Donnerstag, 01. Dezember 2022

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Bosnien-Herzegowina
Saudis in Sarajevo schlägt Skepsis entgegen

Arabische Golf-Staaten-Einwohner gelten als reich und verwöhnt, müssen allerdings in Wüstensand, Hitze und Trockenheit leben. Ihre Sehnsucht nach grüner Natur, Flüssen und Gebirgslandschaften hat jetzt ein Ziel gefunden - den Balkan. Denn: In Bosnien leben auch Muslime. Doch deren Begeisterung über die anreisenden zahlungskräftigen Strenggläubigen ist keineswegs einhellig.

Von Christoph Kersting | 08.12.2016

    Blick auf Sarajevo, aufgenommen am 14.11.2006.
    Blick auf Sarajevo (picture alliance / dpa / Matthias Schrader)
    Das Sarajevo City Center an einem Freitagnachmittag. Die größte Shopping Mall in Sarajevo wurde im März 2014 eröffnet und erstreckt sich über die unteren drei Ebenen des Al-Shiddi-Towers im Zentrum der bosnischen Hauptstadt. Der Name des 74 Meter hohen Wolkenkratzers mit Büros und einem Luxushotel verweist auf den arabischen Investor, die saudische Al-Shiddi-Gruppe. Der 50-Millionen-Euro-Bau ist nicht das einzige Projekt von Al Shiddi in Sarajevo.
    Ein Zaun als Schirm und Schutz
    Auf der untersten Ebene des Einkaufszentrums steht Mirnesa Subasic perfekt geschminkt im beigefarbenen Kostüm hinter einem Informationsstand mit allerlei Broschüren. Mirnesa hat auch schon als Model in Deutschland gearbeitet, jetzt gehört die 22-Jährige zum Verkaufsteam von Al Shiddi. An dem Stand bewerben die Saudis eine Villensiedlung im Nordosten Sarajevos. "Poljine Hills" soll Ende 2017 bezugsfertig sein; die über 200 Villen und Apartments bilden eine "Gated Community", sprich: Es kommt nur rein, wer hier auch wohnt, hinter einem meterhohen Zaun.
    85 Prozent der Villen seien schon verkauft, erzählt Mirnesa. An reiche Exil-Bosnier, vor allem aber an Käufer aus den Golfstaaten: Kuweit, Katar, Saudi-Arabien. Mitte September etwa legte ein Projektentwickler aus Dubai den Grundstein für ein 140 Hektar großes Touristen-Resort südlich von Sarajevo. Angebliche Baukosten: über zwei Milliarden Euro.
    Wälder, Flüsse, Berge - ein Himmelreich für Wüstenbewohner
    Neben Großinvestoren kommen aber auch immer mehr Touristen aus arabischen Ländern in den muslimisch geprägten Teil Bosnien-Herzegowinas, in diesem Jahr sollen es über 60.000 Besucher gewesen sein. Im Sommer jedenfalls sind die Straßen voll von Menschen aus den Golfstaaten, vor allem in Ilidza, einem westlichen Außenbezirk Sarajevos.
    Ahmad Muhamad muss nicht lange überlegen, was ihn aus Kuweit auf den Balkan gezogen hat. Ahmad ist Geschäftsmann, besitzt inzwischen mehrere Autovermietungen in Sarajevo und hat sich in der Hauptstadt kürzlich ein Haus gekauft: "Die Wälder, Flüsse, Berge: All das haben wir ja nicht bei uns. Das ist für uns wie 'Dzenet', wie das Himmelreich. Wir fühlen uns hier nicht fremd, es gibt viele Muslime, Moscheen, das Essen ist halal."
    Vollverschleierung ist gewöhnungsbedürftig
    Grundsätzlich sei es zu begrüßen, dass Menschen wie Ahmad Muhamad sein Land besuchen oder auch länger bleiben, findet Jan Hotic. Der 24-Jährige verkauft in Ilidza Kleidung auf einem Markt: "Wir haben davon vor allem in diesem Sommer stark profitiert, die Araber lassen ja viel Geld hier, und das ist doch erstmal eine gute Sache. Vielen Leuten in Sarajevo gefällt das allerdings nicht. Sie fürchten, dass diese Menschen auch ihre Kultur und ihre Gebräuche mitbringen. Und ich muss schon zugeben: Diese vielen Frauen ganz in Schwarz und voll verschleiert, das ist schon gewöhnungsbedürftig. Die Entwicklung ging da einfach zu schnell hier."
    Unsere Muslime essen Schweinefleisch und trinken Alkohol
    Das sieht auch Emela Burdzovic so. Die bekannte bosnische Journalistin hat im Juni einen in ihrer Heimat viel diskutierten Artikel im Internet veröffentlicht mit dem Titel: "Sind wir xenophob gegenüber Arabern in Bosnien?"
    "Die Araber sind inzwischen ein großes Thema hier. Und viele, mich eingeschlossen, machen sich ernsthafte Sorgen. Warum? Weil wir uns eingenommen fühlen. Wir sind nicht xenophob, aber wir haben das Gefühl, dass unser Land verkauft wird. Natürlich bringen die Araber Geld ins Land, aber wofür? Für Shopping Malls und viel schönen Schein. Aber das Land, unsere Leute profitieren da nicht wirklich von. Ich selbst bin Muslimin, ich bin aber vor allem Europäerin. Und das passt nicht zur Lebensweise dieser Strenggläubigen. Die meisten Muslime hier essen ja auch Schweinefleisch, trinken Alkohol..."
    Dafür gehen die Menschen in Sarajevo allerdings nicht in den Al-Shiddi-Tower: Alkohol und Schweinefleisch sind verboten in der größten Shopping-Mall der Stadt.