Archiv

Brexit und Landwirtschaft Neue Einfuhrzölle können Lebensmittelpreise steigen lassen

Der Brexit könnte Großbritanniens Bauern teuer zu stehen kommen. Ihre Sorge: Dass die britische Regierung keine hohen Zölle einführen wird, um den Markt möglichst offen zu halten, die EU aber bei den Importen aufs Festland sehr wohl hohe Zölle erheben könnte.

Günter Hetzke im Gespräch mit Sandra Schulz | 16.01.2019

Schafe grasen im Nordwesten der Grafschaft Donegal auf einer Weide an der Küste.
Großbritannien ist in vielen Bereichen auf Lebensmittelimporte angewiesen, vor allem bei Fleischwaren und Milchprodukten (imago/Daniela Schmitter)
Sandra Schulz: Das Nein des britischen Unterhauses zum Brexit-Abkommen mit der EU, das wollen wir jetzt zum Anlass nehmen, um mal auf die Reaktionen einer speziellen Berufsgruppe zu schauen, auf die Sorgen in der Landwirtschaft. Denn heute findet ja die Eröffnungspressekonferenz zur weltgrößten Agrar- und Ernährungsmesse "Grüne Woche" statt. Günter Hetzke aus unserer Wirtschaftsredaktion, welche Rolle wird dort die Brexit-Entscheidung spielen?
Einen offiziellen Termin gibt es bereits heute Abend. Da werden sich die Exporteure der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft zur verfahrenen Situation rund um den Brexit äußern. Aber vorher schon wird sicherlich auch Bauernpräsident Joachim Rukwied auf seinen diversen Terminen Stellung beziehen, neben Dürrehilfe, wirtschaftliche Lage und Verhandlungen über den neuen EU-Agraretat. Es geht schließlich um viel Geld und intensive Handelsbeziehungen mit Großbritannien.
Sandra Schulz: Was befürchten denn die Bauern?
Günter Hetzke: Um zunächst mal im Bereich Warenaustausch, also Handel zu bleiben, da ist interessant, dass es unterschiedliche Ansichten gibt bei den britischen Bauern auf der einen und den Landwirten der anderen EU-Länder auf der anderen Seite, was die Folgen betrifft, gleichgültig, ob es einen geregelten und ungeregelten Austritt gibt.
Großbritannien ist auf Lebensmittelimporte angewiesen
Sandra Schulz: Welche Sorgen haben denn britische Landwirte?
Günter Hetzke: Großbritannien ist in vielen Bereichen auf Lebensmittelimporte angewiesen. Um da nur ein Beispiel zu nennen: Beim Schweinefleisch liegt der Selbstversorgungsgrad gerade mal bei gut der Hälfte des Bedarfs, bei rund 60 Prozent. Die britischen Agrargewerkschaften befürchten nun, dass die Regierung alles tun wird, um die reibungslose Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen, damit es da nicht zu immensen Preiserhöhungen aufgrund eines Mangels im Angebot kommt. Die Verbraucher wären erzürnt. Die Sorge der Landwirte ist, dass die britische Regierung keine hohen Zölle einführen wird, um den Markt so offen wie möglich zu halten, die EU aber bei den Importen aufs Festland sehr wohl hohe Zölle erheben könnte – mit der Folge, die britischen Bauern kommen unter die Räder.
Sandra Schulz: Aber die anderen Landwirte in der EU sehen das nicht so?
Günter Hetzke: Zumindest habe ich keine entsprechende Stellungnahme bisher gehört. Hier wird nur auf die Gefahr neuer Einfuhrzölle hingewiesen, die dann die Exportpreise nach Großbritannien steigen lassen könnten, worunter dann die Wettbewerbsfähigkeit und eben auch der Absatz leiden könnten.
Brexit reißt Lücke in EU-Agrarhaushalt
Sandra Schulz: Wie wichtig ist der britische Markt speziell für die deutschen Landwirte?
Günter Hetzke: Wichtige Exportbereiche sind Fleischwaren, Milchprodukte, auch Backwaren und Obst und Gemüse, also ein breites Spektrum. Und tatsächlich exportiert Deutschland weitaus mehr als es von der Insel einführt. Laut Bauernverband wird ein Exportüberschuss im Bereich Agrarprodukte und Lebensmittel in Höhe von etwa dreieinhalb Milliarden Euro pro Jahr erzielt. Mit Blick auf die gesamten deutschen Exporte, da liegt der Anteil Großbritanniens immerhin bei etwas mehr als 5 Prozent. Wobei andere EU-Länder noch viel stärker auf den britischen Markt angewiesen sind, insbesondere Irland. Das Land hatte ja schon für den Fall eines harten Brexit die EU um Nothilfe in Millionenhöhe gebeten. Und da wären wir noch bei einem letzten wichtigen Punkt, den ich jetzt hier nur noch anreißen kann. Neben den reinen Handelsaspekten geht es ja auch noch um viel Geld. Denn wenn Großbritannien die EU verlässt, dann reißt das eine Lücke in den EU-Haushalt, insbesondere den Agrarhaushalt. Es müssen Ausgaben gekürzt werden. Und über einen ersten Vorschlag der EU-Kommission mit Einbußen für die Landwirte und Änderungen bei der Auszahlung wird ja bereits intensiv diskutiert und gestritten. Der Deutsche Bauernverband hofft, dass konkrete Beschlüsse noch im Frühjahr fallen. Denn Ende Mai sind Wahlen zum Europaparlament. Und danach, so die Befürchtung, könnte wieder alles offen sein und die Landwirte auf zwei Seiten unter Druck stehen, bei der Bewältigung des Brexit und der Unsicherheit bei den für die Existenz der Landwirte wichtigen Direktzahlungen der EU.