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StartseiteForschung aktuellJunges Blut kann Alterungsprozesse umkehren30.11.2015

Blutstammzellen Junges Blut kann Alterungsprozesse umkehren

Im Alter lässt das Gedächtnis nach und der Geist wird langsamer. Forscher aus den USA haben jetzt ausprobiert, ob sie diesen Prozess aufhalten können, indem sie älteren Mäusen Knochenmark von jüngeren Mäusen übertragen. Das Ergebnis: Das junge Blut wirkt wie ein Jungbrunnen. Womöglich gibt es Anknüpfungspunkte für den Menschen.

Von Katrin Zöfel

Labormäuse eignen sich nur bedingt, um die Effekte menschlicher Immunzellen zu verstehen (dpa/picture alliance/Ferdinand Ostrop)
Die alten Mäuse, die das junge Knochenmark bekommen hatten, waren auf einen Schlag agiler, neugieriger und lernten schneller. (dpa/picture alliance/Ferdinand Ostrop)

Jeder Mensch altert, der eine schneller, der andere langsamer. Eng verknüpft mit dem körperlichen Verfall sind Krankheiten wie Huntington's, amyotrophe Lateralsklerose oder Parkinson. Wer also das Altern besser versteht, ist vielleicht auch einer Therapie für diese Erkrankungen auf der Spur. Davon ist Melanie Das fest überzeugt. Sie forscht am Cedars Sinai Medical Centre in Los Angeles.

"Wir haben das Knochenmark einer jungen Maus genommen und es in ältere Tiere transplantiert. Nach einigen Monaten Erholungszeit untersuchten wir ihr Verhalten, ihren Stoffwechsel und ihre kognitiven Fähigkeiten."

Agiler und lernfähiger nach der Therapie

Das Ergebnis fiel überraschend eindeutig aus. Damit hatte die Forscherin nicht gerechnet, denn schließlich ist eine Knochenmarkstransplantation ein strapaziöser Eingriff.

"Ich war sehr überrascht, dass der Effekt so deutlich war. Die alten Mäuse, die das junge Knochenmark bekommen hatten, waren auf einen Schlag agiler, neugieriger und lernten schneller."

Das Blut, das die transplantierten Blutstammzellen im Knochenmark der alten Tiere produzierten, verjüngte die Tiere. Und das schlug sich nicht nur in ihrem Verhalten nieder. Es hinterließ auch sichtbare, körperliche Spuren.

"Wir haben uns verschiedene Gewebe angeschaut, vor allem im Gehirn. Auffällig war, dass wir weniger Entzündungen und insgesamt weniger fürs Altern typische Marker fanden. Außerdem konnten wir sehen, dass der Hippocampus, also eine bestimmte Hirnregion, größer war als bei alten Mäusen üblich."

Der Hippocampus, tief im Inneren des Gehirns, ist wichtig für das Lernen und für Erinnerungen. Im Alter schrumpft er. Warum und wie das junge Blut den Hippocampus der Mäuse wieder größer werden lässt, wissen die Forscher nicht. Vielleicht, vermuten sie, ist das Gewebe einfach insgesamt gesünder und damit praller, oder neuronale Stammzellen produzieren wieder neuen Zellnachschub.

"Es ist schon verrückt. Lange Zeit war das ja nur als Märchen im Umlauf, zum Beispiel bei Dracula. Jetzt zeigt sich, Blut kontrolliert tatsächlich, ob und wie der Körper altert. Junges Blut kann Alterungsprozesse umkehren."

Blut ist ein ganz besonderer "Saft"

Zumindest im Tierversuch. Besonders bestechend ist am Ansatz der US-Forscherin, dass ihre Methode auf viele verschiedene Gewebe wirkt, und nicht für jedes alternde Organ eine eigene Therapie gefunden werden muss. Allerdings, und das liegt auf der Hand: Eine Knochenmarkstransplantation ist und bleibt eine ausgesprochen rabiate Therapie, die Ganzkörper-Bestrahlung im Vorfeld und eine mögliche Abstoßung der transplantierten Zellen bergen ernste Risiken. Wer nur dem Altern ein Schnippchen schlagen will, wird kaum darauf zurückgreifen wollen. Doch Melanie Das sucht alternative Wege:

"Wir denken darüber, ob und wie man iPS-Zellen nutzen könnte, also induzierte pluripotente Stammzellen. Dafür würde man Zellen eines Patienten in Stammzellen verwandeln und dann aus ihnen Blutstammzellen züchten. Die könnte man in sein Knochenmark transplantieren. Oder, das wäre noch besser: Man lässt sie weiter ausreifen, bis sie zu Blutzellen werden, die dann den Patienten direkt ins Blut gegeben werden. Die zweite Variante fänden wir ideal."

Das ist natürlich noch Zukunftsmusik. Und Patienten müssten, selbst wenn Forscher und Ärzte einmal so weit sind, erhebliche Risiken in Kauf nehmen. In jedem Fall aber, zeigt die Arbeit aus Kalifornien einmal mehr: Blut ist ein ganz besonderer Saft.

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