BreitensportWarum es immer weniger Volksläufe gibt

Frankfurt, Bonn, Köln, Dresden: Die großen Laufveranstaltungen in diesem Jahr finden virtuell statt – wenn überhaupt. Corona trifft die Volksläufe mit voller Härte. Doch die hatten auch schon vor der Pandemie mit Problemen zu kämpfen.

Von Christian von Stülpnagel | 16.10.2021

Männer beim Hermannslauf in Detmold am 29. April 2018.
Läufe wie der Hermannslauf in Detmold werden immer seltener. (imago sportfotodienst/Strohdiek/Eibner-Pressefoto)
Wenn Ulrike Lutz-Puhlmann an den Boostedt-Lauf zurückdenkt, kommen ihr vor allem schöne Erinnerungen in den Sinn: "Ich fand das sehr familiär, das hatte einfach eine schöne Atmosphäre. Wir haben den Wald. Den konnte man nutzen. Schon von der Strecke her war es sehr, sehr schön."
Seit 2005 hat Lutz-Puhlmann den Boostedt-Lauf organisiert. Eine kleine Laufveranstaltung nördlich von Hamburg, in der Nähe von Neumünster. Am Ende rund 500 Teilnehmer, getragen vom Verein SV Boostedt. Aber 2017, zur 20. Ausgabe des Laufes, will Lutz-Puhlmann die Aufgabe weitergeben: "Und da habe ich natürlich auch gehofft, dass es irgendjemanden gibt, der mal übernimmt. Aber da haben wir leider kein gefunden."
Kein Nachfolger, der die Organisation des Laufes übernehmen will. Und das bedeutet: Die 20. Ausgabe des Boostedt-Laufs im Jahr 2017 ist die letzte.

Boostedt-Lauf kein Einzelfall

Und der Boostedt-Lauf ist bei weitem kein Einzelfall. Überall in Deutschland sind es vor allem kleine Volksläufe, die irgendwann einfach nicht mehr stattfinden. Laut dem Deutschen Leichtathletik-Verband haben zu den Hochzeiten im Jahr 2006 3856 Laufveranstaltungen stattgefunden. Seitdem ist diese Zahl kontinuierlich gesunken, auf 3416 Veranstaltungen im Vor-Corona-Jahr 2019. Ein Rückgang um 11,4 Prozent in knapp 15 Jahren.
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Corona trifft den deutschen Breitensport hart
Viele der rund 90.000 Vereine in Deutschland bringt die Corona-Pandemie in Bedrängnis. Der Deutsche Olympische Sportbund ist in die Kritik geraten: Er habe nicht genug Lobbyarbeit bei der Politik geleistet.
Die Gründe dafür ähneln denen in Boostedt, sagt Jochen Miersch, Sprecher der Laufwarte beim Deutschen Leichtathletik Verband: "Die Probleme kommen durch den Wegfall einzelner Führungspersönlichkeiten. Und dann ist leider das System zusammengebrochen."

Überalterung, fehlender Nachwuchs, strenge Auflagen

Die großen, überregionalen Läufe, die von professionellen Veranstaltern organisiert werden, könnten das noch auffangen. Aber gerade bei Läufen, die von einem kleinen Verein oder Gemeinden getragen werden, kommen mehrere Probleme zusammen: "Kurz gesagt: Überalterung, fehlende rechtzeitige Einbindung von jungen Leuten in die Führungsgeschäfte und mehr Auflagen durch die Behörden."
Wilfried Raatz sieht aber noch einen anderen Grund, warum die Zahl an Laufveranstaltungen seit Jahren zurückgeht: "Man muss allerdings sagen, dass in den letzten Jahren ein gewisser Verdrängungswettbewerb stattgefunden hat."
Raatz ist zweiter Vorsitzender der German Road Races, einem Verband von Laufveranstaltern: "Wir haben ein Überangebot gehabt, und einiges ist einfach durch das große Raster durchgefallen, weil die Konkurrenz erheblich ist. Und mittlerweile sind die Läufe auch anspruchsvoller geworden. Man erwartet vielleicht ein Rahmenprogramm, und das ist für einen Veranstalter ein riesen Kostenfaktor."

Mehrere Marathons in diesem Jahr virtuell

Jo Schindler könnte dieses Rahmenprogramm auf die Beine stellen. Seit 2002 organisiert er den Marathon im Frankfurt am Main. In der Regel findet das Rennen am letzten Wochenende im Oktober statt.
Doch im August hat Schindler E-Mails an die Teilnehmer verschickt: Der Lauf muss leider ausfallen. Zum zweiten Mal in Folge, weil es wegen der Corona-Pandemie zu viele Unsicherheiten gibt. "Heute weiß ich nicht, was am 31. Oktober, unserem eigentlichen Renntag, die rechtliche Grundlage ist. Und das ist eben die Situation das ganze Jahr über schon, dass es immer im vier Wochen-Rhythmus verlängert wird. Und damit ist es natürlich völlig unmöglich, eine Veranstaltung zu planen."
Schwerin Fuenf-Seen-Lauf 2021 Schwerin, 03.07.21 Teilnehmer beim Schwerin Fuenf-Seen-Lauf 2021 Schwerin, 03.07.21 *** Schwerin Five Lakes Run 2021 Schwerin, 03 07 21 Participants in the Schwerin Five Lakes Run 2021 Schwerin, 03 07 21 Copyright: xBEAUTIFULxSPORTS/T.xSobczakx
Teilnehmende des Fünf-Seen-Laufs in Schwerin. (IMAGO / Beautiful Sports)
Veranstalter in ganz Deutschland stehen vor ähnlichen Problemen wie Schindler. Der Köln-Marathon findet in diesem Jahr rein virtuell statt, ebenso der Lauf in Bonn. Und anstatt des Dresden-Marathons, der eigentlich für diesen Sonntag geplant war, gibt es lediglich einen abgespeckten "Elbe-Brücken-Lauf".

Bis zu 80 Prozent wenige Läufe

Und die Herausforderungen bleiben. Wilfried Raatz von den German Road Races geht davon aus, dass nach der Corona-Pandemie bis zu 10 Prozent der Läufe nicht mehr stattfinden werden. Der DLV schaut noch pessimistischer auf das kommende Jahr. Zwischen 22 bis 80 Prozent weniger angemeldete Läufe gebe es bisher.
Jo Schindler vom Frankfurt-Marathon will sich von diesen Zahlen aber nicht beeindrucken lassen. Laufveranstaltungen, so sagt er, haben auch in den kommenden Jahren ein hohes Potenzial: "Es sind noch nie so viele Leute gelaufen, wie in den letzten Monaten, haben mit dem Laufen begonnen, wie in den letzten zwei Jahren. Viele haben die Pandemie genutzt, um wieder einzusteigen. Und die gilt es natürlich dann auch für uns Veranstalter zu gewinnen."

So viele Läufer wie nie

Und auch schon vor der Pandemie hat es nicht an Läuferinnen und Läufern gemangelt. Auch wenn die Zahl der Veranstaltungen seit 2006 kontinuierlich sinkt, die Teilnehmerzahlen an den Volksläufen in Deutschland sind im gleichen Zeitraum um 500.000 gestiegen.
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Ein Trend, der Jochen Miersch von Deutschen Leichtathletik-Verband positiv stimmt: "Also ich gehe davon aus, dass das Laufen, weil es eine Bewegungsart des Menschen ist, nach wie vor einen hohen Stellenwert hat. Und deswegen gehe ich davon aus, dass das Laufen uns auch als Sport und Wettkampfsport erhalten bleibt".
Und auch in Boostedt hat Ulrike Lutz-Puhlmann noch nicht aufgegeben. Im kommenden Jahr soll es, soweit die Organisation klappt, wieder eine Ausgabe des Boostedt-Laufs geben, diesmal als Frühlingslauf: "Einfach abgespeckt. Also, das war schon viel, mit dieser Siegerehrung, wo die Drittplatzierten neben dem Pokal auch immer noch Präsente bekommen haben. Also da hing einfach so viel dran. Das kann man, glaube ich, einfach einfacher gestalten."
Einen neuen Organisator hat Ulrike Lutz-Puhlmann auch schon gefunden: Ihren Mann. Jemand anderes wollte nicht.