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BUND widerspricht Umweltminister Gabriel: Mobilfunk strahlt doch

Wer nach den gesundheitlichen Auswirkungen von Handystrahlung fragt, bekommt unterschiedliche Antworten. Als noch nicht ausreichend erforscht gelten die Risiken des Langzeitgebrauchs. Der Bund für Umwelt und Naturschutz, BUND hat heute erklärt, wie sich Gefahren durch Mobilfunk vermeiden lassen. Dieter Nürnberger in Berlin, es sollten Vorsorge- und Schutzstandards vorgestellt werden. Was steckt dahinter?

29.10.2008

Zuerst muss man feststellen, dass es weiterhin eine doch recht große Kontroverse über die Gefahren des Mobilfunks gibt. Zu Beginn des Jahres hatte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel eine Studie vorgelegt, die - zusammenfassend gesagt - Entwarnung gab. Man gestand zwar ein, dass verlässliche Langfristbeobachtungen bislang fehlten, aber wenn die Grenzwerte eingehalten würden, dann ginge das Ganze in Ordnung. Kinder sollten aber nicht unnötig den durch die Netze und Geräte erzeugten elektromagnetischen Feldern ausgesetzt werden. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz widersprach heute vehement dieser damals gegebenen Entwarnung. Bernd Müller ist der Experte für diesen Bereich beim BUND:

"Diese Aussagen sind zum Teil unrichtig. Die Grenzwerte für Handy und selbst auch für schnurlose Telefone werden überschritten. Das heißt, es ist also nicht sinnvoll, so eine Station zu benutzen. Oder auch das Handy direkt ans Ohr zu halten. Das ist sogar ein Ergebnis des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogrammes. Hier wird ausdrücklich festgestellt, dass selbst ein kleines DECT-Telefon schon die Grenzwerte überschreitet."

Auch an der mehr oder weniger generellen Entwarnung stößt sich die Umweltorganisation. Es gebe beim Menschen nachweislich gesundheitliche Schäden. Das könnten Schlafstörungen und auch Erschöpfungszustände sein. Das Nervensystem könne leiden und in besonders gravierenden Fällen könne die Strahlung auch für die Auslösung von Hirntumoren verantwortlich sein. Hubert Weiger ist der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz:

"Alle Studien kommen ja zu dem Ergebnis, dass man eigentlich über die Langzeitfolgen zu wenig weiß. Dass auch bestimmte Summationseffekte bislang zu wenig untersucht worden sind. Es wird auch in keiner Weise auf elektro-sensible Bevölkerungskreise Rücksicht genommen. Man geht immer von einem durchschnittlich gesunden Menschen aus. Es gibt aber Menschen, die in diesem Bereich sensibler sind als andere. Die fallen bislang völlig durch den Überprüfungsrost. Von daher sehen wir einen dringenden Handlungsbedarf."

Zudem gebe es auch noch einen ganz anderen Aspekt, der bislang in der Bewertung vernachlässigt wurde. Hier geht es um die Auswirkungen auf die Natur. Bienen, Brieftauben oder auch Fledermäuse würden durch diese künstlich erzeugte Strahlung in ihrer Orientierung beeinflusst, sagt Handy-Experte Bernd Müller:

"Es geht darum, dass man auch bei der normalen Honigbiene festgestellt hat, dass sie durch solche elektromagnetischen Felder in ihrem Rückkehrverhalten gestört wird. Das sind wichtige Hinweise darauf, dass hier im biologischen System etwas passiert. Das ist nicht nur eine kurzfristige Beeinträchtigung, und deshalb sehen wir langfristig Gefahren für die Zukunft."

Aufgrund all dieser Befürchtungen plädiert der BUND nun für eine zukunftsfähige Kommunikationstechnologie, die Schäden für die Umwelt und auch die Gesundheit ausschließen soll. Hier geht es um strahlungsarme Anwendungen, so sollten Sendeanlagen nur noch dort aufgestellt werden dürfen, wo eine minimale Belastung der Anwohner erreicht werde. Bislang sei es oft so gewesen, dass allein ein Standort aufgrund einer geringen Miete ausgesucht wurde. Und bei den künftigen Grenzwerten, hier fordert der BUND eine drastische Verschärfung, stützt man sich auch auf Vorschläge des EU-Parlaments. Hubert Weiger:

"Das Europäische Parlament hat dazu auch Position bezogen. Das weicht von den Aussagen des Bundesumweltministers ab. Es ist auch notwendig, Techniken anzuwenden, die ohne hochmagnetische Felder auskommen."

Man blickt hierbei auch in die Schweiz, dort seien die Grenzwerte doch deutlich geringer als in Deutschland. Technisch seien die Vorschläge auch umsetzbar, so der BUND. Der Streit um die Gefahren der Mobilfunkstrahlung scheint somit weiterzugehen. Die Umweltorganisation will nun zuerst einen offenen Diskurs mit allen Akteuren und auch Betroffenen einleiten, um das weitere Vorgehen zu diskutieren. Aber eines klar: Der BUND will andere politisch-rechtliche Festlegungen in diesem Bereich als die gegenwärtigen.