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StartseiteMusikjournal"Ihre Musik lässt mich an die menschliche Spezies glauben"15.06.2020

Briefe an Beethoven"Ihre Musik lässt mich an die menschliche Spezies glauben"

Beethovens Musik hat den Cellisten Alban Gerhardt schon in frühen Kinderjahren fasziniert. Heute würde er ihm gerne einmal heimlich beim Improvisieren lauschen oder beim Komponieren über die Schulter schauen.

Von Alban Gerhardt

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Der Cellist Alban Gerhardt, 2014 (DSO / Sim Canetty-Clarke/Hyperion Records)
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Geliebter, verehrter Ludwig van Beethoven,
 
ich bitte Sie inständigst mir meine Ungezogenheit zu verzeihen, Sie mit einem Brief zu belästigen. Als der Deutschlandfunk mich bat, Ihnen zu Ihrem 250. Geburtstagsjubiläum zu schreiben, war meine erste Reaktion die der Verweigerung. Lange habe ich gebraucht, um mich zu diesen Zeilen durchzuringen, denn wer bin ich schon, einem Gott wie Ihnen einfach einen Brief schreiben?! Ich bin mir meiner eigenen Winzigkeit allzu bewusst und leide nicht wirklich an der Selbstüberschätzung, die eine solche Tat eigentlich benötigt.

"Als Cellist ist es um ein Vielfaches einfacher, Ihrer Musik gerecht zu werden"

Bereits als Achtjähriger habe ich mich in Ihren "Fidelio" verliebt - die Arie des Florestan sang ich mit zarter Knabenstimme und eigener Klavierbegleitung mit größter Begeisterung, nicht allein weil mich die Musik zutiefst bewegt hat, sondern weil es doch das erste Mal in meinem Leben war, dass ich von politischer Verfolgung erfuhr, und die unfassbare Ungerechtigkeit der zweijährigen Inhaftierung stand quasi meinem eigenen gefühlten Freiheitskampf einer scheinbar so ungerechten Welt gegenüber.
 
Mit knapp zwölf Jahren biss ich mir an Ihrem grandiosen c-Moll Klaviertrio am Klavier die Zähne aus und kann es bis heute nicht glauben, dass dies ein Frühwerk sein soll. Dank Ihrer berückend schönen Sonate op.101 habe ich das Klavierspiel dann mit 19 Jahren aufgegeben, weil ich all das, was ich in Ihrer Musik verspürte und mitteilen wollte, an diesem Instrument nicht verwirklichen konnte. Als Cellist ist es um ein Vielfaches einfacher, Ihrer Musik gerecht zu werden, solange man sich mit guten Pianisten umgibt, was ich bisher das Glück hatte zu tun.

Beethoven 2020 (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt) (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt)

"Heimlich beim Improvisieren lauschen"

Schon oft habe ich mir die Frage gestellt, was ich tun würde, wenn mir das Wunder widerfahren würde, Ihnen eines Tages begegnen zu dürfen. Da jede einzelne Ihrer Lebensminuten so derart kostbar ist, würde ich mich auf der Stelle in ein Mäuschen verwandeln, um Ihnen heimlich beim Improvisieren zu lauschen oder beim Komponieren über die Schulter zu sehen. Fragen hätte ich ehrlich gesagt keine einzige, da Ihre Musik so wundervoll klar und aus tiefster Seele sprechend ist - und die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten sind doch genau das, worum es in Musik geht. Würde ich Sie fragen, ob der langsame Satz des für mich einmalig schönen Tripelkonzerts wirklich so langsam gehört, wie es Karajan und Rostropowitsch zelebrieren, während ich es viel flüssiger empfinde, kann ich mir jetzt schon den verständnislosen und vielleicht sogar verächtlichen Blick vorstellen, den Sie mir zuwerfen würden, da dies Entscheidungen sind, die Musiker zu treffen haben, ohne sich wie Kleinkinder beim Kreator einzufinden und um Gutheißung der eigenen Interpretation zu betteln.

Beethovens Musik gibt Hoffnung

Heute bin ich einfach nur glücklich, mit welcher Begeisterung mein sechsjähriger Sohn Ihre zauberhafte F-Dur-Sonatine am Klavier lernt und mit welcher Hingabe er dem Finale der 9. Symphonie lauscht, nur um uns den ganzen Tag hindurch mit dem besten Ohrwurm der Musikgeschichte zu erfreuen. Ihre Musik lässt mich an die menschliche Spezies glauben und gibt mir die Hoffnung, dass nicht alles schlecht sein kann, was das "Raubtier Mensch" auf diesem Planeten anstellt. Ich wünsche Ihnen noch weitere 750 Jahre der Glückseligkeit und der Toleranz gegenüber uns Kleingeistern, die wir uns von Ihrer Musik ernähren anstatt unsere eigene zu schreiben - allein dazu reicht bei kaum jemanden das Talent, und da Sie die Latte einfach allzu hoch gehängt haben, werde ich Ihre Sonaten und Ihre Kammermusik mit unendlicher Liebe für Sie bis an mein Lebensende spielen, gerne auch jedes Mal zweimal, damit Sie sich bei Missgefallen in Ihrer Ruhestätte wieder richtig herum drehen können.
 
Liebe Grüße aus dem sonnigen Madrid.
 
In tiefster Verehrung
 
Ihr
Alban Gerhardt
 
 

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