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StartseiteKultur heute"Eine liebende Frau und Mutter"21.06.2015

Briefe der Milena Jesenská "Eine liebende Frau und Mutter"

Die neu gefundenen Briefe der Prager Journalistin und Kafka-Vertrauten Milena Jesenskás ließen sie als einen politischen Menschen erscheinen, sagte deren Biografin und Herausgeberin Alena Wagnerová im DLF. Aus den Briefen sei erkennbar, wie Jesenská müde und krank werde - bis zum ihrem Tod im Mai 1944.

Alena Wagnerová im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

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Burkhard Müller-Ullrich: Milena Jesenská wird oft Unrecht getan, wenn man sie bloß als die Freundin von Franz Kafka vorstellt. Milena Jesenská, geboren 1896 in Prag, war 13 Jahre jünger als der Dichter und arbeitete als Journalistin und Redakteurin. Ihre Feuilletons und Reportagen sind schon vor 30 Jahren auf Deutsch als Buch erschienen und noch älter ist eine Biografie von ihr aus der Feder von Margarete Buber-Neumann, die mit ihr zusammen im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert war. Jetzt sind von Milena Jesenská einige Briefe aufgetaucht, die in der "Neuen Rundschau" des S. Fischer Verlags veröffentlicht werden. Ich habe mit der Herausgeberin Alena Wagnerová vor der Sendung telefoniert und sie gefragt, wo diese Briefe auf einmal herkommen.

Alena Wagnerová: Dieser Fund der Briefe hat eine eigene Geschichte, und zwar: Sehr wahrscheinlich hat Jana Greserová selbst diese Briefe in einem Prager Gasthaus vergessen. Der Wirt hat sie an die Polizei abgegeben, weil sie sich nicht gemeldet hat, wenn sie das war. Und die Polizei hat da auch einen englischen Brief gesehen, das war 1950, also alles war verdächtig, und hat sie an die Staatssicherheit gegeben.

Müller-Ullrich: Sie haben gesagt, Jana Greserová. Das war die Tochter.

Wagnerová: Jana Greserová, das war die Tochter, die Tochter von Milena Jesenská und ihrem zweiten Mann Jaromir Krejcar, einem tschechischen Architekten.

Müller-Ullrich: Aber was ist das Verdächtige daran? Sie sprachen ja gerade von Jahr 1950. Milena Jesenská ist ja im KZ Ravensbrück gestorben, ein Opfer der Nazis. Was war an ihr nach dem Krieg verdächtig?

Wagnerová: Verdächtig waren die englischen Briefe, die an Jaromir Krejcar gerichtet waren von seinen englischen Freunden, die in dieser Akte oder in dieser Ablage auch waren, und damals war natürlich ein englischer Brief verdächtig. Es schrieb sich ja 1950, es begannen die Prozesse und da war alles, was aus dem Westen kam, verdächtig. Milena Jesenská galt nach dem Krieg und vor allem nach 48 auch so als eine Renegadin wegen ihrer Trennung von der Kommunistischen Partei.

Müller-Ullrich: Was hat sie denn über die Kommunisten gesagt?

Wagnerová: Die tschechischen Intellektuellen waren in ihrer großen Mehrheit links orientiert und fast jeder hatte seine Zeit, wo er sich angehörig fühlte der Kommunistischen Partei. So war das auch bei Milena Jesenská in den 30er-Jahren. 1936 hat sie sich von der Kommunistischen Partei getrennt, weil sie diesen dogmatischen Zug, wo die Idee der besseren Welt eigentlich die Funktionäre der stalinistischen Kommunistischen Partei demontierten, nicht ertragen konnte.

Müller-Ullrich: Was für eine Milena erscheint uns denn jetzt in diesen neu gefundenen Briefen?

Wagnerová: Sie erscheint uns als ein politischer Mensch und als eine liebende Frau, eine liebende Mutter und eine liebende Tochter ihres Vaters. Man kann sehen, wie die Milena Jesenská langsam müde wird, krank wird, bis zu dem letzten erhaltenen Brief, der schon im Grunde genommen eine Art Abschied signalisiert, wo sie der Familie versichert, in dem letzten Augenblick meines Lebens werde ich euch treu sein und werde ich sie nicht vergessen. Das schreibt sie im September 1943 und im Frühjahr, am 17. Mai 1944, ist sie gestorben an den Folgen einer Nierenoperation.

Müller-Ullrich: Es gibt das Zeugnis von Margarete Buber-Neumann über ihr Ende. Natürlich: In dieser Phase war sie schwach und nicht mehr die Frau, die man sonst kennt, nämlich eine sehr starke, sehr energische Person. Die erscheint aber auch noch in diesen Briefen?

Wagnerová: Ja. Die erscheint auch und die erscheint auch vor allem in den Erinnerungen der Frauen, die mit ihr in Ravensbrück verhaftet waren. Da hatte sie einen ausgezeichneten Leumund als eine tapfere, starke, ungebeugte Frau, die einfach mit einer Souveränität sich der SS und den Aufsehern stellte, und die haben das irgendwie akzeptiert. Sie hatte nie Schwierigkeiten. Auf dem Appellplatz im Frühjahr fing sie einmal an zu singen. Das hätte bedeutet: Sofort Schläge und eventuell Bunker. Ihr ging es durch. - Diese Erinnerungen der Mithäftlinge, das sind auch die Erinnerungen von Margarete Buber-Neumann und das beschreibt sie in gewissem Sinne in ihren Erinnerungen an Milena Jesenská, und das kommt auch in dem Brief zum Tragen, in dem sie sich so schön erinnert daran, wie Milena Jesenská immer ein Buch schreiben wollte. Sie bereitete ein Buch auch mit Margarete Buber-Neumann vor und starb früher und die Notizen sind verloren gegangen. Margarete Buber-Neumann schreibt in ihrem Brief, Milena wollte ein Buch schreiben, sie hatte aber die Ewigkeit mit ihrem Leben geschrieben.

Müller-Ullrich: Milena Jesenskás Biografin und Herausgeberin Alena Wagnerová über einen jetzt publizierten Brieffund.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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