Freitag, 19. August 2022

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Briefe an Hartmut. 1974-1975

"Lieber Hartmut, gerade habe ich nach England geschrieben wegen eines Cambridge International Poetry Festivals im nächsten Jahr, im April, wozu man mich eingeladen hat und wohin ich fahren werde und meine neuen Gedichte vortrage, eine hübsche Vorstellung für mich, meine Gedichte woanders vorzulesen als hier in diesem mürrischen Land voll muffiger Leute, deren Sinnlichkeit und Lust und Vorstellungs- und Aufnahmevermögen so sehr durch sinnlich leere, blinde und blind machende Theorie in den letzten Jahren zerstört worden ist. Zu dem Festival kommen auch zwei Amerikaner, die ich sehr gut finde und deren Sachen ich gern gelesen habe, John Ashbery und Edward Dorn, aus England Lee Harwood, ein Dichter in meinem Alter. Wie ich zu dieser Einladung gekommen bin, weiß ich nicht. Ich war ganz erstaunt, als ich sie vorige Woche bekam."

Martin Grzimek | 04.04.1999

    So lautet der erste Abschnitt des von Rolf Dieter Brinkmann am 2. August 1974 begonnen Briefes an Hartmut Schnell. Beim Lesen dieser Zeilen kann einem leicht ein Schauer über den Rücken laufen, denn sie kündigen jenen Aufenthalt in London an, bei dem Brinkmann, gerade erst 35 Jahre alt geworden, im April des darauffolgenden Jahres in der Bayswater Street von einem Lastwagen erfaßt und tödlich verletzt wurde. Durch diesen Unfall hat die deutsche Literatur einen ihrer wichtigsten Dichter und Schriftsteller seiner Generation verloren. Brinkmann hatte früh mit dem Publizieren begonnen, zuerst Prosa im Umkreis des sogenannten "Kölner Realismus" in der Nachbarschaft Nicolas Borns und Günther Herburgers. Dann folgten mehrere Gedichtbände in kleinen Pressedrucken, 1968 der vielbeachtete Roman "keiner weiß mehr" und vor allem seine Anthologien amerikanischer Pop- und Undergroundliteratur, mit denen er sich einen Namen machte. Nach 1970 zog er sich aus dem ihm verhaßten deutschen "Kulturbetrieb" zurück und arbeitete wie besessen an einer Fortentwicklung neuer Schreibweisen und der forcierten Umsetzung sinnlicher Eindrücke und Erlebnisse in Sprache. Das beweisen erneut die nun aus dem Nachlaß herausgegebenen "Briefe an Hartmut", denen ein Konvolut von eng getippten Briefdurchschlägen zugrundeliegt, die Brinkmann in einem Schnellhefter abgelegt hatte "als Material für neue Arbeiten" und als "eine Selbstfindung", wie Maleen Brinkmann in ihrer "editorischen Notiz" vermerkt. Die knapp 280 Seiten des Bandes enthalten etwa zehn umfangreiche, oft in mehren Etappen geschriebene Briefe an den aus Deutschland stammenden Germanistikstudenten Hartmut Schnell. Sie datieren aus der Zeit zwischen dem 3. Juni 1974 und dem 22. März 1975. Brinkmann hatte den Literaturstudenten während einer Gastdozentur an der germanistischen Abteilung der Universität Texas in Austin, USA, kennengelernt, wo er von Januar bis Mai 1974 Seminare abhielt. Aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine Freundschaft, über deren Beginn Hartmut Schnell in einer Erinnerung berichtet hat.

    "Da ich einen fahrbaren Untersatz hatte, bot ich Brinkmann einmal an, mich und meine Frau auf einer Reise nach San Antonio zu begleiten. Diese kurze Reise wurde für uns beide zu einem besonderen Erlebnis und war der Anfang einer Freundschaft, die bis zu seinem Tod anhielt. Was uns verband, waren nicht nur Gespräche über Literatur, unter anderem sprachen wir über Wolfram von Eschenbach, Tieck, Frank O´Hara und Castañeda, sondern vor allem seine Bereitschaft, die Literatur für einen Moment zu vergessen und sich dem Augenblick und seiner unmittelbaren Umgebung zu widmen. Er sagte mir einmal, was er an mir so schätze, sei, daß ich ihn nicht nur als Dichter sähe, sondern zuerst einmal als Mensch. Was mich an Brinkmann so faszinierte, war sein ungemein scharfes Beobachtungsvermögen, seine Fähigkeit, die Fassaden seiner Umwelt zu durchschauen und aufzudecken. Seine Liebe zur Rockmusik war ein weiterer Berührungspunkt für uns, und wir ließen die ‘großen Boxen’, wie er meine Lautsprecher nannte, schon öfter mit einer Lou-Reed-Platte dröhnen. ... Die vielen gemeinsamen Stunden in Austin, in denen wir lachten, blödelten, diskutierten, schimpften und uns auch zankten und der extensive Briefverkehr, der so offen und ungezwungen mich sein Lebenswerk und sein Privatleben entdecken ließen, änderten mein Leben."

    Als Brinkmann wieder zurück in Köln ist, schickt er an Schnell einen ersten ausführlichen Brief mit äußerst genauen Literatur-Recherchen und Hinweisen zu dem expressionistischen Dichter Alfred Lichtenstein, über den Hartmut Schnell in Austin eine Magisterarbeit schreiben will. Doch dann änderte dieser seine Pläne und bereitet für sein Examen eine Übersetzung der Gedichte Brinkmanns aus dem 1967 erschienen Band "Was fraglich ist wofür" mit einem interpretierenden Essay vor, worauf Brinkmann mit Begeisterung reagiert:

    "Zuerst muß ich Dir sagen, daß mich ganz einfach gefreut hat, daß Du dieses Buch magst - hier wagt einem niemand mehr zu sagen, wenn er etwas mag, wenn ihm etwas gefallen hat undsoweiter oder womit er nicht einverstanden ist oder wie er das anders sieht - da kommt man sich vor wie in einer hohlen Dose eingesperrt und hört nur sein eigenes Echo. - Und dann hat es mich besonders gefreut, daß Du das magst, weil ich ja erfahren habe, wie Du mit Büchern umgehst, welche Einstellungen Du dazu hast, nämlich Du selbst, Deine Ansicht, und nicht ein scheißgaukelviehlologisches Verständnis."

    Damit ist ein freundlicher entgegenkommender Grundton angeschlagen, der alle Briefe durchzieht und in Brinkmanns Texten dieser Art nur selten anzutreffen ist. Nur noch in den Briefen an seine Frau Maleen aus Rom, wo er sich 1972/73 als Stipendiat der Villa Massimo aufhielt, zeigt er eine Haltung die der in den Briefen nach Austin vergleichbar ist: wie er einst seine in Köln lebende Frau durch genaue Beschreibungen seiner Umgebung behutsam auf eine Reise nach Italien vorbereitet, so gibt er ein Jahr später dem texanischen Freund detaillierte Lese-Anleitungen und Hinweise auf sein bisheriges poetisches Werk und verknüpft die Entstehungsgeschichte der einzelnen Gedichte mit dem, was er - der Autor selbst - in ihnen sieht. Beim Lesen dieser Passagen ist es natürlich ratsam, die Gedichte selbst neben sich liegen zu haben, die in dem 1980 erschienenen Sammelband "Standphotos" zu finden sind. Als Beispiel sei hier das Gedicht "Einfaches Bild" aufgeführt:

    Einfaches Bild

    Ein Mädchen in schwarzen Strümpfen schön, wie sie herankommt ohne Laufmaschen. Ihr Schatten auf der Straße ihr Schatten an der Mauer. Schön, wie sie fortgeht in schwarzen Strümpfen ohne Laufmaschen bis unter den Rock.

    Dazu Brinkmann:

    "Einfaches Bild (wieder "Bild"! Gleich Eindruck oben im Bewußtsein, Gegenwartsbewußtsein!) (Der Gedichtband fängt ja auch mit dem ersten Gedicht "Bild" an!: das Gedicht ist einfach schön und klar. Und wohin wird der sinnliche Eindruck geführt? Unter den Rock, an die Stelle, klar. (Auch da wieder der Vorgang der Bewegung, des Gehens, genommen.)"

    Immer wieder insistiert Brinkmann auf den konkreten Abläufen, Sprech- und Sichtweisen, die in diesen frühen Gedichten festgehalten sind und die nur dadurch irritieren, daß wir gezwungen sind, in den Wörtern oder durch sie hindurch Bilder, Vorgänge oder Gedanken zu sehen, die uns bekannt vorkommen und doch nur als eine kleine Ansammlung von Sätzen existieren. Daher nennt er den Gedichtband "eine Gallerie von Momentaufnahmen aus dem alltäglichen Leben...in Wörter fixiert". Er verheimlicht dem Freund auch nicht die Vorbilder, die ihn zu dieser Art des Schreibens und Wahrnehmens brachten: Gottfried Benn und den Amerikaner William Carlos Williams. Und er gibt zu, selbst beim Wiederlesen der Gedichte, zu denen er kaum einen Bezug mehr hatte, eine Art poetischer Programmatik entdecken zu können und ist zugleich erschrocken davor, sich darin festgelegt zu sehen.

    "Ich muß Dir an dieser Stelle sagen, daß mich Formfragen, Lautfragen (sowas wie Alliterationen usw.usw.usw.) nie beim Schreiben der Gedichte interessieren .... mich interessieren viel mehr Eindrücke, was darin ist, und wie die Zusammensetzungen sind, die mich umgeben, konkret, außerhalb meiner eigenen sprachlichen Formulierungen zuerst, ich schau mir das oder das eben erst einmal an, ein Ereignis, ein Geschehen, und dann versuche ich das einfach nur zu sagen - mehr kann ich nicht tun, und ich sehe (bis heute) auch gar keinen Sinn darin, ob das nun Alliterationen sind, Permutationen, eine retardierende Sprache oder was sonst immer, das Ergebnis solcher Betrachtung scheint mir ganz unsinnig, und zeigt mir nur immer wieder, daß einmal gesetzte Wörter nur wieder Wörter hervorrufen, mehr nicht. Geht man aber weiter weg von den Wörtern, bei denen man anfing, die einen anregten, so kommt man zu einer eigenen Haltung, einem eigenen Eindruck..."

    Wie schon der aus dem Nachlaß herausgegebene Materialband "Rom, Blicke" halten auch die "Briefe an Hartmut" die strikt an sich selbst gestellte wiederholte Forderung Brinkmanns ein, beim Schreiben immer die Gegenwart, den Augenblick und die momentane Beobachtung mit einzubeziehen, und so vermittelt er, soweit es das alltägliche und familiäre Leben in Köln betrifft, einen oft deprimierenden Eindruck. Bis Brinkmann im Mai 1974 aus Austin zurückgekehrt war, hatte er seit vier Jahren, von einigen Aufträgen für den WDR abgesehen, nichts Größeres mehr veröffentlicht, wohl aber einen Schrank gefüllt mit Mappen und Manuskripten, Foto- und Filmmaterial. Den Rückzug aus der Öffentlichkeit, den Bruch mit Freunden aus den 60er Jahren hatte er bewußt provoziert. Zu seinen konkreten Projekten gehörten vor allem der Gedichtband "Westwärts 1&2", der erst kurz nach seinem Tod erschien. Die Arbeit daran muß unter bedrückenden Lebensbedingungen vonstatten gegangen sein - dies belegen nun die "Briefe an Hartmut". Sie sind weit mehr als eine Sammlung von - wie Brinkmann es nennt - "Randbemerkungen" zu veröffentlichten und auch noch nicht erschienenen Gedichten, sondern deuten in einer Art schriftlicher Gesprächsform eine Bestandsaufnahme Brinkmanns über sein bisheriges Leben und seine augenblickliche schriftstellerische Situation an. Zusammen mit seiner Frau, die an der PH studiert, und seinem behinderten, damals 10jährigen Sohn Robert lebt Brinkmann in einer kleinen Wohnung in der Engelbertstraße, fast könnte man sagen von der Hand in den Mund und von geborgtem Geld. Dazu kommen Schwierigkeiten mit seinem Verlag.

    Mit dem Gedichtbuch ist wieder alles unklar. Jetzt ist das Buch zu lang. Und kommt erst im Mai, wenn´s da überhaupt noch kommt. Der Umschlag ist schon fertig. Jetzt wimmern sie wegen Termine(n), ich hab das Manuscript erst vor 14 Tagen unter schrecklichen Mühen abgeliefert, nach Korrekturen, und das alles ohne einen Pfennig, seit Wochen. Wie wir durchkommen, ist mir oft selber unklar. Die ganze Gegend, die Bekannten sind alle abgepummpt. Und nun wieder so Schwierigkeiten. Dann waren wir alle nacheinander krank ... dann Maleens Prüfungsstreß, dann haute sie einige Tage ab, nach einem Krach, ich mitten in der Arbeit, mit Robert, der wieder zusammenfiel, dann von neuem Streß wegen Geld, (bis heute haben wir nicht mal die Miete bezahlen können), eines Morgens stehtn Polizist vom Gas&Elektr. Werk vor der Tür und will den Strom abkneifen, dauernd Mahnungen, Drohungen, Rechnungen, Zahlungsbefehl, einmal wollten sie mich sogar wegen Nichtzahlung in Haft (Vorbeugehaft) nehmen, wenn ich nicht zum Gerichtstermin erschiene oder sofort zahle, 900 DM und so weiter, und ich bin geflitzt und pumpte wieder schwer durch die Gegend."

    Isolation, Geldmangel, eine enge Altbauwohnung, Probleme in der Familie, Streitereien mit Bekannten und auch mit sich selbst erzeugen in Brinkmann immer wieder Selbstzweifel und Zweifel an seiner Arbeit. Er sieht sich als Einzelgänger, als zu keiner literarischen Strömung in Deutschland gehörend, so daß er sein Schreiben auch als einen täglichen Kampf um Selbstbehauptung empfinden muß, um seine Pläne und Vorhaben allein für sich zu verwirklichen. Minutiös stellt er für Hartmut Schnell eine Bibliographie seiner Werke und eine Vita zusammen, erklärt und kommentiert, gibt dem Freund einen Fragenkatalog vor, der ihm bei seiner Magisterarbeit helfen soll, er schreibt ihm noch unveröffentlichte Gedichte ab, gibt Literaturhinweise, verfaßt Statements, erinnert sich an schöne und ruhige Tage in Austin, an gemeinsame Erlebnisse - und notgedrungen bricht immer wieder die eigene Situation in Köln durch, der Gedichtband muß nochmals gekürzt werden, ein anderes Buchprojekt mit einem Münchner Verlag platzt. Um zu leben und Rechnungen zu bezahlen, muß er Teile seiner Bibliothek verkaufen, jeder Tag erscheint wie eine Gratwanderung.

    Allerdings bezeugen diese Briefe, daß Brinkmann sich all dessen bewußt ist, hellwach und oft hochkonzentriert, aufmerksam und ständig auf der Suche nach sich selbst. Insofern sind sie ein Dokument in mehrfacher Hinsicht: eine radikale und oft auch laute Auseinandersetzung mit der Bundesrepublik Mitte der 70er Jahre, die Rückführung von Erinnerung und vergangenem, nicht angepaßtem Schreiben in die Gegenwart und der Versuch, stille und authentische Gespräche zu führen, zuzuhören, zu erzählen und sich erzählen zu lassen, Sprechen als Gespräch. Somit erleben wie hier einen Autor, dessen Erscheinungsbild durch die bisherigen aus dem Nachlaß stammenden Material- und Briefbände einseitig geblieben und mißverständlich war, das Bild eines groben, aggressiven, unversöhnlichen und sogar beleidigenden Schriftstellers, der seit Beginn der 70er Jahre in allem und jedem (ausgenommen sein Frau) nur Negatives entdecken kann. Demgegenüber geben uns die Briefe nach Austin und ihr Adressat Hartmut Schnell in einer fiktiven Antwort, die den Briefband abschließt, in einer Erinnerung einen Eindruck davon, daß Brinkmann sich mehr und mehr öffnete und den Umgang mit anderen Menschen liebte, die sich nicht verstellten und ihn zugleich in seiner Eigenheit akzeptieren konnten.

    "Du hast den Sommer in Austin nie erlebt, aber im Mai warst du noch hier, und da brennt der ‘Ofen’ auch schon ganz schön. Dir wurde es ja schon im März und April zu heiß, ich erinnere mich, wie du in der Unterhose in deinem Appartment vor der Schreibmaschine geschwitzt hast, mit einem Handtuch um die Schultern. Ich habe dich aber oft genug aus deinem Brutkasten erlöst und wir sind in die Posse East auf ein Bier gegangen, das Bier war kühl und es gab immer interessante Leute dort... Überhaupt, du hast dir immer die Zeit genommen mit Leuten zusammen zu sein, hast nie deine Arbeit vorgeschoben oder die Rolle des beschäftigten Dichters gespielt. Wie oft bin ich unangemeldet bei dir vorbeigekommen, wie immer hast du vor der Schreibmaschine gesessen, und es hat keine fünf Minuten gedauert, bist du dich ganz mir gewidmet hast. Ich hatte am Anfang Bedenken, einfach so bei dir hereinzuschneien, die haben sich aber schnell gelegt. "Laß mich mal eben diesen Gedanken zu Ende führen", hast du gesagt, und dann hatte ich deine volle Aufmerksamkeit... Vielen hier in der Germanistik-Abteilung warst du vielleicht zu sehr Mensch, sie hätten ihren Umgang mit dir wohl lieber nur auf den Dichter beschränkt, den Menschen Rolf Dieter Brinkmann konnten sie nicht verkraften, der war ihnen zu intensiv, zu direkt, zu ehrlich, er schaute zu genau hin. Es war deine besondere Begabung und auch dein Fluch, das zu sehen, was andere nicht sahen oder sehen wollten, unserer Gesellschaft die Maske zu entreißen und ihre Wortidyllen zu durchbrechen."