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StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, besuch mich mal im Traum"10.08.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, besuch mich mal im Traum"

Ärgert sich Ludwig van Beethoven, dass sein Jubiläumsjahr aufgrund der Corona-Pandemie verpufft, fragt die Cellistin Tanja Tetzlaff in ihrem Brief. Vielleicht lache der Komponist sich auch ins Fäustchen. Darüber würde die Cellistin gerne sprechen und hofft, dass Beethoven sie in ihren Träumen aufsucht.

Von Tanja Tetzlaff

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Zu sehen ist der Komponist Ludwig van Beethoven. Das Porträt wurde von August von Klöber angefertigt. (akg-images / August von Klöber)
2020 sollte Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag mit vielen Veranstaltungen gefeiert werden (akg-images / August von Klöber)
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Lieber Beethoven,

seit geraumer Zeit möchte ich Dir einen Brief schreiben und überrasche meine Familie immer wieder mit dem Satz: "Ach ja, und dann muss ich noch an Beethoven schreiben …" Dabei habe ich seit zwei Monaten alle Zeit der Welt. Ich weiß nicht, ob Du es mitbekommen hast, aber auf der Welt grassiert gerade eine gefährliche Krankheit und hat neben vielem sehr schrecklichen auch dazu geführt, dass der gesamte Kulturbetrieb eingefroren wurde.

Ärgert es Dich eigentlich, dass Dein großes Jubiläumsjahr auf diese Weise so verpufft? All die Jubelfeiern, Konzerte, Events Dir zu Ehren - abgesagt, zerstoben, vielleicht verschoben in bessere Zeiten. Aber eventuell wäre es Dir auch sowieso zu viel und zu anstrengend gewesen, und Du lachst Dir heimlich ins Fäustchen?

Beethoven 2020 (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt) (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt)

Auswirkungen durch die Corona-Pandemie

Uns wurde Isolation verordnet. Für viele eine entsetzliche Zeit. Für mich persönlich eine Chance, zur Ruhe zu kommen, Zeit für die Familie, für Sport, Yoga, lesen, Besinnung auf das Eigentliche. Kreativ hat es mich nicht gemacht! Und ich staune über Deinen Weg, der gleichzeitig mit der Abschottung von der Gesellschaft und der Geselligkeit eine enorme Schaffenskraft und Konzentration auf Dein Werk und Deine kompromisslose Kunst hervorbrachte.

Während ich vor zwei Monaten, nachdem ich von meiner letzten Konzertreise gerade noch wieder nach zuürck Hause kehren konnte, zwar anfänglich noch dachte, ich würde jetzt anfangen Etüden zu üben und neue Stücke zu lernen, dann aber schnell gemerkt habe, dass Cello und Musikbetrieb das letzte waren, womit ich mich jetzt befassen wollte. Nun aber dieser Brief ... ein bisschen erinnerte es mich an das unwillige Gefühl, dass die Ermahnung meiner Mutter in meiner Kindheit bei mir hervorrief: "Tanja, Du musst noch Tante ... einen Brief schreiben und Dich bedanken für ..." Aber jetzt habe ich endlich die Energie gefunden, mich vor ein paar leere Papierblätter zu setzen, obwohl ich nicht glaube, dass es Dich sonderlich interessiert, was ich von Dir halte - und Fragen beantworten wirst Du mir höchstwahrscheinlich auch nicht?

Erste Begegnung mit Beethovens Musik

Meine erste bewusste Begegnung war erst einmal recht unerfreulich. Ich war noch ein Kind und in meiner Familie das Nesthäkchen, aber wollte natürlich immer mit in die Konzerte, in die meine Eltern und großen Geschwister gingen. So landete ich also in einem Zyklus Deiner späten Streichquartette mit dem LaSalle Quartett. Oh, wie erschien mir Deine Musik entsetzlich, langweilig und gleichzeitig trocken vor Kompliziertheit. Ich quälte mich durch einen Satz von unendlicher Länge, an dem das einzig Interessante der schöne lange Titel war ("Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart") und beobachtete mit Befremdung die lange mühsame Reise durch die Große Fuge.

Mir schien klar, dass Deine Musik nur etwas für Erwachsene war, bis ich wenig später ein ganz anderes Erlebnis hatte, als ich mit meinen Eltern und meiner besten Freundin in der Oper Deinen "Fidelio" sah. Das war eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack, mit Kerker und Ketten, Drama und Mut, Unterdrückern und Heldin. Noch Wochen lang spielt ich die Geschichte mit meiner Freundin nach, und wir stritten uns darum, wer angekettet im Kerker schmachten durfte. Als ich Jahrzehnte später Deine Leonoren Ouvertüren und die ganze Oper mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen spielte, packte mich die Musik im innersten Herzen wieder an, so menschlich und dramatisch im Kontrast zwischen Leid und Befreiungsjubel!

Mit zwölf Jahren begann ich Quartett zu spielen, und eines der ersten Stücke, das wir spielten, war Dein Opus 18, Nr. 1. Das war eine Herausforderung! Wir probten mit dem Lehrer meines großen Bruders und entdeckten Deine akribische Notation und die Lust daran, genau das zu machen, was Du uns aufgeschrieben hattest. Eine Grundlage für mein Musikmachen ein Leben lang - wir lernten den Respekt vor Deinen Wünschen - und obwohl es höchstwahrscheinlich scheußlich klang, waren wir mächtig stolz auf unsere Interpretation.

Etwas später dann, mit meinem zweiten Quartett, erarbeiteten wir op. 59, Nr. 2. Ich muss gestehen, dass die Quartette von Schubert und Smetana, die wir ebenfalls spielten, mir mehr "Spaß" gemacht haben. Die enorme Konzentration und Disziplin, die Deine Musik verlangten, bis es einigermaßen klang, waren wirklich anstrengend. Aber wir wurden Verfechter der Werktreue durch die Arbeit mit Deiner Partitur, warfen mit dem Metronom nacheinander, wenn wir das Tempo nicht halten konnten, und fühlten uns wie fertige Musiker. Als sich das Quartett auflöste, weil die drei älteren Mitspieler anfingen zu studieren, verlor ich Dich ganz aus den Augen.

"Ich biss mir die Zähne aus"

Mein Leben fand jetzt hauptsächlich in riesigen Jugendorchestern statt, die Dich nicht programmierten. Wir badeten in den Klängen von Brahms, Bruckner und Strauss, und ich liebte es. Meine nächste Begegnung mit Dir erweckte dann endlich die Liebe zu Dir und Ehrfurcht, die mich seitdem mehr und mehr erfüllt: im Studium bei Heinrich Schiff am Mozarteum Salzburg tauchte ich in die Welt Deiner Cellosonaten ein. Er zeigte mir an jeder Phrase die unendlichen Möglichkeiten, Deine Musik zu Erzählungen werden zu lassen. Kontraste, Gefühle, Humor, Licht und Schatten und Virtuosität und Stille. Alles war zu finden. Ich fand es immer noch unendlich schwer, Deine Musik zu spielen, wie viel leichter vielen mir Brahms und Chopin, Rachmaninow und Schostakowitsch. Ich biss mir die Zähne aus, immer balancierend zwischen dem enormen Anspruch, Deine Notation sozusagen gnadenlos umzusetzen und gleichzeitig meinen eigenen Ausdruck zu finden. Ich wollte nichts verweichlichen oder beschönigen und schoss dabei wahrscheinlich oft übers Ziel hinaus, spielte schroff oder trocken. Hättest Du mir doch Feedback geben können! Aber wahrscheinlich fehlte mir noch die entscheidende Begegnung mit Deinen Orchesterwerken, um Deine Stücke lebendig, menschlich und natürlich zu interpretieren.

Mit 19 Jahren durfte ich bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zum ersten Mal als Aushilfe spielen. Heinrich Schiff dirigierte die Eroica. Ich saß aufgeregt am hintersten Pult und wurde mitgerissen von diesem unfassbar extremen Stück und den wild musizierenden Kollegen um mich herum. Hier ging es wahrlich um Leben und Tod! Wie Du das geschafft hast, diese extreme Trauer und Freude, Verzweiflung und Sehnsucht und überhaupt das gesamte Menschsein zu Papier zu bringen!

Nach dem Studium begann ich als Solocellistin in der Kammerphilharmonie zu spielen und badete jahrelang in Deinen Sinfonien, Klavierkonzerten und unzähligen Aufführungen des herrlichen Violinkonzertes. Ich erinnere mich an lange Tage im Aufnahmestudio bei der Produktion aller Deiner Ouvertüren, akribische Aufnahmen aller Deiner Sinfonien (ist Dir Perfektion eigentlich wirklich so wichtig?), vor allem aber die Zyklen mit allen neun, einem gewaltigen Kraftakt, der uns alle so an den Rand brachte, dass die Emotionen doppelt und dreifach wirkten und sich alle hinterher mit Tränen in den Armen lagen. Die Stelle am Schluss deiner Pastoralen, wo sich so etwas wie eine Gottheit in der Natur zu zeigen scheint … Steigerungen ins Unendliche, die Verzweiflung Deiner 5., Dein auskomponiertes Gewitter in der 6. Oh wie ich Dir dafür danke!!

"Jetzt schwelge ich in Deiner Kammermusik"

Nun, ich habe das Orchester vor mehr als zwei Jahren verlassen und werde wahrscheinlich nie wieder eine Deiner Sinfonien aufführen. Aber diese Erlebnisse sind feste Schätze in meinem Herzen. Und jetzt schwelge ich in Deiner Kammermusik und habe inzwischen natürlich herausgefunden, dass Deine späten Streichquartette in extremster Form alles enthalten, was ich an Deiner Sinfonik so liebe. Mit meinem Quartett versinke ich in jeder Probenphase mit Tränen und mit hüpfendem Herzen in dem Kosmos von Gefühlen, die Du uns hinterlassen hast. UND STELL DIR VOR. Sogar Dein Tripelkonzert macht mir inzwischen total Spaß! Du hast ja nie besonders Rücksicht darauf genommen, ob etwas spielbar ist. Aber das mit dem Tripelkonzert war wirklich ziemlich grausam. Aber je öfter ich es spiele, desto weniger kannst Du mich damit ärgern oder ängstigen - und diese auskomponierte Freude ist großartig, muss ich sagen.

Frau mit Cello und Mann mit Geige stimmen ihre Instrumente zwischen Mikrofonständern (Deutschlandradio / Angie Herrlich)Die Geschwister Tanja und Christian Tetzlaff Ghost Festival der Spannungen:Künstler (Deutschlandradio / Angie Herrlich)Schade, dieses Jahr wäre das oft drangekommen. Womit wir wieder beim Thema wären: die große Auszeit ... ärgert es Dich? Bist Du sowieso entsetzt, wie es mit der Welt und den Menschen in den letzten Jahrhunderten weitergegangen ist? "Alle Menschen werden Brüder" von wegen ... ich schlafe zurzeit sehr viel. Wenn Du magst, besuch mich mal im Traum und gib mir ein paar Antworten. Oder wie wäre es mit einem Klopfzeichen. Gefällt Dir meine Art, Musik zu machen? Wird die Menschheit die heutigen Herausforderungen in den nächsten Jahrzehnten meistern?

Alles Gute Dir und Danke für Deine Musik,

Deine Tanja

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