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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Bogdan Musial: Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 194104.09.2000

Bogdan Musial: Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941

Ullstein Verlag, Berlin/München. 2000

Wolfram Wette

Der nun folgende Beitrag handelt von einem Buch, das der deutsch polnische Historiker Bogdan Musial vorgelegt hat. Musial hat im vergangenen Jahr von sich reden gemacht, weil er entdeckt hatte, dass einige Fotos in der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht. 1941 bis 1944" eine fehlerhafte Legende aufwiesen. Wolfram Wette sagt Ihnen nun, was von Bodan Musial und seiner Forschung zu halten ist.

Bogdan Musial sieht sich heute als der Held, der bewirkt hat, dass die Hamburger Wehrmachtsausstellung zur Überarbeitung zurückgezogen worden ist. Nun tritt er mit einem Buch an die Öffentlichkeit, über das man nur den Kopf schütteln kann. Es steckt voller Widersprüche. Schon der Titel lässt das Verquere der Argumentation ahnen.

"Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen" - Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941.

Musial überrascht damit, dass er einen Zusammenhang herstellt zwischen der - von Verbrechen begleiteten - sowjetischen Besatzungspolitik in Ostpolen auf der einen Seite und der deutschen Kriegführung gegen die Sowjetunion auf der anderen. Er tut dies, obwohl er genau weiß und es eingangs auch ausdrücklich so schreibt:

"dass der Krieg gegen die UdSSR von den Nationalsozialisten von vornherein als Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg geplant war"

und dass keine Rede davon sein könne,

"dass erst die sowjetischen Verbrechen oder gar ein bevorstehender sowjetischer Angriff (die sogenannte Präventivkriegsthese) die deutsche Seite veranlasst hätten, einen derart brutalen Krieg zu führen."

Um so mehr muss man sich wundern, dass sich Musial zumal im letzten Drittel seines Buches zu völlig anderslautenden Thesen versteigt. Die übrigen Teile enthalten durchaus interessante Informationen. Sie sind der sowjetischen Besatzungspolitik im östlichen Teil Polens gewidmet. In dem durch den Hitler-Stalin-Pakt erneut geteilten und besetzten Polen sieht der deutsch-polnische Historiker ein ideales Terrain für einen Vergleich der Politik der beiden totalitären Systeme. Musial beklagt, dass die nationalsozialistischen Verbrechen im westlichen Teil Polens weithin bekannt seien, während man über die Untaten der sowjetischen Kommunisten in Ostpolen bis heute nur wenig wisse. Bekannt sei allenfalls die Ermordung von mehr als 4.000 polnischen Offizieren in Katyn, schon weniger, dass auf Beschluss des Politbüros der KPdSU gleichzeitig über 7.000 polnische Zivilpersonen erschossen wurden. Musial führt den - von ihm eingeforderten - Vergleich selbst nicht durch, nimmt aber das zu erwartende Ergebnis vorweg, wenn er schreibt:

"Zwischen 1939 und 1941 ... war der sowjetische Terror in Ostpolen mit dem NS-Terror im deutsch besetzten Polen vergleichbar, wenn nicht schlimmer."

Hier erkennt man unschwer die - von einem spezifisch polnischen Antisowjetismus vorgeprägte - Einstellung des Autors. Im einzelnen schildert Musial die Etablierung der sowjetischen Herrschaft, die unter anderem mit der Deportation von etwa 340.000 ehemals polnischen Bürgern in das Innere der Sowjetunion verknüpft war. In einem aufschlussreichen Abschnitt des Buches erfahren wir, wie sich die Sowjetisierung Ostpolens auf die polnische, ukrainische, weißrussische und jüdische Bevölkerung des Landes auswirkte, die in diesem Teil Europas schon immer in einem spannungs- und konfliktreichen Verhältnis zusammengelebt hatte. Unter der sowjetischen Besatzungsmacht verbesserte sich die Lage der polnischen Juden. Sie erhielten gleiche Rechte. Etliche Juden zeigten ihre Dankbarkeit dadurch, dass sie mit der sowjetischen Administration konstruktiv zusammenarbeiteten, was von den anderen Bevölkerungsteilen als Kollaboration denunziert wurde. In einem Kapitel mit der Überschrift "Die Juden als angebliche Mittäter" stellt Musial die nur schlecht belegte Behauptung auf, dass sich Juden in exponierter Weise an Verbrechen der sowjetischen Besatzungsmacht beteiligt hätten. Gleichzeitig räumt er ein, dass die sowjetischen Behörden auch mehr als 60.000 Juden deportierten und dass sie jene Juden, die zur sozialen und wirtschaftlichen Elite des Landes gehörten, enteigneten und den jüdischen Bevölkerungsteil somit seiner traditionellen Führungsschicht beraubten. Der Autor lässt sich in diesem Zusammenhang zu der Behauptung hinreißen, die Zehntausende jüdischer Opfer der - beim Abzug der Roten Armee im Juni 1941 einsetzenden - Pogrome seien an ihrer eigenen Ermordung zumindest mitschuldig.

"Die antijüdischen Emotionen resultierten aus dem Verhalten, das nicht wenige Juden gegenüber Nichtjuden an den Tag legten, und dem Umstand, dass viele Nichtjuden die Juden mit der sowjetischen Herrschaft identifizierten.

Der deutsche Überfall vom 22. Juni 1941 stellte die sowjetischen Behörden überraschend vor die Frage, was mit den - aus politischen Gründen festgesetzten - Gefangenen geschehen sollte: Freilassung, Evakuierung oder Ermordung? Der Chef des NKWD, Berija, entschied am 26. Juni 1941, dass die "konterrevolutionären Elemente" unter den Gefangenen erschossen werden sollten. Ohne den Vergleich mit der rassistischen deutschen Vernichtungspolitik zu führen, kommentiert Musial:

"Der Befehl zum Mord an den Gefängnisinsassen entsprach der Logik der sowjetischen Kommunisten, derzufolge wirkliche oder vermeintliche Feinde physisch zu vernichten waren."

Im letzten problematischen Drittel seines Buches spielt Musial mit der provozierenden These, die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941 könne als eine Reaktion auf die konkrete Konfrontation deutscher Soldaten mit den Gefangenenmorden des NKWD erklärt werden. Hier wird eindeutig die Chronologie außer Kraft gesetzt und ein Nebenaspekt zur Hauptsache erklärt. Mehrfach entsteht der Eindruck, dass hier in leichtfertiger Weise Täter und Opfer verwechselt werden.

Wolfram Wette über Bogdan Musial, "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen" - Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Ullstein Verlag, Berlin/München. 349 Seiten, DM 44,--.

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