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StartseiteKalenderblattBubi Scholz - Idol mit tragischem Ende12.04.2005

Bubi Scholz - Idol mit tragischem Ende

Vor 75 wurde der Boxer Gustav "Bubi" Scholz geboren

Kein anderer Sport ist so verknüpft mit dem Bild des sozialen Aufsteigers wie das Boxen. Gustav "Bubi" Scholz, wurde am 12. April 1930 im Berlin der Mietskasernen und Proletarier geboren. Von 1951 an sammelte Bubi Scholz deutsche und Europa-Meistertitel, vom Welter- über Mittel- bis zum Halbschwergewicht. Nach einer immer wieder von Skandalen begleiteten Boxkarriere verstarb Scholz im Alter von 70 Jahren.

Von Beatrix Novy

Bubi Scholz nach seinem Sieg über den französischen Titelverteidiger Charles Humez, am 4.10.1958 (AP Archiv)
Bubi Scholz nach seinem Sieg über den französischen Titelverteidiger Charles Humez, am 4.10.1958 (AP Archiv)

Als in den 20 Jahren Berliner Schriftstellerinnen regelmäßig ins Boxstudio gingen; als der Galerist und Verleger Alfred Flechtheim in Berlin die Zeitschrift "Der Querschnitt" gründete, mit dem Untertitel "Magazin für Kunst, Literatur und Boxsport"; da war die Welt des Geistes mit der des Boxens auf Du und Du. Dennoch, ob die Mann-gegen-Mann-Sportart als primitive Keilerei verdammt oder als Performance menschlicher Ureigenschaften, gezügelt in der hohen Schule sportlicher Selbstkontrolle, bewundert wird, das ist immer auch eine Frage der gesellschaftlichen Konjunktur.

Seit 1995 der Weltmeisterschaftskampf Henry Maske gegen Graciano Rocchigiani zum Society-Ereignis wurde, stehen die Zeichen auf Konjunktur. Der Film, der in diesem Jahr die wichtigsten Oscars erhielt, "Million Dollar Baby" von Clint Eastwood, spielt im Boxring – mit weiblichen Protagonisten. Kurz vorher hatten die Deutschen mit Max Schmeling einen Boxer zu Grabe getragen, der den anständigen Lands- und Sportsmann so verkörperte wie kaum ein anderer. Sein skandalfreies Leben zeigt, dass es im Boxsport genauso wie anderswo eine Frage der Persönlichkeit ist, ob einer sein Leben in Würde beschließen kann. Bubi Scholz war es nicht vergönnt.

"Hinter einer Mauer von Fotografen steht Gustav Scholz, das ist der Glückwunsch der Massen: Bubi Bubi Bubi…!"

Bubi Scholz:
" den ersten Jahren war für mich das Boxen der Aufbau einer Lebensphilosophie und den vielen anderen, die in derselben Zeit auch in der Ruinenstadt aufgewachsen sind und mit nix angefangen haben und sich aus diesem entwickelt haben und es jeder in seiner form zu etwas gebracht hat, irgendwo eine Parallele zu geben und zu zeigen: Ihr könnt alle stolz sein auf das was ihr geleistet habt"

Leben und Sterben des Gustav Scholz, der am 12. April 1930 im Berlin der Mietskasernen und Proletarier geboren wurde, entspricht dem klassischen Motiv des Aufsteigers, der den Aufstieg nicht verkraftet; dabei blieb in Glanz und Versagen die Menge auf seiner Seite. Vor allem die Berliner liebten ihn, er war einer von ihnen. Sein Freund aus guten Zeiten, der Schauspieler Günther Pfitzmann:

"Dass ein Junge aus dem Kiez sich hocharbeitet, zuhause sieben Kinder und der dritte von denen, der wird doch immer Weltmeister, das ist nicht so neu, das ist in Amerika ähnlich, aber wenn das geschieht, wenn man sagt, da hat sich jemand hochgearbeitet."

Bubi Scholz, Sohn eines Schmieds am Prenzlauer Berg, hatte schon mit 18 die Laufbahn als Feinmechaniker entschlossen abgehakt und sich als Berufsboxer verdingt. Ein Naturtalent, das hatte sein Manager Fritz Gretschel gleich gesehen:

"Da fiel mir dieser kleine kesse schmale Lausejunge auf, wenn ich so sagen kann, und ich habe ihm an dem betreffenden Kampfabend im Vorbeigehen so zugerufen: Du würdest mich interessieren für einen meiner nächsten Kampftage, lass dich bei mir mal sehen."

Seit 1951 sammelte Bubi Scholz deutsche und Europa-Meistertitel, vom Welter- über Mittel- bis zum Halbschwergewicht. 1955 erkrankte er an Tuberkulose: das Ende einer Boxerlaufbahn, wie jeder dachte, aber nicht für Bubi Scholz. Der stieg schon 1957 wieder in den Ring, gewann gegen Peter Müller, der kölsche Aap, und wurde deutscher Meister im Mittelgewicht, wurde Europameister im Kampf gegen Charles Humes. Und es war Bubi Scholz, der 1962 den ersten Weltmeisterkampf auf deutschem Boden bestritt, wenn auch nicht – gegen Harold Johnson – gewann. Macht nichts, tröstete ihn damals Max Schmeling: "Du bist nicht König geworden, hast aber das Schloss gesehen".

Das Schloss. War das noch wichtig für jemanden, der von 96 Kämpfen 88 gewonnen hatte? Der seine Laufbahn 1965 als höchstbezahlter deutscher Boxer beenden konnte? Er wohnte ja im Schloss, der Villa im Grunewald, wo er und seine Frau Helga es hoch hergehen ließen mit der Society des Vor-Wende-Berlin. Bubi Scholz, ziellos geworden, gab wie sein engster Freund Harald Juhnke nun die milde belächelte Rolle des öffentlichen Trinkers. Aber das Stück endete tragisch: 1984 erschoss er im Alkoholrausch seine Frau durch die Tür der Toilette, in der sie sich eingeschlossen hatte, mit einer Waffe, die er nicht hätte besitzen dürfen. Dass er vorschützte, der Schuss habe sich von selbst gelöst, trübt sein Bild, aber vielleicht wollte Bubi Scholz nicht wahrhaben, was er getan hatte, es fort schieben und vergessen. Und sein Schicksal in den Jahren nach der Haftentlassung wurde eine Abwärtsfahrt ins Vergessen, in den Alkohol, der auch seine zweite Ehe zerstörte, und in die frühe Demenz. Bubi Scholz war 70 und lebte schon in einem Seniorenheim, als er im Jahr 2000 an einem verschluckten Brötchen starb.

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