochmal anders. Europäischer Blues, das merkt man in Memphis, klingt doch anders als amerikanischer. Aber überall ist er leise, er ist laut. Er ist fröhlich. Er ist traurig. Ob Zwölftakter, mit Pentatonik oder nicht: alle Formen haben Blue Notes, also kleine Terz, kleine Septime, verminderte Quinte. Den einen Blues? Gibt es nicht. Es sind gaaaanz viele: THE BLUES ist überall. Er soll sogar schon tagsüber gefühlt worden sein.

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