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Bürgerrechtsbewegung USA
"Kings Worte waren geradezu prophetisch"

Elaine Turner gehört zu der Familie, die während der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA als "am meisten verhaftet" galt. Die 70-jährige Aktivistin führt Besucher heute durch die Straßen von Memphis. Die Stadt erzählt von einem vormals rassistisch geprägten Amerika und vom Idol Martin Luther King.

Von Rudi Schneider | 01.02.2015
    Elaine Turner war Aktivistin der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA
    Elaine Turner war Aktivistin der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA (Rudi Schneider)
    Der Mississippi war und ist die Schlagader von Memphis und es ist schon fast meditativ, einfach am Ufer zu sitzen und den unglaublich großen Schubverbänden oder auch den weißen Schaufelraddampfern zuzuschauen.
    Die beiden großen Stahlgerüstbrücken kreuzen den mächtigen Fluss und wirken ähnlich wie der Eiffelturm in Paris als Wahrzeichen von Memphis. Dazu passt die Main-Street-Trolley Bahn, die gemächlich entlang der Uferpromenade ihre Fahrgäste entlässt oder einsammelt. Die Stadt hinter der Uferpromenade war Schauplatz von so viel Geschichte, sei es der Blues, sei es Elvis Presley und das Plattenstudio von Sun Records oder die Gitarren von Gibson. In den gleichen Straßen fand aber auch Rassentrennung und der Kampf der Bürgerrechtsbewegung statt. Elaine Turner gehörte mit ihrer Familie zum Kern der Bewegung. Mit ihr haben wir uns am Ufer des Mississippi verabredet und wollen den nun Spuren von damals folgen.
    Protest und Schule - Schule und Protest
    "Alle in meiner Familie, es hat einen Grund, wenn ich sage "alle", wir waren 14 Kinder in meiner Familie und zehn von uns waren alt genug, bei der Bürgerrechtsbewegung mitzumachen. Meine älteste Schwester organisierte die Protestmärsche seit 1960. Wir waren bei jedem Protestmarsch dabei und wir waren dafür oft im Gefängnis. Sie nannten uns damals hier "die am meisten verhaftete Familie der Bürgerrechtsbewegung."
    Wir wandern über die Gleise der Trolley-Bahn in die Stadt. Während Elaine erzählt, blitzen ihre Augen und zeigen immer noch das Feuer der damaligen Ereignisse. Kaum zu glauben, dass wir gerade mal zwei Tage vor ihrem 70. Geburtstag durch die Stadt wandern. Viele Gebäude links und rechts aus der Gründerzeit erzählen ihre eigenen Geschichten. Auch die Namen, die wir auf den Straßenschildern lesen, sind für immer mit historischen Geschehnissen verbunden. Elaine erinnert sich noch sehr lebendig an ihre Zeit im LeMoyn College vor dem heute noch eine Plantagen Glocke zu sehen ist.
    "Es war eine turbulente Zeit, eine Zeit, die Aktion von denen verlangte, die sich der Missstände bewusst waren und dafür kämpfen wollten, dass die Gesetze geändert wurden. Es gab keinen Moment, an dem ich während der ganzen Jahre an unseren Zielen gezweifelt hätte. Seit ich 16 Jahre alt war, war das Teil meines Lebens. Schule und Protest, Protest und Schule. Bis zum Ende meiner College-Zeit. Ich wollte ein Teil dieses Wechsels sein."
    Protestslogan: "I am a Man"
    Wir folgen den Spuren jener Zeit und begeben wir uns in die Hernando Street zum Clayborne Tempel. Elaine zeigt uns historische Fotos, auf denen sich einer von vielen Protestzügen vor dem Portal des Tempels formierte. Das große Frontfenster der seit einigen Jahren geschlossenen Kirche im romanischen Stil ist heute mit Brettern vernagelt. Im Innern sind Teile der Deckenverkleidung heruntergefallen und die teils zerbrochenen Tasten der dreimanualigen Orgel sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Trotzdem glaubt man, die Töne der Orgel noch wie akustische Schatten aus jenen Tagen zu hören, als beispielsweise "Swing low, sweet Chariot" den Raum füllte.
    Unter dem großen Frontfenster, auf den Stufen des Clayborne Tempels sammelten sich 1968 die Teilnehmer der Protestmärsche und trugen die legendären Schilder mit der Aufschrift: "I am a Man".
    Beale Street war Teil der Rassentrennung
    Das Gemeindehaus neben dem Clayborne Tempel, in dem Elaine auch heute noch ihr Büro hat, spielte eine Rolle in den damaligen Ereignissen.
    "Dr. King traf hier in diesem Gebäude im ersten Stock die Vertreter der protestierenden Müllarbeiter, bevor sein letzter Marsch von der Kirche neben uns startete. Sie marschierten über diese Straße rüber zur Beale Street und der Mainstreet. "
    Elaine Turner schaut noch einmal auf den Turm des Clayborne Tempels, dann wandern wir mit ihr auf dem Weg, den der Protestzug 1968 nahm, der zunächst zur Beale Street führte. Nahezu alle Häuser auf unserem Weg zeigen vielfältige Spuren einer wechselhaften Geschichte.
    "Wenn ich mich an die Zeit erinnere, als ich hier in Memphis aufwuchs, war die Beale Street ein Teil der Rassentrennung. Beispielsweise das Kino hier vorne, das war nur für Schwarze. Das Kino der Weißen war um die Ecke in der Mainstreet. In der Mainstreet gab es alles nur für Weiße. Die Beale Street war die Welt der schwarzen Bevölkerung. Hier war der Barbershop, das Konfektionsgeschäft, der Lebensmittelladen, der Rechtsanwalt, da war unsere Kultur, unsere Politik, wir nannten sie sogar "Main Street USA"... Wir wussten, dort wurde man wie ein vollwertiger Bürger behandelt."
    Heute scheint die Beale Street immer noch der Pulsschlag der Stadt zu sein, kleine Geschäfte, Kinos, Restaurants, bunte blinkende Neonreklamen. Im Gegensatz zu damals sehen wir heute alle möglichen Hautfarben und Wortfetzen unterschiedlichster Sprachen mischen sich in die lebhaften Straßenklänge. Elaine bleibt an einer Kirche stehen und erinnert sich.
    "Da waren Kirchen in der Beale Street. Eine dieser Kirchen ist immer noch da, hier vorne, gegenüber vom Handy-Museum, das ist die Baptist-Beale-Street-Church. Da waren noch andere Kirchen in der Beale Street, Nachtklubs, schwarze Arzte und Rechtsanwälte, Maklerfirmen, Versicherung, Banken die Schwarzen gehörten, hier pulsierte das Leben. Deshalb hatte Handy so viel Spaß, als er von der Beale Street hörte. Er kam her und schrieb den Song über die Beale Street."
    Heute gibt es von W.C. Handy´s Beale Street Blues mindestens 33 Versionen, diese Version mit Louis Armstrong stammt aus dem Jahr 1954. Die Beale Street hat vielleicht auch etwas mit dem Mississippi gemeinsam, man kann sich einfach mit dem Strom treiben lassen.
    "Das hier ist die Kreuzung der Mainstreet mit der Beale Street. Es ist so ironisch, genau hier stoppten sie Dr. Kings letzten Marsch als er zur City-Hall wollte. Er wäre dann nämlich in den Bereich des weißen Establishments gekommen, was man verhindern wollte. Jetzt kommen wir zum "Slave Haven Underground Railroad Museum."
    Proteste weit nach Abschaffung der Sklaverei
    Die Underground Railroad war ein Netzwerk von Routen und sicheren Häusern, die entflohene Sklaven nutzten, um in sogenannte "sichere Staaten" oder nach Kanada zu gelangen. Man schätzt, dass mehr als 100.000 Sklaven mit der Hilfe dieses Netzwerkes in die Freiheit gelangten. Eines dieser "sicheren Häuser in Memphis gehörte Jacob Burkle.
    "Jacob Burkle war ein deutscher Immigrant, der Deutschland um 1840 verlassen hat. Tausende Deutsche verließen zu dieser Zeit ihr Land und wanderten nach Amerika aus. Er verließ Deutschland wegen der politischen Verhältnisse. Als er sich hier in den Südstaaten niederließ stellte er fest, dass auch hier unakzeptable politische Verhältnisse herrschten, nämlich die Sklaverei. Deshalb entschied er sich, den Sklaven bei der Flucht zu helfen und versteckte sie im Keller seines Hauses, das nur zwei Blocks vom Mississippi entfernt lag."
    Jacob Burkles Haus ist heute ein Museum der Slave Haven Underground Railroad.
    "Wir bringen Tausende von Leuten zu diesem Haus und zeigen ihnen diese versteckte Tür, die unter das Gebäude in den Keller führt. Das war der Raum, hier unten im Keller, in dem sie sich die Sklaven versteckten und auf dem Boden kauerten, wo sie Angst hatten, entdeckt zu werden. Jacob Burkle gab ihnen zu essen, wartete auf das Signal vom Mississippi, wenn das Boot bereit war um sie mit zu nehmen. Manchmal mussten die Sklaven Tage warten, bis sie aufs Boot konnten. Das Boot brachte sie zum nächsten Versteck stromaufwärts. Jacob Birkle half den Sklaven auf diese Weise bis die Sklaverei abgeschafft wurde im Jahr 1865."
    1865 wurde die Sklaverei zwar abgeschafft, aber das Umdenken in den Köpfen braucht offensichtlich Generationen. Mehr als 100 Jahre später wurde das genau in diesen Straßen in etlichen Protestmärschen thematisiert und von Dr. Martin Luther King tatkräftig unterstützt.
    "Wir sind jetzt im Mason Tempel. Hier hielt Dr. King seine wirkliche letzte Ansprache. Es war eine schlimme Nacht damals. Über Memphis wütete ein schweres Gewitter und es gab eine Tornadowarnung. Der Tempel war trotzdem bis auf den letzten Platz gefüllt und seine Worte waren geradezu prophetisch."
    Am nächsten Tag, dem 4. April 1968 wurde auf Dr. Martin Luther King, der auf dem Balkon des Lorraine Motels zusammen mit Jessie Jackson stand, ein Attentat verübt.
    Mittlerweile sind viele Jahre vergangen. Am Ende unseres Weges in Memphis stellen wir uns mit Elaine Turner am Ort seiner letzten, fast prophetischen Rede und nach allem, was sich in jüngster Zeit im Land ereignet hat, die Frage, wo wir heute stehen.
    "Es sind jetzt 46 Jahre her, als Dr. King seine letzte Rede hier im Mason Tempel hielt. Ich frage mich, haben wir "das gelobte Land" erreicht, wie er sagte. Das ist eine Frage, die sich alle Amerikaner stellen müssen. Wir müssen all unsere Vorurteile und den Rassismus aufgeben. Es ist auch eine individuelle Frage. Wenn einer unterdrückt wird, werden damit wir alle unterdrückt. Wenn wir auf andere Hautfarben schauen, müssen wir den Mensch sehen, nicht den Schwarzen und sagen: "Ich weiß, woher Du kommst, weil Du ein Schwarzer bist." Das ist die Frage, die immer noch unbeantwortet ist. "Wie lange..."