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Bundesinstitut für Risikobewertung
Ackergift-Studie in der Kritik

Es sind schwere Vorwürfe, die der Epidemiologe Eberhard Greiser gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erhebt: Man habe kritische Studien zu Krebsgefahren absichtlich und systematisch weggelassen. Er vermutet, dass es eine entsprechende Weisung des Landwirtschaftsministeriums gegeben haben könnte.

Von Daniela Siebert | 23.09.2015

    Ein Schmetterling sitzt auf einer Blume vor einer Plastikflasche mit der Aufschrift "Roundup".
    Wissenschaftler Greiser plädiert für eine neue wissenschaftliche Untersuchung zur Glyphosatbelastung der deutschen Bevölkerung. (imago / Steinach)
    Das Bundesinstitut für Risikobewertung habe bei seiner Beurteilung von Glyphosat kritische Studien zu Krebsgefahren absichtlich und systematisch weggelassen, behauptet der Bremer Epidemiologe Professor Eberhard Greiser:
    "Sie haben sie so bewertet, dass sie als wissenschaftlicher Schrott gar nicht in die Betrachtung einbezogen werden mussten. Mit einem wirklich hinterlistigen Trick: Es wurde in der Regel behauptet, dass keine Fragen zur Anwendung von Glyphosat erfolgt wären, dass Rauchen nicht erfasst worden wäre und dass Vorerkrankungen nicht erfasst wurden."
    Greiser bezieht sich mit seiner Kritik auf eine Version des Bewertungsberichtes des BfR, die er im Mai von dessen Internetseite geladen hatte. Inwiefern sich dieser Text mit den Einschätzungen deckt, die die Berliner Experten im Dezember, im April und im August an die zuständige europäische Behörde EFSA weitergeleitet haben, bleibt unklar. Greiser betont jedoch, viele Studien seien vom BfR zu Unrecht aussortiert worden, diese hätten sehr wohl die wissenschaftlichen Standards erfüllt. Insbesondere vier Studien, die eindeutige Hinweise zu Krebsgefahren beim Menschen enthielten:
    "Das sind Studien von Brown, von Cantor, von Orsi und von Cocco. Die haben, vergleichbar zu den übrigen epidemiologischen Studien, eine Erhöhung des Risikos für bösartigen Lymphdrüsen-Krebs gefunden."
    Mit einem Traktor wird nahe Sallach im Landkreis Straubing-Bogen (Bayern) Pflanzenschutzmittel auf ein Feld gespritzt.
    Mit einem Traktor wird nahe Sallach im Landkreis Straubing-Bogen (Bayern) Pflanzenschutzmittel auf ein Feld gespritzt. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
    Dummheit oder Nichtwissen schieden bei der Expertise im BfR als Gründe für diese Auslassung aus, glaubt Greiser. Er vermutet anderes:
    "Eine Weisung von der Spitze des Landwirtschaftsministeriums 'Rührt Glyphosat nicht an!' ist doch denkbar. Glyphosat ist für Monsanto ein Milliardengeschäft und auch für Bayer Crop Science, die verdienen eine Schweinegeld daran und natürlich, natürlich gibt es Korruption."
    Das Bundesinstitut für Risikobewertung beantwortete unsere Interviewanfrage zu diesen Vorwürfen mit dem Hinweis auf seine Stellungnahme, die gestern Abend auf seiner Internetseite publiziert wurde. Ohne auf Professor Greiser namentlich einzugehen, heißt es dort:
    "Das BfR hat die epidemiologischen Kernstudien bereits im nochmals überarbeiteten Bewertungsbericht (RAR) vom April 2015 berücksichtigt. Im Addendum vom August 2015 hat das BfR weitere Studien bewertet, die die Internationale Krebsforschungsagentur IARC aufgeführt hatte. Diese zusätzlichen Studien führen in Bezug auf die Schlussfolgerungen zur Epidemiologie, in denen das BfR grundsätzlich mit der IARC übereinstimmt, zu keiner veränderten Gesamtbewertung."
    Das Bundeslandwirtschaftsministerium ließ unsere Anfrage zu Greisers Vorwürfen bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
    Höhn: "Das ist wirklich ein Skandal"
    Die bündnis-grüne Opposition im Deutschen Bundestag fordert jetzt ein Anwendungsmoratorium für Glyphosat sowie eine Pestizidreduktionsstrategie und ein Biomonitoring, wie hoch die Belastung der Bevölkerung mit der Substanz ist. Bärbel Höhn, die Vorsitzende des Umweltausschusses, spitzt ihre Empörung über das Bundesinstitut für Risikobewertung so zu:
    "Da sind renommierte Studien, die von renommierten Zeitschriften ja auch gecheckt wurden, denen wird jetzt unterstellt, dass sie bestimmte Rahmenbedingungen nicht eingehalten haben. Das ist wirklich ein Skandal! Von einem BfR, von einem Amt, Bundesamt, was für die Gesundheit der Bevölkerung zuständig ist."
    Wissenschaftler Greiser plädiert derweil für eine neue wissenschaftliche Untersuchung zur Glyphosatbelastung der deutschen Bevölkerung. Das sei innerhalb von zwei Jahren möglich - etwa unter Einbeziehung der vorhandenen Krebsregister.
    Bereits vor wenigen Tagen hatte auch eine Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, dass das internationale Gremium zu Pestizidrückständen JMPR Glyphosat neu bewerten sollte - und zwar auf breiterer Datenbasis als bislang.
    Programmtipp

    Harmlos bis krebserregend | Das Ackergift Glyphosat vor der NeuzulassungWissenschaft im Brennpunkt am kommenden Sonntag, 27.9.2016, 16,30 Uhr