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StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, wir stehen alle in deinem Schatten"23.03.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, wir stehen alle in deinem Schatten"

"Herbstmilch", "Stalingrad" oder "Schlafes Bruder" - Enjott Schneider hat zu etlichen Filmen des Regisseurs Joseph Vilsmaier die Musik geschrieben. Für Schneider hat Beethoven den Geist und den Willen in die Musik gebracht.

Von Enjott Schneider

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Ein grauhaariger Mann trägt schwarzes Jacket, um den Hals einen gestreiften Schal und blickt durch seine randlose Brille in die Kamera. (imago/gezett)
Enjott Schneider erhielt 2019 den Ehrenpreis des Deutschen Filmmusikpreises (imago/gezett)
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Lieber Beethoven!

Du Genie, Titan, einsamer Revolutionär und Schmerzensmann. Mögen Bach und Mozart "Götter" gewesen sein, so bist Du der Mensch gewordene Gottessohn, der uns so nahesteht. Über das Sinnliche hinaus hast Du – vergleichbar mit dem Licht-Bringer Prometheus - den Geist und den Willen in die Musik gebracht. Alle Gattungen sind neu geschaffen und zu Leuchttürmen geworden, die Sinfonie, die Sonate, das Streichquartett, die Messe, der Variationszyklus…. weil Du sie mit radikaler Subjektivität und Philosophie erfüllt hast. Wir alle stehen seitdem in Deinem Schatten!

Als Hegelsche Dialektik hast Du die Mechanik von These-Antithese bis zum Zerreißen zugespitzt. Beethoven, das ist die Welt der Gegensatzpaare: durch Nacht zum Licht, frenetischer Jubel und abgrundtiefes Leid, Stadt und Land, modern und nostalgisch, intellektualistisch und spirituell, Millionen umschlingend contra einsam-stachliger Misanthrop, Gesten der Gewalt contra transzendente Lyrik, hemmungsloser Heroismus contra devoter Dankbarkeit. Diese Antithetik ist in den musikalischen Parametern mit Händen zu greifen: zum Beispiel mit Adagissimo und Vivacissimo werden die Tempi gespreizt; die Tonika-Dominant-Spannung der Sonatenform wird etwa in der Waldstein-Sonate durch Kontraste wie C-Dur/B-Dur/E-Dur ersetzt, die Sforzati randalieren synkopisch und wollen das Regelwerk des Taktes Deiner Kompositionen zerstören.

Freiheit als Zweck der Kunst

Wir verehren Dich, weil Du unser zentrales Ideal formuliert hast: Freiheit! "Freyheit über alles lieben" war schon 1793 von Dir ins Stammbuch der Elisabeth Vocke geschrieben. 1819 postuliertest Du "Allein Freiheit und weiter gehen" als den Zweck der Kunst. Unfassbar schmerzlich Dein Entwicklungsweg:  Deine verletzenden Anfälle von Zorn, Enttäuschung und Wut, die von der mütterlichen Mentorin Hofrätin von Breuning als "Raptus" bezeichnet wurden. Das alles mündete in den "heroischen Stil" von napoleonesker Gigantomanie. Gesten der Macht und Gewalt, wie sie bislang nie vernommen wurden, ließen in Deiner Musik nahezu verstörend aufhorchen. Extreme Reduktion der Motivik auf das Unisono als plakativem Gestus "dadada-daa" oder auf den einzelnen explosiven Akkordschlag des Donnergotts: Tschimm-Tschimm - Beginn der Eroica-Sinfonie.

Danach dann mit beginnender Taubheit der Rückzug in jene Innerlichkeit und fast jenseitige Lyrik zurück, die schon immer als Kontrast in Deinen Werken aufblitzte.  Spätestens seit der Taubheit, seit dem "Heiligenstädter Testament" überlagert das sich hemmungslos als Held feiernde "Ich" eine von Demut gezeichnete Transpersonalität: Naturliebe, Andacht, Sternenhimmel, religiöse Transzendenz und Dankgesang waren Chiffren einer neuen Lebenshaltung. Statt kämpferisch dem Schicksal in den Rachen zu greifen, geht es nun um Hingabe und eine von jedem Objekt losgelöste, nahezu kosmische Liebe. Gerade der "Dankgesang" wurde hier zum schlichten Urlaut Deines Schaffens.

Und nun stehen wir vor dem Mount Everest eines hinterlassenen Schaffens, das uns bescheiden hinzuknien zwingt, wegen der kosmischen Größe und Universalität und wegen der unfassbaren Disparatheit. Soll das alles aus einem einzigen menschlichen Gehirn entsprungen sein? Populäres wie "Für Elise" oder "Die Wut über den verlorenen Groschen" bis hin zu den rätselhaften nicht entschlüsselbaren Spätwerken etwa der Streichquartette.

Radioempfänger aus göttlicher Welt

Ich habe den Verdacht, lieber Beethoven, dass die Sehnsucht nach Liebe und Angebundensein der eigentliche Motor Deines Schaffens war. Sternstunde der Musik ist mir Deine Goethe-Vertonung "Nur wer die Sehnsucht kennt", die g-Moll-Fassung. Noch mehr habe ich allerdings den Verdacht, dass es gar nicht der Ludwig war, der hier komponierte, sondern dass Du nur ein Medium warst, ein Radioempfänger, der Wissen und Schönheit aus der anderen, göttlichen Welt des All-Eins empfing und für uns zu übersetzen wusste.

Aus Deiner Liebe zur Natur kann man diese kosmische Anbindung an eine verlorene Ganzheit erahnen: "Allmächtiger im Walde! Ich bin selig, glücklich im Wald; jeder Baum spricht durch dich. O Gott! Welche Herrlichkeit! In einer solchen Waldgegend, in den Höhen ist Ruhe, Ruhe, ihm zu dienen", so schriebst Du 1815 in Deinem Tagebuch.

Man kann diese Triebfedern nur erahnen, nicht beweisen. Für alle großen Denker war das "Ich weiß, dass ich nichts weiß!" der philosophische Ausgangspunkt. Und auch diese Weisheit hast Du Beethoven in Deinem irdischen Leben bestätigt. Quasi auf dem Sterbebett im Dezember 1826 diktiertest Du noch den Rätselkanon WoO 198 an Deinen Kassaoffizier Karl Holz: "Wir irren allesamt, nur jeder irret anderst".

Und so verbleibe ich, lieber Ludwig,  wenn ich diese vertraute Formel einer großen Nähe verwenden darf, mit der größten Bewunderung und herzlichem Gruß,

Dein Enjott Schneider

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