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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Pflanze, die gern Purzelbäume schlägt18.03.2018

BotanikDie Pflanze, die gern Purzelbäume schlägt

Pflanzen, die programmierten Suizid begehen oder sich mit Gender-Fragen beschäftigen: Die Themenvielfalt, die der Schweizer Biologe Ewald Weber in seinem neuen Buch anreißt, ist groß. "Die Pflanze, die gern Purzelbäume schlägt" ist kurzweilig, amüsant und lehrreich.

Von Dagmar Röhrlich

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Fichtenspargel, fotografiert in Nordtirol in Österreich (imago/imagebroker)
Mangels Chlorophyll kann der Fichtenspargel nur als Parasit überleben (imago/imagebroker)
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Wer im Frühsommer im Wald spazieren geht, sieht hin und wieder im Moos eine merkwürdige Pflanze: Bleiche Stengel, wie ein Spazierstock gekrümmt, mit kränklich-blassen Blüten. Was da wächst ist der Fichtenspargel, eine bizarre Pflanze, die im Mittelpunkt eines von 25 Essays in Ewald Webers Buch steht.

Beredt beschreibt der Autor, wie sich dieses seltsame Gewächs ernährt: Mangels Chlorophyll kann der Fichtenspargel nämlich nicht die pflanzenübliche Methode mit der Photosynthese einsetzen. Vielmehr hat er sich auf ein Leben als Parasit verlegt.

Dreiecksbeziehung mit Wurzelpilzen und Bäumen

Genauer: Er macht es sich in einer Dreiecksbeziehung mit Wurzelpilzen und Bäumen gemütlich - wobei der bleiche Fichtenspargel Pilze parasitiert, die mit Bäumen in Symbiose leben, von ihnen Kohlenhydrate im Gegenzug für Wasser und Nährsalze erhalten.

Für Pflanzen, die ja eigentlich als Primärproduzenten die irdischen Ökosysteme antreiben, ist es ein ungeheurer Schritt von "selbsternährend hin zum Verzehr organischer Stoffe anderer Lebewesen". Und dabei "wählt" der Fichtenspargel auch noch eine - wenn man so will - besonders kluge "Strategie": Er parasitiert nicht den Baum direkt, denn wenn der stürbe, wäre es auch mit ihm vorbei. Vielmehr hat er sich auf die Wurzelpilze verlegt, deren unterirdisches Geflecht viele Bäume miteinander verbindet.

Als das Salzkraut eine Stadt überrollte

Das Buch steckt voll faszinierender Geschichten dieser Art. Da ist das Binnenland-Salzkraut, ein Steppenroller, der die Anregung für den Buchtitel gab. Obwohl dieses Binnenland-Salzkraut ein ebenso beliebter wie typischer Statist in Cowboy-Filmen ist, stammt es eigentlich aus Osteuropa. Erst als es nach Nordamerika "auswanderte", konnte es in der neuen Umgebung zu einer wahren Plage werden. Beispielsweise 1989 in South Dakota. Damals sank durch zwei heiße, regenarme Sommer hintereinander der Flusspegel des Missouri so stark ab, dass breite Strände offen lagen - und dort explodierten die Bestände des Binnenland-Salzkrauts regelrecht.

60 Häuser unter Binnenland-Salzkraut begraben

Im Herbst waren die Pflanzen dann reif und bereit, sich auf ihre kullernde Reise zu machen. In der Nacht zum 8. November waren die Bedingungen ideal: Starke Westwinde rissen die dürren Kugeln ab, trieben sie zu Tausenden in die Kleinstadt Mobridge und türmten sie dort auf. 60 Häuser wurden regelrecht unter Binnenland-Salzkraut begraben. Die Stadtverwaltung musste schweres Gerät anrücken lassen: Insgesamt 30 Tonnen der leicht entzündlichen, dürren Fruchtstände wurden aus der Stadt geschafft.

Ob der "Baum, der keine Nachbarn duldet" (der Walnussbaum), "suizidale" Sukkulenten vom Meeresstrand (der Queller) oder leicht entzündliche Blumen, die sich in die Tropen sehnen (der Diptam) - das Buch ist eine Fundgrube für Geschichten rund um Pflanzen. Ewald Weber breitet einen bunten Reigen von unterschiedlichen Protagonisten aus, deren Überlebenstricks und evolutionären Anpassungen er unterhaltsam vermittelt. Ein rundum gelungenes Buch, für das die liebevollen Aquarelle von Rita Mühlbauer das i-Tüpfelchen sind.

"Die Pflanze, die gern Purzelbäume schlägt - und andere Geschichten von Seidelbast, Walnuss & Co."
Sachbuch von Ewald Weber, Illustrationen von Rita Mühlbauer. Oekom Verlag, München 2018. 240 Seiten, 22 Euro.

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