Donnerstag, 02.04.2020
 
Seit 06:30 Uhr Nachrichten
StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, wo stehst Du eigentlich in der Politik heute?"02.03.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, wo stehst Du eigentlich in der Politik heute?"

Schon als Kind hat Lars Vogt die Leidenschaft für Beethovens Musik gepackt. In seinem Brief an den Komponisten vermutet der Pianist und Dirigent, dass Beethoven heute ein glühender Europäer wäre - und ein Klimaaktivist. Gerne würde Lars Vogt mit dem Meister eine Flasche Wein leeren.

Von Lars Vogt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Pianist und Dirigent Lars Vogt bei einem Konzert im Jahr 2011  ( imago/CTK Photo)
Fast genau 200 Jahre später als Beethoven ist der Pianist und Dirigent Lars Vogt geboren ( imago/CTK Photo)

Lieber Ludwig,

Du kannst Dich sicherlich vor Glückwünschen in diesen Tagen gar nicht mehr retten, dennoch möchte natürlich auch ich Dir herzlich zu Deinem 250. gratulieren. Wie Du vielleicht weißt, bemühe ich mich seit Kindheit, ergebener Diener Deiner Musik zu sein. Es hat mich früh erwischt mit der Leidenschaft für die Energie, das Drama, den Humor, die Zartheit, tiefe Menschlichkeit und den Wahnsinn Deiner Musik. 

Es wird Dich jetzt doch sicher auch ein wenig glücklich machen, dass Du eigentlich bis heute weltweit als der allumfassendste Komponist gesehen wirst, einer, der wirklich die Kraft hat, die Menschen zu bewegen, zu einen, einem höheren Ziel zuzuführen. Deine Neunte hat da bis heute die symbolische Kraft für Dein gesamtes Werk bewahrt. Ich habe sie schon auf den unterschiedlichsten Teilen der Welt erleben dürfen, auch schon mit immenser Freude dirigiert, und die Gänsehaut stellt sich jedes Mal ein. Dieser herrliche Text, das wirklich Menschheits- und Weltumspannende Deiner Vision ist heute so aktuell wie eh. Vielleicht aktueller denn je; Du bekommst vielleicht auch die deprimierenden politischen Entwicklungen in vielen Ländern mit? Jeder grenzt sich immer mehr ein, wo ist das "alle Menschen werden Brüder"? Wer vertritt das heute noch mit Leidenschaft und Entschiedenheit?

Zu sehen ist der Komponist Ludwig van Beethoven. Das Porträt wurde von August von Klöber angefertigt. (akg-images / August von Klöber)Ludwig van Beethoven dargestellt in einer Lithografie von August von Klöber. (akg-images / August von Klöber)

Diese Worte von Schiller in deutscher Sprache in Amerika, in Japan, in England etc. zu hören, finde ich bis heute nicht selbstverständlich. An Dir ist sicher auch nicht vorbeigegangen, dass von deutschem Boden eine Menge Unheil und Verderbnis ausgegangen ist in der Zwischenzeit. Und dann im Publikum zu sitzen oder auf der Bühne zu stehen und mit Deiner unsterblichen Musik die Worte Schillers zu hören, wie Menschen auf der ganzen Welt sie mit Hoffnung und zumindest für diesen Moment dem Idealismus anstimmen, wie es Dir sicher vorgeschwebt ist, das bewegt mich noch jedes Mal.

"Ich bin ja eigentlich Dein Nachbar"

Als meine Liebe zu Deiner Musik und die Neugier über Dein Leben ausbrach, so ungefähr mit neun, wurde mir auch so recht bewusst, dass ich ja eigentlich Dein Nachbar bin: Düren, wo ich aufgewachsen bin, liegt gerade einmal knapp 70 Kilometer von Bonn entfernt. Und dann bin ich noch fast genau 200 Jahre nach dir geboren; ich feiere dieses Jahr meinen 50. Vielleicht können wir mal gemeinsam darauf anstoßen?

Wo ich schon einmal die Gelegenheit habe: Das Thema der Tempi Deiner Werke beschäftigt mich sehr, und so gerne würde ich Deine Meinung wissen. Ich glaube, Du hattest völlig Recht, wie sehr die Wirkung Deiner Werke von richtigen Tempi abhängt und ich bin Dir immens dankbar für alle Metronomzahlen, die Du uns hinterlassen hast. Ich persönlich finde alle Deine Metronome der Sinfonien absolut schlüssig. Auch die irre Anweisung bei der Hammerklaviersonate macht Sinn, zumindest für die ersten Takte. Sicherlich bist Du dann eh davon ausgegangen, dass ein lebendiger Musiker immer wieder modifiziert, rhetorisch denkt und den Puls anpasst je nach "Temperatur" der Musik. Ich habe den Eindruck, Deine Tempovisionen werden heute oft zerrieben zwischen einer Fraktion, die sie beharrlich ignoriert und einer anderen, die den Werken durch metronomische Übererfüllung das Leben raubt. Würde mich so interessieren, was Du dazu denkst. Findest Du eigentlich die Tempoangaben Czernys für die Klavierwerke gut? Ich persönlich finde sie sehr schlüssig.

Ach ja, wir würden gerne viel von Dir wissen. Musiker witzeln ja gerne, dass wir immer gerne die Meinung hören würden von Komponisten, wenn sie tot sind. Wenn sie leben, sollten sie sich nicht zu sehr einmischen. Das finde ich natürlich überhaupt nicht! Aber in der Realität ist es wohl doch oft so. Wahrscheinlich würden wir Deine Ausbrüche über unsere Interpretationen auch nicht leicht ertragen können. Aber wichtig wären sie.

Wo stehst Du eigentlich in der Politik heute? Damals warst Du ja ziemlich interessiert, auch engagiert, dann auch manchmal enttäuscht; so wie bei der Story mit Napoleon und Deiner Eroica. Ich würde vermuten, dass Du heute ein glühender Europäer und überhaupt Internationalist wärst. Sicher würden Dir auch die wachsenden Nationalismen in unserer Zeit und vor allem Ausgrenzung gegenüber Fremdem und Schwächeren Sorgen bereiten? Vielleicht wärst Du Klimaaktivist? Ich kann mir geradezu vorstellen, wie Du ein Werk für "Fridays for Future" schreibst. Eins, das noch den letzten Skeptiker umhaut.

"Stell doch mal eine Flasche Wein zurecht"

Wenn ich an Dich denke, dann oft mit viel Bedauern und Schmerz, was Du alles durchmachen musstest. Deine schwierige Kindheit, heute würde man wohl sagen, Du warst Missbrauchskind, was dann auch Deine (nimmt's mir nicht übel) an Borderline grenzende Persönlichkeit erklärt. Deine Taubheit, die Qual, mit einem dauernden Tinnitus zu leben und Musik, die doch dein ganzes Leben war, nicht zu hören! Ich wünschte Dir, Du hättest es einfacher gehabt. Meinst Du, Du hättest dann auch mit derselben Dringlichkeit Musik geschrieben?

Falls es da oben was gibt, stell doch mal eine Flasche Wein zurecht, wenn ich komme. Würde gerne eine mit Dir leeren. Kannst mir dann auch Saures geben wegen meiner Versäumnisse mit Deinen Werken über die Jahre.

Danke Dir so sehr dafür, dass Du mit Deinem Leben so vielen von uns, auch mir, allein schon durch Dein Werk ein erfülltes Leben gegeben hast. Dafür lasse ich Dich auf ewig hochleben! Nicht nur in Deinem Jubiläumsjahr!

Dein Lars Vogt

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk