Freitag, 12. August 2022

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Buchredaktion
Literarische Empfehlungen für Weihnachten

Weihnachtszeit ist Lesezeit. Ob finnische Epen, Erzählungen aus dem Orient, die Geschichte des Christentums, Hörspiele, Hörbücher, Bildbände oder unvollendete Romane: Für die besinnlichen Tage haben unsere Buchredakteure Ihnen eine abwechslungsreiche literarische Empfehlungsliste zusammengestellt.

11.12.2014

    Eine Hand greift nach einem Buch auf einem Büchertisch in Leipzig.
    Bücher für Groß und Klein: Die Empfehlungen der DLF-Buchredaktion für die Weihnachtszeit. (picture alliance / dpa / Peter Endig)

    Weihnachtsempfehlungen von Tanya Lieske
    "Kalevala. Eine Sage aus dem Norden"
    Nacherzählt von Tilman Spreckelsen. mit Illustrationen von Kat Menschik.
    Galiani, Berlin, 208 Seiten geb. 24,99 Euro.
    Eine Künstlerin und ein Journalist fahren durch Finnland, um die Spuren des Elias Lönnrot zu finden. Der Humanist und Universalgelehrte Lönnrot trug im 19. Jahrhundert die Verse des Kalevala zusammen, jenes Mythos', der zum Nationalepos der Finnen wurde. Unterwegs treffen die Reisenden auf eine sympathische, vielleicht typisch finnische Nonchalance im Umgang mit dem großen Gelehrten.
    Umso gewaltiger ist das Epos, das Kalevala, welches nacherzählt wird. Tilman Spreckelsen kleidet es in neue, oft lakonisch und sogar komisch anmutende Sätze. Dieses wunderschön gestaltete Buch verdankt seinen Zauber nicht zuletzt den archaisch anmutenden Holzschnitten Kat Menschiks.
    Der finnische Schriftsteller und Volkskundler Elias Lönnrot (1802−1884) in einer zeitgenössischen Darstellung
    Der finnische Schriftsteller und Volkskundler Elias Lönnrot (1802-1884) in einer zeitgenössischen Darstellung. Aus der Sammlung altfinnischer Volkslieder schuf er das Nationalepos "Kalevala". (dpa / picture alliance / Lehtikuva)
    Für Leser ab 14 Jahren
    Katarina Genar: "Der rubinrote Mantel"
    Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann.
    Urachhaus, Stuttgart, 127 Seiten geb. 12,90 Euro.
    Livia bekommt zu ihrem 11. Geburtstag einen rubinroten Mantel geschenkt. Es ist ein getragener Mantel, er passt nur ihr wie angegossen, und er verändert ihr Leben. Livia begegnet den Spuren jenes Mädchens, das den Mantel vor ihr besessen hat. Im Innenfutter findet sie den Schlüssel zum Tagebuch des Mädchens Elin, die an ihrem 11. Geburtstag 1932 gestorben ist, sie war die erste Trägerin des Mantels.
    Die schwedische Autorin Katarina Genar erzählt diese Geschichte für junge Leser einfühlsam und mit Sorgfalt. Sie zeigt, dass Gegenstände ein eigenes Wesen haben können, sie verbinden uns mit den Menschen, denen sie vor uns gehörten.
    Für junge Leser ab acht Jahren

    Weihnachtsempfehlungen von Angela Gutzeit
    Jörg Lauster: "Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums"
    C.H. Beck Verlag, 752 Seiten, 39.90 Euro.
    Der in Marburg lehrende evangelische Religionsphilosoph Jörg Lauster erzählt in diesem Werk die über 2000-jährige Geschichte des Christentums als grandiose Erfolgsgeschichte, angefangen von der revolutionären Durchschlagskraft des Urchristentums, das einen jüdischen Propheten als Sohn Gottes verehrte, bis zu den Krisen der heutigen europäischen Kirchen und der Aufspaltung des Christentums, wie Lauster schreibt, in verschiedene "Christentümer".
    Ob es um kirchliche Machtpolitik, Gewaltgeschichte, wie aber auch um die grandiosen Manifestationen des Glaubens in Kunst und Kultur geht – Lausters flüssiger Erzählstil macht die Lektüre zum Vergnügen.
    Robert Louis Stevenson: "Die Schatzinsel"
    Hörverlag München, 4 CDs, 240 Minuten, 19.99 Euro.
    Diese Hörspielbearbeitung mit überragender Sprecherbesetzung – u.a. Ulrich Noethen, Sylvester Groth, Udo Wachveitl – ist keine der verbreiteten Dramatisierungen, die sich mit einem einfachen Schema von Gut und Böse begnügen. Denn der spannende Kampf von Jim Hawkins und John Silver um den Schatz des Piratenkapitäns John Flint ist bei Stevenson sehr komplex gezeichnet.
    Inszenierung wie Schauspieler werden der Widersprüchlichkeit der Stevenschen Charaktere überaus gerecht. Ein Hörbuch, das zudem die Entstehungsgeschichte des Romans reflektiert und deshalb sich eher an Erwachsene wendet.
    Dreharbeiten zu "Die Schatzinsel" in Thailand, 2007
    Stevensons "Schatzinsel" diente auch als Vorlage für Spielfilme. (picture alliance / dpa / Udo Weitz)

    Weihnachtsempfehlungen von Denis Scheck
    Heinrich Steinfest: "Der Allesforscher"
    Piper Verlag, 400 Seiten, 19,90 Euro.
    Leser des österreichischen Krimi-Genies Heinrich Steinfest, werden sich nach der Lektüre von "Der Allesforscher" verblüfft die Augen reiben: kein Mord, kein Verbrechen nirgends. Statt dessen ein Roman über einen Manager, der Bademeister wird. Wie immer ist Heinrich Steinfest vollkommen unausrechenbar in diesem Roman, dessen Anfang lautet: "Der Beginn eines jeden Buchs leidet unter einem großen Manko: Es fehlt die Musik."
    Heinrich Steinfest: "Der Nibelungen Untergang"
    Reclam, 118 Seiten, mit Illustrationen von Robert de Rijn, 19,95 Euro.
    Der mittelhochdeutsche Text des Nibelungenlieds ist uns heute sehr ferngerückt und rückt uns täglich ferner. Noch unverständlicher aber sind uns die Wertvorstellungen und Handlungsmotive der Akteure. Die Geschichte um den Drachen Fafner und die Tarnkappe Alberichs, Siegfrieds Leben und Siegfrieds Tod ist ein Reflex der Völkerwanderung, niedergeschrieben im 12. Jahrhundert, und seither konsequent missbraucht: im 19. Jahrhundert als Mythos einer sich ihrer Identität unsicheren neuen deutschen Nation, im 20. Jahrhundert als Propaganda der Nazi-Gräuel im Krieg.
    All das lässt Heinrich Steinfest in seine Version einfließen, ohne ein Jota am Kern der Fabel zu ändern.
    Männergestalten aus Wagner-Opern. Wotan. Liebig Sammelbild 1906
    Richard Wagner inspirierte das Nibelungenlied zu seinem vierteiligen Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen". (Münchner Stadtmuseum)
    Friedemann Schrenk: "Die Lehre vom fossilen Menschen"
    Suposée Berlin, 2 CDs, 128 Minuten, 22,80 Euro.
    Was für ein Glück es bedeuten kann, einen Experten gute zwei Stunden verständlich und anschaulich, aber ohne jeden Zwang zur Vereinfachung über sein Fachgebiet erzählen zu hören, demonstriert diese von Klaus Sander produzierte Doppel-CD über den Paläoarchäologen Friedemann Schrenk vom Forschungsinstitut Senckenberg.
    Nicht nur erfährt der Hörer, wie staunenswert klein die weltweit gefundene Zahl der menschlichen Fossilien eigentlich ist, sondern Schrenk hält auch ein überzeugendes Plädoyer für die Förderung der Paläoarchäolgie in Afrika. Das Hörbuch des Jahres.

    Weihnachtsempfehlungen von Hubert Winkels
    "Das alte Berlin. Photographien von Heinrich Zille. 1890-1910"
    Schirmer/Mosel Verlag, München 2014, 209 Seiten, mit zahlreichen S/W-Abbildungen, 29,90 Euro.
    Heinrich Zille galt lange als gemütlicher Zeichner und Photograph der pittoresken Szenen und der kleinen Leute in Berlin. Schon länger wird er von der Fachwelt als Fotopionier und Sozialdokumentarist der ersten Stunde gefeiert.
    Der Schirmer/Mosel Verlag widmet in seinem Jubiläumsjahr zum 40-jährigen Bestehen des Verlags dem Genie der Hinterhöfe einen schönen Bildband.
    Ein Denkmal für Heinrich Zille steht in Berlin neben dem Märkischen Museum
    Ein Denkmal für Heinrich Zille steht in Berlin neben dem Märkischen Museum. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
    Wolfgang Herrndorf: "Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman."
    Rowohlt Berlin, 144 Seiten, 16,99 Euro.
    ISA ist ein 16-jähriges Mädchen, nicht ganz von dieser Welt. Die obdachlose und barfüßige Lebenshungerkünstlerin streift in einer Art Road Movie zu Fuß durch Felder und Stadtränder und wird Zeugin der menschlichen Ängste und Nöte. Und sie trifft auf Tschick und Maik aus Herrndorfs früherem Roman "Tschick", ein Engel zu ihren Häuptern.
    Der todkranke Wolfgang Herrndorf hat dieser Mädchenfigur seine ganze Lebenslust und Sehnsucht mitgegeben. Ihr Porträt schwankt zwischen naturalistischer Direktheit und surrealer Übermalung. Es ist unmöglich von "Bilder deiner großen Liebe" nicht ergriffen zu sein.

    Weihnachtsempfehlungen von Hajo Steinert
    "Tausend und Ein Tag. Morgenländische Erzählungen"
    Mit aufklappbaren Bildtafeln, collagiert aus alten persischen, indischen und arabischen Miniaturen.
    Neu ediert, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Rainer Schmitz.
    Die Andere Bibliothek., 1029. Seiten, 99,00 Euro.
    Opulent bebildert mit einem aufklappbaren und das ganze Werk durchziehenden Bildfries, collagiert aus einem Fundus von alten persischen, indischen und arabischen Abbildungen aus privaten und öffentlichen Sammlungen und Archiven, ersteht vor unseren Augen die unendliche Farben- und Formenvielfalt des Orients.
    1710 edierte Francois Pétis de La Croix eine Sammlung wunderbarer persischer Erzählungen. Sie sind nicht von einer islamisch-orthodoxen Patina überzogen, die die indischen und persischen Wurzeln verdeckt – hier spricht der Orient selbst.
    Jaroslav Hašek: "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg"
    Neuübersetzung; Übers., Komm. und Nachw.: Antonín Brousek.
    Mit einem Essay "zum Švejk: Eine Pilgerreise böhmischer Art" von Jaroslav Rudiš.
    Reclam Bibliothek, 1008 Seiten, 29,95 Euro.
    In Tschechien gehört der "Švejk" zum Nationalerbe; in Zeiten der Okkupation war er ein Widerstandsbuch. Ins Deutsche übersetzt wurde der Text bisher aber erst einmal: von Grete Reiner, die in den 1920er-Jahren mit ihrem "Böhmakeln" gleich eine eigene Sprachform für Švejk schuf. Doch Švejk spricht im Original sauberes Umgangs-Tschechisch, eine Sprache, die sich keineswegs durch grammatikalische Unkorrektheiten auszeichnet. Es war also an der Zeit, eine neue Übersetzung vorzulegen.
    100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erweist sich der Roman als erschreckend zeitgemäß in seiner Aufdeckung von Behördenwillkür, Selbstüberheblichkeit der Militärs, Obrigkeitshörigkeit und Dummheit.