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StartseiteMusikjournalEin Blick ins Offene28.12.2020

Buch über Beethovens Diabelli-VariationenEin Blick ins Offene

Wie eine Art Metatext, der sich um die einzelnen Variationen legt - so wirkt Michel Butors "Dialog mit 33 Variationen von Ludwig van Beethoven über einen Walzer von Diabelli". Mit seinen sprach- und bildgewaltigen Ausführungen hat der Schriftsteller bereits in den 1970er-Jahren begonnen. Erst jetzt sind sie auf Deutsch erschienen.

Von Christoph Vratz

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Eine Frau blättert in Bonn in Notenblättern - Faksimile der Diabelli-Variationen von Beethoven. (Barbara Frommann/dpa)
Ein Faksimile der Diabelli-Variationen im Beethovenhaus in Bonn (Barbara Frommann/dpa)
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"Beethoven war der einzige, der abgelehnt hatte; die anderen bewunderten vielleicht diesen ausgelassenen Walzer nicht mehr als er, aber sie beugten sich alle dem Vorschlag; so musste er sich also nicht mehr bloß mit dem Thema selbst messen, sondern mit dessen Entfaltungsmöglichkeiten."

Im Jahr 1821 hatte der Verleger und Komponist Anton Diabelli rund 50 Wiener Komponisten gebeten, dass sie je eine Variation zu einem seiner eigenen Walzer schreiben. Alle sagten zu. Nur Beethoven schoss quer und lehnte ab. Stattdessen komponierte er eines der größten Werke der Musikgeschichte – die 33 Variationen op. 120.

Ein riesiges Spiel mit hohem Kunstanspruch

"Diese Gattung ist traditionellerweise eine Art Hommage. Weil man eine Melodie liebt, sagt man sie mehrmals auf alle Art und Weise […] So leichtgewichtig er auch sein mag, für Beethoven besitzt dieser Walzer eine wesentliche Modernität."

Aus Diabellis Walzer entwickelt Beethoven ein riesiges Spiel (mit hohem Kunstanspruch). So erklärt es zumindest der französische Schriftsteller Michel Butor in seinem Buch über Beethovens Diabelli-Variationen.

"Um diesem Spiel seine ganze Bedeutung zu verleihen, muss er diese Regeln anerkennen, also zeigen können, dass jede seiner Variationen mit dem vorgeschlagenen Thema vielleicht anders, aber ebenso eng wie diejenigen irgend eines anderen Komponisten verbunden ist."

Auf den Charakter des Spiels kommt Butor immer wieder zurück, etwa wenn er sich fragt, warum Beethoven ausgerechnet 33 Variationen komponiert hat: 

"Die Notwendigkeit der Zahl 33 wird augenscheinlich, sobald wir uns die Betrachtungen über die Variationsbreite ins Gedächtnis zurückrufen. Der Walzer umfasst 32 ausgeschriebene Zellen, jede erstreckt sich über zwei Takte; jeder Flügel umfasst in der Tat 15 volle und 2 unvollständige Takte, was 34 Fächer oder Räume ergibt: die 33 Variationen plus das Thema." 

Bildhaftes Zahlenspiel

An diesem bildhaften Zahlenspiel merkt man schon, wohin Butor den Blick lenkt: ins Offene! Kein Wunder, gilt der Franzose doch als einer der wichtigsten Vertreter des "Nouveau Roman", des "neuen Romans" – eine Tendenz, die sich in der französischen Literatur Mitte der 1950er entwickelt hat – mit dem Ziel, die etablierte Form des Romans aufzubrechen: keine klassischen Helden, keine klassische Handlung, keine klassische Erzählform.

Michel Butor ist 1926 in Lille geboren und 2016 in einem kleinen Ort unweit von Genf gestorben. Den ursprünglichen Text über Beethoven hat er 1970 aus Anlass eines Konzerts in Lüttich verfasst. Doch bis 1999 folgten immer weitere Ergänzungen zum Thema "Diabelli-Variationen".

Die nun erstmals veröffentlichte deutsche Übersetzung durch Jürg Stenzl reicht bereits in die späten 1970er Jahre zurück. Stenzl hat seinen Text mehrfach überarbeitet, zuletzt 2019. In einem Nachwort erklärt er, dass er mit Butor mehrfach über die Schwierigkeiten einer adäquaten Anpassung ins Deutsche gesprochen habe – auch das hängt (unter anderem) mit dem Hang zum Spiel, nämlich Butors kreativen Wortspielen zusammen. Entsprechend sprach- und bildergewaltig liest sich dieses Buch:

5) Allegro vivace: das Schaumsprühen

Reize einer schüchternen Zyperin:

6) Allegro ma non troppo serioso: Einleitung in die Liebespromenade

7) Un poco più allegro: Knospen in den Parkalleen

8) Poco vivace: die Erklärung beim Brunnen, der wieder in seinem Lustwäldchen fließt

So wie Beethoven mit Diabellis Walzer umgeht, so verfährt auch Butor mit Beethovens op. 120: er erklärt und verwirrt gleichermaßen, er entlarvt und verrätselt, er umkreist in unterschiedlichsten Facetten sein Thema. Wie in Butors Roman "L'emploi du temps", wo der Romanheld sich im Labyrinth einer modernen Großstadt zurechtzufinden versucht, so lässt der Autor auch in seinem Beethoven-Buch den Leser fast losgelöst durch den Variationen-Kosmos mäandern.

"Die Variation 13 […] ist […] die militärischste von allen und deshalb nenne ich sie Mars; dies ist das Schlagen der Trommel. […] Die Pausen von vier Seufzern, die die beiden Notengruppen in den ersten beiden Phrasen trennen, machen aus diesen, trotz des belebten Tempos, einen einzigen, langsamen Parademarsch-Takt, der in den beiden folgenden abrupt beschleunigt wird."

Schon die Form des Buches ist rätselhaft: Lyrik-ähnliche Passagen wechseln einander mit Prosa-Kapiteln ab. Wobei: Kapitel ist keine wirklich treffende Bezeichnung. Michel Butor nennt einige Abschnitte "Intervention" und nummeriert sie durch. Dann wieder folgen (unnummerierte) Abschnitte mit dem Titel "Glosse". Den einzelnen Variationen gibt Butor Kosenamen wie "Weicher Walzer" oder "Zwerg Marsch" oder der "kleine Marsch": "Hier nun der Marsch […] "allegro pesante e risoluto", dessen bäuerlicher Charakter, mit all dem Träumerischen und Humorvollen, das dieser beinhalten kann, überrascht sogleich nach der Urbanität, die während der vorangegangenen Variationen so luftig geworden ist und die ich deshalb Erde zu nennen vorschlage."

Kühne Einfälle, unberechenbar und auch ein bisschen ungreifbar

Michel Butor horcht stets genau in Beethovens Musik hinein und leitet aus ihr die unterschiedlichsten Assoziationen ab – Ausflüge innerhalb der Musikgeschichte nicht ausgeschlossen:

"Die Strahlenfantasie kann als eine ausdrückliche Referenz an die Goldberg-Variationen angesehen werden, allerdings eine fast geheime, da das Publikum sie sozusagen nicht kannte."

Das Buch "Dialog mit 33 Variationen von Ludwig van Beethoven über einen Walzer von Diabelli" liest sich wie ein Kaleidoskop aus Gedanken-Splittern, Anknüpfungspunkten, Rückblenden, Bildern. Vieles ist auf rund 160 Seiten (mal indirekt, mal auffällig) miteinander verschachtelt, so dass sich Michel Butors Beethoven-Ausführungen wie eine Art von Metatext um die einzelnen Variationen legen. Vom Charakter des Ganzen erinnern Butors Beobachtungen jedoch weniger an die Diabelli-Variationen als vielmehr an Beethovens Bagatellen: kühne Einfälle, unberechenbar und auch ein bisschen ungreifbar.

Butor, Michel: Dialog mit 33 Variationen von Ludwig van Beethoven über einen Walzer von Diabelli
Aus dem Französischen übertragen von Jürg Stenzl
Königshausen u. Neumann Verlag ISBN 978-3-8260-7157-7, 162 S., 24,80 €

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