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StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, du warst ein wahrhaft Liebender"17.02.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, du warst ein wahrhaft Liebender"

Die oft widrigen Ereignisse in Beethovens Leben hätten ihren Niederschlag in seiner Musik gefunden, schreibt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in ihrem Brief an den Komponisten. Es mache ihn menschlich, dass der Komponist eine gescheiterte Liebe und Depressionen ertragen musste.

Von Eva Rieger

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Eva Rieger (l), Musikwissenschaftlerin, und Dagny Beidler, Schweizer Wagnerurenkelin, halten am 22. Mai 2019 in Graupa, Sachsen eine originale Kompositionsskizze Richard Wagners, dem Komponisten und ehemaligen Dresdner Hofkapellmeisters, in den Richard-Wagner-Stätten in den Händen.  (picture alliance / Robert Michael)
Hört Beethovens Werke immer wieder, besonders die Streichquartette und Klaviersonaten: Eva Rieger (picture alliance / Robert Michael)
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Lieber Ludwig,

was hat man alles aus Dir gemacht! Du bist der Titan, der Trotzige, der Erlöser, Du giltst als heroischer Kämpfer und vor allem als der männlichste Mann überhaupt. Das bist Du aber gar nicht! Ich nenne Dich eher den Grübler, der mit der eigenen Liebeskatastrophe, der grausamen Taubheit und dem Kummer mit dem Neffen fertig werden musste. Das war eine sehr persönliche Auseinandersetzung, und Du hast Deine gescheiterte Liebe zu Josefine Brunsvik in vielen Musikwerken verewigt. Manche Forscher haben Dich zum naiven Idealisten gemacht, andere zu einem Schwerenöter. Du warst aber ein wahrhaft Liebender.

Klaviersonaten, "an denen ich mich nicht satthören kann"

Bei der feierlichen Eröffnung der Berliner Philharmonie 1963 stand ich eine ganze Nacht an, um Deine neunte Sinfonie unter Herbert von Karajan zu hören. So überwältigend die Neunte ist, es sind neben den Streichquartetten die Klaviersonaten, an denen ich mich nicht satthören kann. Du hast eine ziemliche Entwicklung durchgemacht. Deine ersten Sonaten erinnern mich an die zu Deiner Zeit vorherrschende Meinung, das trotzig-kämpferische erste Thema sei männlich, das passiv-lyrische zweite Thema stelle das Weibliche dar. Damit hast Du die damals vorherrschende Vorstellung von der vom Mann abhängigen Frau bestätigt.

Der ungarische Dirigent Adam Fischer dirigiert in elegantem Frack beim Ball der Wiener Philharmoniker am Donnerstag, 21. Jänner 2016, im Wiener Musikverein. (picture alliance / Herbert Pfarrhofer) (picture alliance / Herbert Pfarrhofer) Briefe an Beethoven: "Lieber Ludwig, wie ist diese Stelle zu spielen?"
Beethovens Neunte, zweiter Satz, Takte 92 und folgende: Wie ist diese Stelle nur zu spielen, fragt der Dirigent Adam Fischer in seinem Brief an den Komponisten. Stolze Holzbläser und gleichzeitig ein gnadenlos pulsierendes Streichermotiv – es scheint unmöglich, diesen Klangeffekt zu erreichen.

Aber schon in den mittleren und vor allem in den späten Klaviersonaten höre ich etwas anderes heraus, nämlich die Widerspiegelung einer Welt, die es Dir trotz der adeligen Patronage schwer gemacht hat, einen Platz darin zu finden. Der Themendualismus ist nicht mehr so klar, und es kommt zu Erzählungen voller schmerzlicher Brüche, mit einer glänzenden Klangentfaltung, die zugleich voll inniger Schönheit ist. Als Beispiel nenne ich Deine vorletzte Klaviersonate As-Dur op.110, die ich einmal spielte und die mich seitdem nie losgelassen hat: von der Lamento-Szene an, über eine gewaltige Fuge bis hin zum triumphalen Schluss bringt sie alle menschlichen Emotionen zum Klingen.

Ein langes Rätsel, wer die "unsterbliche Geliebte" war

Dein Verhältnis zu Frauen hat mich ein Leben lang beschäftigt. So hast Du in Deiner einzigen Oper Fidelio eine Frau namens Leonore geschaffen, die den eigenen Tod riskiert, um ihren Ehemann zu retten. Sie wird oft als Beispiel für Deine Fortschrittlichkeit Frauen gegenüber angeführt, aber man muss auch sehen, dass Leonore für den Mann alles tut, und nichts für sich, wie es zu Deiner Zeit üblich war. Es heißt ja am Schluss der Oper aus der männlichen Perspektive: "Wer ein holdes Weib errungen, stimm in unsern Jubel ein!" Nur die bedingungslos liebende Frau ist die rechte Gattin. Die Musikwissenschaftler sahen übrigens Deine jahrelange Treue zu einer Frau als wenig wichtig an und brachten Dich lieber mit der französischen Revolution in Verbindung, mit Deiner anfänglichen Begeisterung für Napoleon, die dann umschlug. Jahrzehntelang wurde gerätselt, wer die sogenannte "Unsterbliche Geliebte" war. Selbst als Deine Briefe an sie von der Familie Josefine Brunsviks nicht mehr versteckt wurden und gelesen werden konnten, blieb man bei abstrusen Theorien hängen und rätselte weiter, wer Deine Geliebte wohl sein könnte. Man hat mit Sigmund Freud gearbeitet, aber auch mit sprachlichen Konstruktionen herum experimentiert und kam zu falschen Ergebnissen. Das tut mir Leid für Dich.

Es ist auch lange kein Forscher auf den Grund gekommen, warum eine Heirat mit der Gräfin Josefine Deym geborene Brunsvik nicht möglich war. Der Standesunterschied wog schwer, noch mehr aber die Tatsache, dass sie Verpflichtungen gegenüber ihren adeligen Kindern hatte. Ihre Familie erwartete von ihr, auf eine Ehe mit Beethoven zu verzichten, und der Kinder wegen willigte sie ein.

Ereignisse im Leben fanden Niederschlag in der Musik

Heutzutage gilt es als zu schlicht, wenn man die Musik mit dem Leben in eins setzt, und man muss damit auch vorsichtig sein. Aber Du, lieber Ludwig, hast Spuren davon in Deinem Werk hinterlassen. Es ist besonders das Andante favori WoO 57 mit dem Anfangsmotiv, das den Namen "Jo-se-fi-ne" nachzeichnet. Du schicktest es Josefine mit den Worten "Hier Ihr – Ihr Andante". Ich denke auch an den Beginn der Klaviersonate op. 110, die "Lie-be  Jo-se-fi-ne" nachzeichnet. Es ist doch klar, dass die Ereignisse in Deinem Leben ihren Niederschlag in Deiner Musik fanden, obwohl das immer noch abgestritten wird. Es macht Dich menschlich. Du wolltest Deine Liebe geheim halten, um sie zu schützen. Aber bitte, lieber Ludwig, bedenke, dass wir Deine Musik mit ihrem Ausdruck der Freude, des Leids und des Kämpfens gegen Widrigkeiten viel besser verstehen können, wenn wir wissen, dass auch Du  in die Tiefen der Depression, des vergeblichen Begehrens und der Traurigkeit eingetaucht bist und dass Du ertragen musstest, dass es auch Josefine schlecht ging.

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Du hast ja selbst einmal gesagt, dass Musik ein Bekenntnis ist, und damit weniger der reinen Unterhaltung dient. Und zum Schluss noch etwas Allgemeines: Nimm es hin, dass der größere Teil Deiner Anhänger vielleicht lieber "Für Elise" hört als eine von Deinen Cellosonaten. Das kannst Du ihnen gewiss verzeihen. Wer sich aber ernsthaft mit Deiner Musik beschäftigt, wird im Lauf der Zeit die ganze Breite und Tiefe Deiner Kunst würdigen und schätzen. Und das ist gut so.

Das sagt Dir Eva Rieger, die Deine Werke immer wieder hören und genießen wird. Ich danke Dir!

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