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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Bücher zu Helmuth Plessner22.01.2001

Bücher zu Helmuth Plessner

<strong>Drei einflussreiche Intellektuelle und ihr Denken stehen heute abend im Mittelpunkt dieser Sendung. Zunächst befassen wir uns mit dem Werk des Philosophen und Zoologen Helmuth Plessner, dann mit dem gerade erst auf Deutsch erschienenen Hauptwerk des anglo-indischen Kulturtheoretikers Homi K. Bhaba. Zum Schluss erinnern wir an den Autor des "Manifestes der antikolonialen Revolution", an Frantz Fanon, über den in Frankreich eine neue und aufschlussreiche Biographie erschienen ist.</strong>

Khosrow Nosratian

Der 1985 gestorbene Philosoph Helmuth Plessner ist vielen gerade mal durch den von ihm geprägten Begriff der "verspäteten Nation" im Gedächtnis geblieben. Das gleichnamige Buch war erst 1959 in West-Deutschland erschienen. Darin hatte sich der Emigrant Plessner 1934 mit der politischen Verführbarkeit des bürgerlichen Geistes auseinandergesetzt. Im Nachkriegsdeutschland hat er eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, nahm damals Einfluss auf die Diskussion zwischen Naturwissenschaften und Philosophie, gab Anstöße für die Debatten der Soziologie. Heute kann man eine kleine Plessner-Renaissance beobachten.

Als Arztsohn war Helmuth Plessner 1892 in Wiesbaden geboren worden, studierte auf Wunsch seines Vaters Zoologie und gleichzeitig aus eigenem Interesse Philosophie. Hans Driesch, Philosoph und Biologe, nahm ebenso Einfluss auf Plessners intellektuellen Werdegang wie der Phänomenologe Edmund Husserl oder wie die Neukantianer Windelband, Lask und der Soziologe Max Weber. Auseinandersetzungen mit Heidegger, Scheler, Hartmann und anderen Philosophen der Zeit taten ein übriges. Plessner wurde zum Begründer einer originären philosophischen Anthropologie. Die Nationalsozialisten machten ihn zum Juden: Wegen der Abstammung seines getauften Vaters flog Plessner aus seinem Universitätsamt in Köln. Niederländische Freunde und Schüler ermöglichten ihm nach der Flucht ein Überleben im Untergrund in Holland. In Groningen nahm der Philosoph 1946 denn auch ein Ordinariat an. Erst nach 17 Jahren des Exils kehrte Plessner 1952 nach Deutschland zurück, wurde Professor der Soziologie in Göttingen.

Plessner hat das Leben als "Grenzleistung" definiert. Erst die Konzentration des belebten Dinges auf seine Grenze hin öffne es auf besondere Weise nach innen und nach außen, lasse je spezifisch Umwelt in ihm erscheinen und es in einer Umwelt erscheinen. Über Pflanze und Tier als Entwicklungsstufen des Organischen definiert er den Menschen als das Lebewesen, welches eingelassen in seine Leibgrenzen und eine spezifische Umwelt "positioniert", wie er das nennt "exzentrisch" ist, also in Plessners Terminologie außer sie geraten und weltgeöffnet. Vom exzentrischen Punkt seiner Position aus ziehe der Mensch "künstlich" Grenzen und müsse diese "verkörpern". Die alte Frage "Was ist der Mensch?" hat Plessner zeitlebens beschäftigt, wenngleich er bekannte, dass diese Frage keineswegs die größte sei.

Das neu erwachte Interesse an Plessners Theorien schlägt sich in verschiedenen Büchern nieder, darunter Arbeiten des Philosophen selbst, die in der Suhrkamp Gesamtausgabe bisher nicht enthalten waren. Khosrow Nosratian hat die Neuerscheinungen zum Thema für uns gelesen.

Helmuth Plessner hat der philosophischen Anthropologie einen eigentümlichen Zug verliehen: Für ihn ist sie nur als politische möglich. Dabei spielen seine Versuche, der deutschen Republik schon in den zwanziger Jahren die Konturen einer weltoffenen Moderne zu verleihen, eine wichtige Rolle. Sein Projekt einer politischen Erneuerung der Weimarer Republik will westliche Zivilisation und deutsche Kultur versöhnen. 1933 scheitert dieses Politik-Projekt des Zoologen und habilitierten Philosophen. Er erinnert sich ironisch:

"Das Hitlerregime hatte den Professoren, die von den Bestimmungen für die sogenannten Nichtarier betroffen waren, liebenswürdigerweise empfohlen, für das Sommersemester nicht anzukündigen."

Als Sohn eines jüdischen Vaters muss Helmuth Plessner emigrieren – zunächst in die Türkei, dann in die Niederlande. Nach dem Krieg bleibt er lange im holländischen Exil. Erst 1952 kehrt er nach Deutschland zurück und erhält eine Professur für Soziologie in Göttingen. Plessner versucht den Menschen von seinen Grenzen her zu verstehen, indem er ihn zugleich als wissenschaftliches Objekt und als moralisches Subjekt untersucht. Die Methode der offenen Forschung und das Vertrauen auf die natürliche Weltsicht hat er bei seinem Lehrer Edmund Husserl erlernt. Seine Phänomenologie will den Menschen gleichsam mit Haut und Haaren erfassen, einfach und direkt, ohne Vorurteil und Dogma. Mit Husserls Phänomenologie kann Plessner einen Begriff philosophischen Denkens entwickeln, der auf der Absage an Heilsmission, Ersatztheologie und Begriffsdichtung beruht. So erscheint die philosophische Anthropologie Plessners als wissenschaftlich disziplinierte Kunst, die Erfahrungen des Menschen selbst zu erreichen. Bei ihm wirkt das Erleben der Conditio humana entkrampft und exakt, elastisch und streng zugleich. Der Mensch ist ‘exzentrisch’, wie Plessner sagt. Er steht gewissermaßen neben sich, ist stets der andere seiner selbst. Die Figur des sich selbst verborgenen Menschen, der Homo absconditus, bildet das Leitmotiv von Plessners Untersuchungen.

"Ein Lebewesen exzentrischer Positionalität hat zu existieren, sein Leben in die Hand zu nehmen und unter Einsatz aller seiner Möglichkeiten die Mängel auszugleichen, welche sein Positionscharakter mit sich bringt: Schwächung der Instinkte, Objektivierung bis zur Verdinglichung, Entdeckung seiner selbst. Sie sind auf die Formel der vermittelten Unmittelbarkeit zu bringen. Ihre Manifestation ist kulturelle Produktivität, welche, wie sich an aller Geschichte ablesen lässt, der Sicherung von gesellschaftlichen Einrichtungen dient, deren Auflösung sie dadurch heraufbeschwört. Ortlos, zeitlos ins Nichts gestellt, treibt sich das menschenhafte Wesen beständig von sich fort , ohne Möglichkeit der Rückkehr, findet sich immer als ein anderes in den Fügungen der Geschichte, die es zu durchschauen, aber zu keinem Ende zu bringen vermag."

Plessners Grenzforschung hat sich in seinen großen Geschichtsdeutungen niedergeschlagen. Seine Schriften über die ‚Grenzen der Gemeinschaft‘ von 1924, ‚Macht und menschliche Natur‘ von 1932 und ‚Die verspätete Nation‘ von 1935 sind im Grunde sozialphilosophische Denkexperimente. Der Zwiespalt zwischen deutschem Philosophieren und westlichem Geist treibt Plessner um. Das weltfremde Sitzriesentum der Gelehrtenexistenz erschreckt ihn, weil es die Entwicklung eines weltklugen Selbstbewusstseins behindert; die ‘incertitudes allemandes’, deutschen Ungewißheiten, nennt er unendlich fruchtbar, weil sie das spekulative Denken beflügeln.

"Der Deutsche reagierte, verarbeitete, gestaltete, deutete philosophisch."

Dennoch ist Plessners philosophische Anthropologie ein Vorschlag zur Eingliederung Deutschlands in den Rationalismus der europäischen Moderne. Mit einem Vorbehalt:

"Wer will behaupten, was aus der deutschen Philosophie geworden wäre ohne diese seltsamen Missverständnisse zur europäischen Tradition, ohne diese mehrfach unterbrochene bürgerliche Entwicklung, ohne den Einschuss von Luthertum und Pfarrhaus in seine Aufklärung und Romantik, ohne dieses Auseinandergeraten von Humanismus und nationalstaatlichem Leben?"

Trotz des bildungshumanistischen Vorbehalts formuliert Plessner ein liberales Gesellschaftscredo. Seine philosophische Anthropologie ist stets eingebettet in einen kulturhistorischen Horizont. Aus den Bausteinen der menschlichen Natur baut er inmitten des geisteswissenschaftlichen Traditionraums politikwissenschaftliche Fragestellungen auf. Aber auch die eigenwillige Emanzipation des Körpers aus der Verfügungsgewalt von Verstand und Vernunft will er als Exerzitium menschlicher Geistigkeit verstanden wissen. Er konzipiert prekäre Ordnungen, die keine Erlösung kennen, sondern auf Entspannung setzen. Für ihn ist der Mensch von Natur aus ‚künstlich‘: als gesellschaftliche Person muss er natürlich auftreten. Als natürlicher Körper und beherrschter Leib verkörpert er ein Doppelverhältnis. Er ist sein eigener Doppelgänger, der einen Körper hat und einen Leib bewohnt. Im Geflecht der Rollenspiele muss er es zunächst mit sich selbst aushalten. Er ist konstitutiv heimatlos und nie im Gleichgewicht.

"Deshalb kommt ihm jede Unmittelbarkeit nur in einer Vermittlung, jede Reinheit nur in einer Trübung, jede Ungebrochenheit nur in einer Brechung zustande."

Der Brechungsindex der Lebensformen prägt Plessners Schriften. Davon kann sich der Leser in den unter dem Titel "Politik – Anthropologie – Philosophie" publizierten ‚Aufsätzen und Reden‘ Plessners überzeugen. Sie werden im März beim Münchener Wilhelm Finck Verlag veröffentlicht. Die Texte aus einem Zeitraum von 60 Jahren sind in der großen zehnbändigen Suhrkamp-Gesamtausgabe nicht enthalten. Insofern haben die Herausgeber Salvatore Giammusso und Hans-Ulrich Lessing eine Lücke ausgefüllt. In vier große Abteilungen gegliedert, wird die ganze Spannweite des intellektuellen Interessenspektrums Plessners vorgeführt. Es umfasst ästhetische Fragen der Musik und der Malerei, soziologische Gedanken zu Spiel und Sport oder anthropologische Überlegungen zum Verhältnis von Umwelt, Mensch und Tier. Zudem erhält der Leser einen guten Eindruck von dem lebenslangen Ringen Plessners um die Bestimmung des Politischen. Schon 1921 schreibt Plessner:

"Das Leben des Staates, dem akademischen Gegensatz von Staatsnorm und Staatswirklichkeit zuliebe auseinandergerissen, krankte in Deutschland an der extremen Zwiespältigkeit zwischen dem Respekt vor der vorhandenen Macht und dem durch keine anderen als theoretischen Rücksichten bestimmten Schweifenlassen der Gedanken."

Plessner fordert die Verschränkung von Geist und Körper, Leib und Seele. Damit trennt er die anthropologische Anstrengung des Begriffs von der überkommenen Lehrgestalt der Philosophie. Ihm geht es um die eminente Chancenhaftigkeit des Menschen, der in der "Fülle seiner produktiven Möglichkeiten" thematisiert werden soll. Nur das Wagnis einer unmittelbaren Ausdruckskunst und das Spiel einer schmiegsamen Begriffsbildung würden die Sackgassen der klassischen Philosophie, das cartesianische Modelldenken und den kantianischen Schematismus, vermeiden können. Gegenüber den Kollegen Jaspers und Cassirer, Scheler und Heidegger betont er seine "Überzeugung von dem Ungenügen der bisherigen Fassung Mensch". Die Vielfalt des Verstehens der menschlichen Natur soll am Leitfaden des Ausdrucks entwickelt werden. So sind körperliche Vorgänge wie Lachen und Weinen heftige Ausdrucksbewegungen. Der Mensch wird von ihnen geschüttelt, gestoßen, außer Atem gebracht. Im Brechungsindex dieser Lebensformen wird die Souveränität des Subjekts angegriffen.

"Der Mensch verfällt ihnen, er fällt – ins Lachen, er lässt sich fallen – ins Weinen."

Plessner exponiert sein Unternehmen als Anthropologie "in revolutionärer Absicht":

"Nach wie vor bleibt die physische Daseinsschicht ausgeschlossen und den empirischen Wissenschaften Biologie, Medizin und Psychologie allein überlassen. Die Ausschaltung der materiellen Gegebenheiten, die Formalisierung der sinnlichen Natur, der Rückzug aus der Empirie etabliert neue Möglichkeiten für positivistische und idealistische Vorurteile."

Zwei neue Bücher flankieren Plessners ‚Aufsätze und Reden‘. Kersten Schüssler hat im Berliner Philo Verlag eine "intellektuelle Biographie" Plessners vorgelegt, die alles Zeug zu einem Standardwerk hat. Er konsultiert und ordnet das noch unveröffentlichte Material aus dem Nachlass Plessners mit kluger Hand. Schüsslers Studie hat den Mut, Plessner selbst als den Exzentriker zu lesen, der er war. Ein Grenzgänger, der den Querverbindungen zwischen physischem, psychischem und geistigem Bereich des Menschen nachspürte.

"Plessner beobachtet Zusammenhänge zwischen Natur und Geschichte, erprobt Denkwege, erarbeitet verbindende Begriffe und entwirft schließlich eine Denkfigur, die im Spannungsfeld von Geschichte und Politik steht."

Die Stationen im Leben Plessners werden mit den politischen Umbrüchen der bewegten Zeitläufte verwoben.

"Plessners Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte ist auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst und mit den verlorenen Weggefährten der zwanziger Jahre."

Im Nachkriegsdeutschland kommt es zeitweise zum engen Kontakt mit der Frankfurter Schule. In der Beurteilung des Umgangs mit der Geschichte und des ‚Autoritären Charakters‘ stimmen Adorno und Horkheimer mit Plessner überein. 1959 schreibt Plessner:

"Unter uns leben Millionen, welche durch die Schule des Hasses und der Lüge hindurchgegangen sind, Tausende, die an der Rassenpolitik mitgewirkt haben. (...) Wenn denen nicht mit dem gesamten Rüstzeug der Aufklärung entgegengetreten wird, bleibt ‚Hitler in uns‘, ob mit oder ohne Republik."

Dennoch trennen sich die Wege. Homo absconditus avanciert zur Freiheitsformel – auch unter den Entfremdungsbedingungen der verblendeten Konsumgesellschaft.

"Der homo absconditus, der unergründliche Mensch, ist die ständig sich jeder theoretischen Festlegung entziehende Macht seiner Freiheit, die alle Fesseln sprengt, die Einseitigkeiten der Spezialwissenschaften ebenso wie die Einseitigkeiten der Gesellschaft."

Kai Hauckes im Hamburger Junius Verlag publizierte Studie ‚Plessner zur Einführung‘ liefert eine konzentrierte Exegese von philosophischen Lehrstücken Plessners. Der Autor verweist auf Plessners Idee menschlicher Würde, die ihn schon aus seinem mit Kant und Fichte befassten Frühwerk heraus zu einer Neuschöpfung der Philosophie verpflichtet hätte:

"Aus der Schamade der Natur eine Fanfare geistiger Existenz zu machen".

Das ist Plessners Programm. Das große Hauptwerk ‚Die Stufen des Organischen und der Mensch‘ steht im Zentrum der kundigen Interpretation Hauckes. Er versteht jene 1928 erschienene Schrift als Versuch einer Transzendentalphilosophie unter Bedingungen des 20. Jahrhunderts. Der Ahnherr dieser "systematischen Philosophie des Lebens" sei Hegel. Was indes die Lektüre des ambitionierten Wurfs erschwere, sei Plessners stillschweigende "Revision traditioneller Vokabulare". Dabei gelingen Plessners systematischem Eklektizismus treffliche Wendungen in einer präzisen Bildersprache. Zum Beispiel stellt er die Position des Lebendigen als spielerisch gelockertes Sein dar, wie der Autor erläutert:

"In ihm selbst steckend, von ihm abgehoben, in ihm gesetzt – all diese Formulierungen besagen, dass lebendige Körper zu ihrer rein physischen Ausdehnung ein spielerisches Verhältnis haben. In ihm gelockert hat der Körper ein Spiel – und der von ihm eingenommene Raum ist ein Spielraum. Im Begriff der Positionalität wird damit eingelöst, was in den ‚Grenzen der Gemeinschaft‘ von 1924 schon behauptet wurde: dass das Spiel und der Spieltrieb fundamental sind für die gesamte organische Welt."

Für Plessner ist der sich selbst verborgene Mensch an eine Kultur der Sichtbarkeit gebunden, die ihn an Geist und Zivilisation, Geschichte und Politik verweist.

"Die Verborgenheit des Menschen für sich selbst wie für seine Mitmenschen – homo absconditus – ist die Nachtseite seiner Weltoffenheit. Er kann sich nie ganz in seinen Taten erkennen – nur seinen Schatten, der ihm vorausläuft und hinter ihm zurückbleibt, einen Abdruck, einen Fingerzeig auf sich selbst. Deshalb hat er Geschichte. Er macht sie, und sie macht ihn."

Ins Zentrum seiner Anatomie der politischen Kunst rückt Helmuth Plessner den Advokaten. Er ist der Künstler der Situation, der sich elastisch und flexibel in einem System der offenen Möglichkeiten bewegt, um Klugheit und Humanität zu verbinden. Er plädiert für eine Formenlehre der menschlichen Souveränität, die sich auch im Kampf auf Leben und Tod behauptet. Das verleiht dem Ringen um Anerkennung jene Aura der Verfeinerung, die Kai Haucke in einen schönen Kommentar einfasst

"Plessner weiß sich der Ambivalenz alles Seienden verpflichtet, und daher liegt ihm der Kurzschluss fern, sich von den humanistischen Idealen zu verabschieden. Seine Philosophie des Lebens, seine philosophische Anthropologie will vielmehr zu einer Erneuerung des Humanismus beitragen. Und manchmal besteht das Neue darin, dass man sich dessen erinnert, was man seit alters her weiß: der menschlichen Nacktheit, die der Verhüllung, Maskierung, Bekleidung bedarf, um wahrhaft menschlich zu sein."

Solche Anthropologie darf sich als revolutionär verstehen, weil sie die menschliche Freiheit naturphilosophisch fundiert. Plessner ist der Advokat der physischen Daseinsschicht, die er in alle Kulturleistungen durchgereicht wissen will. Sein Ensemble von Grenzforschungen übersetzt die Spielformen der organischen Lebendigkeit in ein "Ethos der Grazie und der Leichtigkeit", das Plessner in die Geschichte und die Politik einführen will.

"Dem Deutschen ist nicht leicht ums Herz, wenn er Politik treibt, weil er sich nicht zu spielen getraut."

Den Spielverderbern, die die kulturelle Produktivität der Politik und die vermittelte Unmittelbarkeit der Geschichte bestreiten, liest Plessner die Leviten. Er bekämpft gleichermaßen die "Gleichgültigkeit der Geistigen gegen die Politik" wie ihre "Bagatellisierung durch die Philosophie". Seine Warnung ist durchaus aktuell:

"Verdrängen wir die Politik aus den höheren Gebieten interessenfreien Denkens und Handelns, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie als Krankheit der Parteipatronage unser geistiges Leben von unten her anfällt und zu ersticken droht."

Hosrow Nosratian besprach Bücher von und über Helmuth Plessner. Die Titel im einzelnen: Helmuth Plessner: Politik, Anthropologie, Philosophie. Aufsätze und Vorträge. Herausgeber sind Salvatore Giamusso und Hans-Ulrich Lessing, das Buch erscheint im Wilhelm Fink Verlag München im Februar. Es hat 355 Seiten für 68,- DM; Kersten Schüßler: Helmuth Plessner: Eine intellektuelle Biographie, Philo Verlagsgesellschaft, 220 Seiten für 48,- DM; Kai Hauke: Plessner zur Einführung, Junius Verlag , 184 Seiten für 25,80 DM; im September erscheinen im Suhrkamp Taschenbuch-Verlag zwei weitere Bände zum Thema: Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft und dazu der Diskussionsband Plessners ‘Grenzen der Gemeinschaft’, herausgegeben von Eßbach, Fischer, Lethen.

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