Zart wie ein Hauch, licht wie ein Aquarell, so muten die Gedichte des isländischen Lyrikers Snorri Hjartarson an. Nur vier Lyrikbände wurden von ihm in den Jahren 1944 bis 1979 veröffentlicht, doch spiegelt sich in diesen Gedichten ein Sprach- und Formempfinden wider, das durchaus als vollkommen bezeichnet werden kann. Aus seinen 151 veröffentlichten Gedichten liegt jetzt eine zweisprachige Auswahl vor. Snorri Hjartarson, geboren 1906, ging zunächst zum Kunststudium nach Kopenhagen und Oslo. Doch schon bald erkannte er, daß seine Begabung in der Literatur lag. 1934 erschien in Oslo sein Roman "Hoch fliegt der Rabe" in norwegischer Sprache. Ein Künstlerroman, der deutlich autobiographische Züge trägt. Nach seiner Rückkehr nach Island 1936 sollte es noch acht Jahre dauern, bis sein erster Lyrikband mit dem Titel "Gedichte" erschien. Die Gedichte wurden 1944 als Liebeserklärung an die junge, gerade ausgerufene isländische Republik gelesen. Die isländische Kultur und Natur waren seine Themen, die er in farbenreichen Bildern in seinen Gedichten umzusetzen verstand. Sicher hängt das mit seiner Ausbildung als Maler zusammen, daß er diese visuelle Sprache fand. Man nannte ihn deshalb auch den Maler unter den isländischen Lyrikern. Die Natur Islands war ihm ein wichtiger Lehrmeister und Inspiration. Wasserfälle, Berge, die Heidelandschaft und das Meer tauchen immer wieder auf, ebenso wie die Jahreszeiten, die Farben und vor allem die Lichtspiele der Sonne des Nordens. Isländische Landschaften sind nie Natur pur, sondern immer auch mythische Landschaften. Snorri Hjartarson verweist in dem Gedicht "Auf der Gnitaheide" auf den Ort, an dem der Drache den Nibelungenhort bewachte. Das Gedicht erschien 1952 in dem gleichnamigen Lyrikband:
Auf der Gnitaheide Nie früher sah ich so viel- schönfarbigen Tag: neuer Schnee in grünem Gras, rot und gelb das Laub im Schnee, der Berg erwächst aus rostigbraunen Bäumen blau und schneebeschlagen, stahl- glänzend und wie Silber weiß: Gesangs-Rune auf Schwert-Zunge. Das Nachtdunkel kriecht aus dem Palast des glühendroten Goldes. Wer
geht zum Töten in seiner Spur? Tag, oh Leben!
Eine weitere Referenz in Snorri Hjartarsons Gedichten sind die Themen und Stilmittel der Edda. Stabreime und Kenningar, poetische Wortschöpfungen, wie sie die Skaldendichter im Mittelalter verwendeten, findet man in seiner Lyrik. Aber er war kein Traditionalist, sondern für ihn war das Bewahren der Tradition ein politisches Programm. 1946 schloß Island mit den USA einen Vertrag ab, der die Stationierung amerikanischer Truppen in Keflavík vorsah, und 1949 trat Island der NATO bei. Beide Ereignisse ließen viele Isländer um ihre gerade gewonnene Eigenständigkeit fürchten. Die isländischen Autoren seiner Generation besannen sich deshalb in ihren Werken auf die traditionellen Themen und Formen, um damit die nationale kulturelle Identität zu erhalten. Auch in dem Gedicht "Gnitaheide" klingt die Angst vor den übermächtigen Weltmächten an, die den kleinen Inselstaat zum Spielball ihrer Politik machen: "Wer geht zum Töten in seiner Spur?" Snorri Hjartarson kleidete seine Sorgen um die Zukunft zunehmend in eine poetische Düsternis. Seine Sprache wurde knapper, verdichtet auf das Wesentliche.
Herbstabend Ruhig fliegt ein Rabe übers Heideland
rot das Kraut im grauen Moos
Still durchzieht den Sinn die Trauer von vergangenen Herbstabenden
Wurzeln im Wiesenfeld
Flügel vor Wolken
Das Dunkel magischblau und die Berge
Die Welt des Menschen am Scheideweg zwischen zwei Welten.
Das Gedicht "Herbstabend" ist aus dem Gedichtband "Laub und Sterne" aus dem Jahr 1966. Für die 1979 erschienene Lyriksammlung "Herbstdunkel über mir" erhielt er zwei Jahre später den Literaturpreis des Nordischen Rates. Hier hört man auch die elegischen Töne eines alten Mannes, der von seiner Einsamkeit und dem nahenden Tod spricht. Snorri Hjartarson starb 1986. Obwohl er sich von den jüngeren Dichtern abgrenzte, so ist doch sein Einfluß auf sie unleugbar. Snorri Hjartarson zählt nicht nur zu den bedeutenden Lyrikern Islands, sondern er veröffentlichte auch zahlreiche Literatur- und Kunstkritiken.
Brennend fliegt ein Schwan Brennend fliegt ein Schwan auf hellen Feuerschwingen
reckt den schwarzen Hals
geflogen aus dem Feuer das nichts schont
reckt den schwarzen Hals stürzt ab
Der vorliegende, zweisprachige Band "Brennend fliegt ein Schwan" vermittelt einen hervorragenden Eindruck von der lyrischen Kraft Snorri Hjartarsons und seinem sprachlichen Formbewußtsein. Zusammengestellt und übersetzt wurden die Gedichte von Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer. Der Isländer Gíslason liefert die Interlinearübersetzungen, die die Basis für die poetischen Übersetzungen bieten. So liegen auch auf Deutsch wirkliche Gedichte vor. Der Skandinavist Gert Kreutzer gibt in seinem Nachwort aufschlußreiche Informationen über Werk und Leben des Lyrikers. Der Gedichtband erscheint in der gewohnt aufwendigen und ansprechenden Ausstattung des Verlages Kleinheinrich, zudem wird er durch die kongenialen Aquarelle Bernd Koberlings abgerundet. Koberling reist seit über zwanzig Jahren immer wieder nach Island, wo er sich von den Landschaften, Farben und Jahreszeiten inspirieren läßt. Die abgebildeten Aquarelle entstanden im Sommer 1996 und Winter 1997 im Osten der Insel.
Auf der Gnitaheide Nie früher sah ich so viel- schönfarbigen Tag: neuer Schnee in grünem Gras, rot und gelb das Laub im Schnee, der Berg erwächst aus rostigbraunen Bäumen blau und schneebeschlagen, stahl- glänzend und wie Silber weiß: Gesangs-Rune auf Schwert-Zunge. Das Nachtdunkel kriecht aus dem Palast des glühendroten Goldes. Wer
geht zum Töten in seiner Spur? Tag, oh Leben!
Eine weitere Referenz in Snorri Hjartarsons Gedichten sind die Themen und Stilmittel der Edda. Stabreime und Kenningar, poetische Wortschöpfungen, wie sie die Skaldendichter im Mittelalter verwendeten, findet man in seiner Lyrik. Aber er war kein Traditionalist, sondern für ihn war das Bewahren der Tradition ein politisches Programm. 1946 schloß Island mit den USA einen Vertrag ab, der die Stationierung amerikanischer Truppen in Keflavík vorsah, und 1949 trat Island der NATO bei. Beide Ereignisse ließen viele Isländer um ihre gerade gewonnene Eigenständigkeit fürchten. Die isländischen Autoren seiner Generation besannen sich deshalb in ihren Werken auf die traditionellen Themen und Formen, um damit die nationale kulturelle Identität zu erhalten. Auch in dem Gedicht "Gnitaheide" klingt die Angst vor den übermächtigen Weltmächten an, die den kleinen Inselstaat zum Spielball ihrer Politik machen: "Wer geht zum Töten in seiner Spur?" Snorri Hjartarson kleidete seine Sorgen um die Zukunft zunehmend in eine poetische Düsternis. Seine Sprache wurde knapper, verdichtet auf das Wesentliche.
Herbstabend Ruhig fliegt ein Rabe übers Heideland
rot das Kraut im grauen Moos
Still durchzieht den Sinn die Trauer von vergangenen Herbstabenden
Wurzeln im Wiesenfeld
Flügel vor Wolken
Das Dunkel magischblau und die Berge
Die Welt des Menschen am Scheideweg zwischen zwei Welten.
Das Gedicht "Herbstabend" ist aus dem Gedichtband "Laub und Sterne" aus dem Jahr 1966. Für die 1979 erschienene Lyriksammlung "Herbstdunkel über mir" erhielt er zwei Jahre später den Literaturpreis des Nordischen Rates. Hier hört man auch die elegischen Töne eines alten Mannes, der von seiner Einsamkeit und dem nahenden Tod spricht. Snorri Hjartarson starb 1986. Obwohl er sich von den jüngeren Dichtern abgrenzte, so ist doch sein Einfluß auf sie unleugbar. Snorri Hjartarson zählt nicht nur zu den bedeutenden Lyrikern Islands, sondern er veröffentlichte auch zahlreiche Literatur- und Kunstkritiken.
Brennend fliegt ein Schwan Brennend fliegt ein Schwan auf hellen Feuerschwingen
reckt den schwarzen Hals
geflogen aus dem Feuer das nichts schont
reckt den schwarzen Hals stürzt ab
Der vorliegende, zweisprachige Band "Brennend fliegt ein Schwan" vermittelt einen hervorragenden Eindruck von der lyrischen Kraft Snorri Hjartarsons und seinem sprachlichen Formbewußtsein. Zusammengestellt und übersetzt wurden die Gedichte von Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer. Der Isländer Gíslason liefert die Interlinearübersetzungen, die die Basis für die poetischen Übersetzungen bieten. So liegen auch auf Deutsch wirkliche Gedichte vor. Der Skandinavist Gert Kreutzer gibt in seinem Nachwort aufschlußreiche Informationen über Werk und Leben des Lyrikers. Der Gedichtband erscheint in der gewohnt aufwendigen und ansprechenden Ausstattung des Verlages Kleinheinrich, zudem wird er durch die kongenialen Aquarelle Bernd Koberlings abgerundet. Koberling reist seit über zwanzig Jahren immer wieder nach Island, wo er sich von den Landschaften, Farben und Jahreszeiten inspirieren läßt. Die abgebildeten Aquarelle entstanden im Sommer 1996 und Winter 1997 im Osten der Insel.