Dienstag, 04. Oktober 2022

Rüstungsgüter
Welche Waffen aus Deutschland an die Ukraine geliefert werden - und welche Probleme sich dabei auftun

Die Waffenlieferungen an die Ukraine sorgen seit Wochen für politische Diskussionen. Die Bundesregierung beteuert, rasch auch schwere Waffen liefern zu wollen. Die Union wirft der Regierung dennoch Zögerlichkeit vor. Welche Waffen bekommt die Ukraine nun genau? Und welche technischen und logistischen Probleme gibt es? Fragen und Antworten.

02.06.2022

    Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr in der Übung "Iron Wolf" der NATO-Battlegroup in Rukla in Litauen.
    Auch die Panzerhaubitze 2000 wird an die Ukraine geliefert. (IMAGO/photothek/Thomas Wiegold)

    Welche Waffen soll die Ukraine bekommen?

    Bundeskanzler Scholz hat der Ukraine die Lieferung eines modernen Flugabwehrsystems zugesagt: Es handelt sich um das Luftverteidigungssystem Iris-T-SLM des Rüstungskonzerns Diehl. Außerdem soll das Land ein Ortungsradar erhalten, sowie nach Angaben aus Regierungskreisen bis Ende Juni auch Mehrfachraketenwerfer vom Typ Mars II aus Bundeswehrbeständen.
    Anfang Mai hatte Bundesverteidigungsministerin Lambrecht Deutschland die Lieferung von sieben Panzerhaubitzen 2000 zugesichert. Die Waffensysteme sollten aus einer laufenden Instandsetzung kommen und damit der Bundeswehr nicht unmittelbar fehlen. Zu den Haubitzen sollte sofort eine Ausbildung in Idar-Oberstein angeboten werden.

    Was ist das Flugabwehrsystem Iris-T?

    Die Iris-T gehört zu den modernsten Flugabwehrraketen der Welt. Sie wurde von Deutschland und sechs weiteren Nato-Staaten entwickelt und wird von der Rüstungsfirma Diehl am Bodensee produziert. Die Ukraine soll eine bodengestützte Variante erhalten, wie aus Regierungskreisen zu hören war. Sie besteht aus drei Fahrzeugen: einer mobilen Abschussrampe auf einem Militär-LKW mit Platz für acht Raketen, einem Radarfahrzeug und einem Führungsfahrzeug. Die Iris-T erreicht, vom Boden aus abgefeuert, eine Höhe von bis zu 25 Kilometern. Mit der Rakete können Kampfjets, Marschflugkörper, Kurzstreckenraketen und Drohnen abgeschossen werden.
    Die Flugabwehr-Rakete Iris-T.
    Auch die Flugabwehr-Rakete Iris-T. soll an die Ukraine geliefert werden. (dpa/Daniel Karmann)
    Mit der Flugabwehr soll Russland die Lufthoheit über die Ukraine genommen werden. Russland soll es dadurch erschwert werden, ukrainische Stellungen, Großstädte und Ballungsräume zu bomabrdieren.
    Wieviele Iris-T-Systeme Deutschland an die Ukraine liefern will, ist nicht bekannt. Die Kosten für das System gab der ukrainische Botschafter Melnyk mit 140 Millionen Euro pro Stück an.

    Was sind Panzerhaubitzen?

    Die Panzerhaubitze ist ein schweres Artilleriesystem mit einer Kanone auf einem Kettenfahrzeug - und ähnelt damit einem Panzer. Mit Standardmunition erreicht die Panzerhaubitze Schussentfernungen von 30 Kilometern, mit reichweitengesteigerter Munition sind 40 Kilometer möglich, wie die Bundeswehr schreibt. Die Geschützbesatzung kann demnach bis zu sechs Granaten so abfeuern, dass diese gleichzeitig einschlagen. Die Ausbildung ukrainischer Soldaten an diesen Waffen läuft bereits.

    Welche weiteren Waffenlieferungen sind im Gespräch?

    Lambrecht hatte auch eine Lieferung von Flugabwehrpanzern Gepard erlaubt, von dem der Hersteller Krauss-Maffei Wegmann noch 50 Stück in den Beständen hat. Allerdings muss dafür erst Munition angekauft werden, dazu laufen Gespräche mit Brasilien. Auch hier soll die Schulung in Deutschland erfolgen, voraussichtlich durch die Industrie selbst, aber auf Schießplätzen der Bundeswehr.

    Was ist mit "Ringtausch" gemeint?

    Deutschland will einen Ringtausch mit mehreren Staaten ermöglichen. Dabei werden aus den betroffenen Ländern Waffen sowjetischer Bauart an die Ukraine geliefert. Im Gegenzug erhalten die Staaten Rüstungsgüter aus Deutschland. Ein solcher Ringtausch ist etwa mit Tschechien vereinbart worden. Das Land soll als Ausgleich für die Lieferung von Panzern sowjetischer Bauart in die Ukraine 15 Leopard-2-Panzer aus deutschen Industriebeständen erhalten. Slowenien soll Schützen- und Radpanzer erhalten und dafür Kampfpanzer vom Typ T-72 an die Ukraine abgeben. Auch mit Griechenland ist ein Ringtausch in Planung, ebenso mit Polen.
    Der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall hat bei der Bundesregierung beantragt, die Lieferung von 88 gebrauchten Leopard-Kampfpanzern zu genehmigen. Ein weiterer Antrag des Konzerns bezieht sich auf 100 Marder.
    Kampfpanzer der Bundeswehr vom Typ Leopard 2 A7V fahren über den Truppenübungsplatz.
    Auch Leopard-Panzer könnten an die Ukraine geliefert werden. (picture alliance/dpa | Philipp Schulze)

    Was hat Deutschland schon an die Ukraine geliefert?

    Die Ukraine hat seit Kriegsbeginn von Deutschland gut 2.500 Luftabwehrraketen, 900 Panzerfäuste mit 3.000 Schuss Munition, 100 Maschinengewehre und 15 Bunkerfäuste mit 50 Raketen erhalten. Hinzu kommen 100.000 Handgranaten, 2.000 Minen, rund 5.300 Sprengladungen, mehr als 16 Millionen Schuss Munition für Handfeuerwaffen vom Sturmgewehr bis zum schweren Maschinengewehr und 5.000 Helme.
    Nach Angaben der Bundesregierung waren das Waffen und andere Rüstungsgüter im Wert von mindestens 191,9 Millionen Euro. Das geht aus einer Antwort des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Dagdelen hervor.

    Welche Probleme gibt es?

    Die Union etwa wirft der Regierung immer wieder vor, zu zögerlich zu agieren. Der CDU-Vorsitzende Merz kritisiert, der Kanzler verweigere der Ukraine absichtlich die notwendige Unterstützung.
    Sicher ist: Die Lieferzeiten für viele Waffensysteme sind lang. Bundesaußenministerin Baerbock sprach im Fall des Flugabwehrsystems Iris-T von mehreren Monaten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters könnte die Ukraine die ersten Iris-T im November entgegennehmen.
    Auch Haubitzen und Gepard-Panzer kommen erst in einigen Monaten. Darauf wies unsere frühere Russland-Korrespondentin Sabine Adler hin. Deutschland stelle sich offenbar auf längere Kämpfe in der Ukraine ein. "Nur die Kämpfe im Moment unterstützt es eben nicht."
    Bundesverteigungsministerin Lambrecht sagte im Deutschlandfunk , dass beispielsweise die zugesagten Gepard-Panzer zunächst aufbereitet werden müssten. Wichtig sei auch, dass ukrainische Soldaten gut an den Systemen ausgebildet würden, wie dies derzeit an den versprochenen Panzerhaubitzen 2.000 geschehe.
    Die Handhabung von sowjetischen bzw. russischen Waffen ist für die Ukrainer einfacher, weil sie daran ausgebildet wurden. Bei westlichen Waffen müssen die ukrainischen Soldaten den technischen und taktischen Umgang erst lernen.
    Experten warnen aber auch, dass allein die Lieferung von Panzern nicht ausreiche. Je länger der Krieg dauert, desto wichtiger werden logistische Herausforderungen - der Nachschub an Munition und die Wartung des Geräts. Manche Fahrzeuge und Militärgeräte erfordern eine ganze Logistikkette, um im Falle von Pannen oder Gefechtsschäden Wartung und Ersatzteile bereitzustellen.

    Was liefern andere Länder?

    Die meisten schweren Waffen an die Ukraine liefern die USA. Darunter sind Javelin-Panzerabwehrsysteme, Haubitzen, gepanzerte Fahrzeuge, Drohnen und Stinger-Raketen - allerdings offiziell keine Panzer. Zudem haben die USA seit dem Beginn der Amtszeit von US-Präsident Biden der Ukraine rund vier Milliarden Dollar an Militärhilfe zukommen lassen.
    Tschechien war nach Angaben aus Nato-Kreisen das erste Land, das Panzer sowjetischer Bauart lieferte. Polen bestätigte inzwischen, neben Drohnen und Javelin-Panzerabwehrsystemen ebenfalls Panzer in die Ukraine geliefert zu haben. Medienberichten zufolge soll es sich um 40 Panzer des sowjetischen Typs T-72 handeln. Die Slowakei überließ der Ukraine zudem ihr aus Sowjet-Zeiten stammendes Flugabwehr-Raketensystem S-300.
    Großbritannien hat nach eigenen Angaben bisher mehr als 200.000 Waffen an die Ukraine geliefert, darunter 4800 Panzerabwehr-Waffen vom Typ NLAW und eine kleine Anzahl vom Typ Javelin. Aus Frankreich kam schwere Artillerie, darunter Caesar-Haubitzen.
    Kanada sandte vergangene Woche erstmals Haubitzen an die Ukraine. Zuvor hatte es sich auf sogenannte Defensivwaffen wie Handgranaten und Munition beschränkt. Auch Griechenland setzte auf Waffen zur Verteidigung gegen Russland. Spanien lieferte unter anderem Transportfahrzeuge.
    Längst nicht alle Waffenlieferungen werden aber von den Ländern öffentlich gemacht.