Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteKalenderblattBlutiges Ende eines Experiments21.05.2006

Blutiges Ende eines Experiments

Vor 135 Jahren begann die Zerschlagung der Pariser Kommune

Gerade einmal 72 Tage dauerte das sozialistische Experiment in der Pariser Kommune. Dann stürmten Regierungstruppen von Versailles aus die Stadt und machten den Hoffungen auf eine bessere Welt ein Ende. Am 21. Mai 1871 begann der Angriff, der die Kommune im Blut erstickte.

Von Peter Hölzle

Paris aus der Vogelperspektive. (AP)
Paris aus der Vogelperspektive. (AP)

"l'homme est en marche sur la terre,
c'est la commune qui vaincra."

So lautet der Schlussrefrain eines Liedes über die Commune, das von Kommunisten in Erinnerung an die russische Oktoberrevolution von 1917 gesungen wurde. Für die marxistische Geschichtsschreibung brachte die nämlich zu einem glücklichen Ende, was im Frühjahr 1871 beim Aufstand der Pariser Commune noch gescheitert war: die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Für Karl Marx stand gleichwohl früh fest:

"Das Paris der Arbeiter von 1871, das Paris der Commune wird für immer gefeiert werden als Avantgarde einer neuen Gesellschaft."

Was Marx so überschwänglich rühmte, war eine spontane Volkserhebung, die vom 18. März bis zum 28. Mai dauerte. Hintergrund des Aufstandes war die Unzufriedenheit mit der militärischen Führung, die das Frankreich Napoleons III. 1870 in die Niederlage gegen Deutschland gestürzt hatte. Direkter Anlass war der Versuch der Regierungstruppen, die Kanonen der Pariser Nationalgarde zu beschlagnahmen und die Hauptstadt zu besetzen. Dabei wurden zwei Generäle von Soldaten erschossen. Regierung und Regierungstruppen flohen daraufhin ins nahe gelegene Versailles. In Paris ergriff ein Zentralkomitee der Nationalgarde die Macht und führte Wahlen durch. Die erbrachten einen Gemeinderat mit linksbürgerlichen, sozialistischen und kommunistischen Vertretern.

Gegen diesen Gemeinderat, kurz Commune genannt, eröffnete
die Regierung Ende März von Versailles aus die Feindseligkeiten. Ihre Truppen belagerten Paris erfolglos bis zum 21. Mai. Was an diesem Sonntag geschah, erzählt ein Augenzeuge, der Kommunarde Prosper Lissagaray in seiner "Geschichte der Kommune":

"Das Tor von Saint Cloud war in Asche gelegt. Seit mehreren Tagen zeigten Mitglieder des Rats dem Chef des Generalstabs diese Bresche an, ... aber nichts geschah. ... Am Sonntag ... fand um halb drei im Tuileriengarten ein Konzertspektakel zum Wohl der Witwen und Waisen der Commune statt. Die Frauen in Frühlingstoilette belebten die grünen Alleen. Zweihundert Meter entfernt, auf der Place de la Concorde, störten die Versailler Granaten mit ihrem Geprassel den fröhlichen Klang der Blechinstrumente und die linden Frühlingslüfte. ... Zur selben Stunde hielt zwei Flintenschüsse weg die Vorhut der Versailler ihren Einzug in Paris."

Während die Hauptstädter, statt ihre Verteidigungsanlagen in
Ordnung zu halten, lieber Frühlingsluft und Sonntagskonzert genießen, dringt der Feind in die Stadt ein und eröffnet das, was als 'Blutwoche' in die Geschichte eingehen sollte. Im Barrikadenkampf leisten Kommunarden teilweise heldenhaften Widerstand. Als am 28. Mai die letzte Barrikade fällt, ist ein gerade einmal 72 Tage währendes sozialistisches Experiment im Blut erstickt. Es folgt der gnadenlose Rachefeldzug einer Siegerjustiz. In Lissagarays "Geschichte der Kommune" ist die Bilanz des Schreckens festgehalten:

"Zwanzigtausend Männer, Frauen, Kinder im Kampf oder nach
Widerstand in Paris und in der Provinz getötet; mindestens dreitausend in Gefängnissen, Kasematten, auf Pontonschiffen und in der Verbannung in Neukaledonien ... umgekommen; dreizehntausendsiebenhundert zu Gefängnisstrafen verurteilt, die für viele neun Jahre dauerten; siebzigtausend Frauen, Kinder und Greise ihrer Ernährer beraubt oder des Landes verwiesen; macht zusammen zirka hundertsiebentausend Opfer... ."

Gegenüber diesen Schreckenszahlen nimmt sich das Schuldkonto der Commune bescheiden aus. Nicht einmal 900 Gefallene hatten die Regierungstruppen zu beklagen. Hinzu kamen an die 70 weitere Todesopfer; fast alles Geiseln, die erst in Reaktion auf Massenerschießungen der Regierungstruppen hingerichtet wurden.

Gleichwohl war die bürgerliche Geschichtsschreibung lange Zeit blind für die Wahrnehmung dieser Realitäten. Unter dem Eindruck einer konservativen Regierungspropaganda verkam ihr die Pariser Commune zu einem Gruselkabinett proletarischer Grausamkeiten. Marxistische Historiker hingegen verklärten sie zum Urbild des Sowjetstaates. Sie war weder das eine noch das andere. Sie war ein dünner Silberstreif der Hoffnung auf eine bessere Welt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk