Dienstag, 24. Mai 2022

Bundestagsbeschluss
Welche Waffen aus Deutschland an die Ukraine geliefert werden - und welche Probleme sich dabei auftun

Um die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine gab es ein langes Ringen. Nun soll das Land zur Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg auch aus Deutschland ein hochmodernes Artilleriesystem bekommen. Welche Waffen bekommt das Land nun genau? Welche technischen und logistischen Probleme gibt es? Und schließlich: Was liefern andere Länder? Fragen und Antworten.

06.05.2022

Ein Flugabwehr-Panzer (Gepard) der Bundeswehr
Ein Flugabwehr-Panzer (Gepard) der Bundeswehr (IMAGO/Björn Trotzki)

Welche Waffen soll die Ukraine bekommen?

Deutschland wird der Ukraine sieben Panzerhaubitzen 2000 liefern. Das teilte Verteidigungsministerin Lambrecht in der Slowakei mit. Die Waffensysteme sollten aus einer laufenden Instandsetzung kommen und damit der Bundeswehr nicht unmittelbar fehlen. Zu den Haubitzen solle in der kommenden Woche eine Ausbildung in Idar-Oberstein angeboten werden.

Was sind Panzerhaubitzen?

Die Panzerhaubitze ist ein schweres Artilleriesystem mit einer Kanone auf einem Kettenfahrzeug - und ähnelt damit einem Panzer. Mit Standardmunition erreicht die Panzerhaubitze Schussentfernungen von 30 Kilometern, mit reichweitengesteigerter Munition sind 40 Kilometer möglich, wie die Bundeswehr schreibt. Die Geschützbesatzung kann demnach bis zu sechs Granaten so abfeuern, dass diese gleichzeitig einschlagen.

Welche weiteren Waffenlieferungen sind im Gespräch?

Lambrecht hatte auch eine Lieferung von Flugabwehrpanzern Gepard erlaubt, von dem der Hersteller Krauss-Maffei Wegmann noch 50 Stück in den Beständen hat. Allerdings muss dafür erst Munition angekauft werden, dazu laufen Gespräche mit Brasilien. Die Schulung ukrainischer Ausbilder soll in Deutschland erfolgen.
Außerdem will Deutschland einen Ringtausch ermöglichen: Demnach soll Slowenien eine größere Stückzahl von Kampfpanzern in der Bauart des sowjetischen T-72 an die Ukraine abgeben und dafür aus Deutschland den Schützenpanzer Marder sowie den Radpanzer Fuchs erhalten. Für Tschechien ist so ein Ringtausch ebenfalls im Gespräch.
Der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall hat bei der Bundesregierung beantragt, die Lieferung von 88 gebrauchten Leopard-Kampfpanzern zu genehmigen. Ein weiterer Antrag des Konzerns bezieht sich auf 100 Marder.
Kampfpanzer der Bundeswehr vom Typ Leopard 2 A7V fahren über den Truppenübungsplatz.
Auch Leopard-Panzer könnten an die Ukraine geliefert werden. (picture alliance/dpa | Philipp Schulze)

Was hat Deutschland schon an die Ukraine geliefert?

Die Ukraine hat seit Kriegsbeginn von Deutschland gut 2.500 Luftabwehrraketen, 900 Panzerfäuste mit 3.000 Schuss Munition, 100 Maschinengewehre und 15 Bunkerfäuste mit 50 Raketen erhalten. Hinzu kommen 100.000 Handgranaten, 2.000 Minen, rund 5.300 Sprengladungen, mehr als 16 Millionen Schuss Munition für Handfeuerwaffen vom Sturmgewehr bis zum schweren Maschinengewehr und 5.000 Helme.
Nach Angaben der Bundesregierung waren das Waffen und andere Rüstungsgüter im Wert von mindestens 191,9 Millionen Euro. Das geht aus einer Antwort des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Dagdelen hervor.

Welche Probleme gibt es?

Die Handhabung von sowjetischen bzw. russischen Waffen ist für die Ukrainer einfacher, weil sie daran ausgebildet wurden. Bei westlichen Waffen müssen die ukrainischen Soldaten den technischen und taktischen Umgang erst lernen.
So sagt etwa der Militäringenieur Marc Chassillan, die deutschen Gepard-Panzer mit ihrem "ausgeklügelten" und "höchst anspruchsvollen" radargesteuerten Waffensystem seien schwieriger zu bedienen. Die Ausbildung erfordere mehrere Wochen. Der Umgang mit deutschen Marder-Panzern, deren Entsendung ebenfalls in Betracht gezogen wurde, dürfte hingegen keine großen Probleme bereiten. Chassillan weist darauf hin, dass Frankreich Panzerhaubitzen vom Typ Caesar schickt, die für ihre einfache Handhabung bekannt sind: "Man kann an einem Vormittag lernen, wie sie funktionieren."
Experten warnen aber auch, dass allein die Lieferung von Panzern nicht ausreiche. Je länger der Krieg dauert, desto wichtiger werden logistische Herausforderungen - der Nachschub an Munition und die Wartung des Geräts. Manche Fahrzeuge und Militärgeräte erfordern eine ganze Logistikkette, um im Falle von Pannen oder Gefechtsschäden Wartung und Ersatzteile bereitzustellen.

Was liefern andere Länder?

Die meisten schweren Waffen an die Ukraine liefern die USA. Darunter sind Javelin-Panzerabwehrsysteme, Haubitzen, gepanzerte Fahrzeuge, Drohnen und Stinger-Raketen - allerdings offiziell keine Panzer. Zudem haben die USA seit dem Beginn der Amtszeit von US-Präsident Biden der Ukraine rund vier Milliarden Dollar an Militärhilfe zukommen lassen.
Tschechien war nach Angaben aus Nato-Kreisen das erste Land, das Panzer sowjetischer Bauart lieferte. Polen bestätigte inzwischen, neben Drohnen und Javelin-Panzerabwehrsystemen ebenfalls Panzer in die Ukraine geliefert zu haben. Medienberichten zufolge soll es sich um 40 Panzer des sowjetischen Typs T-72 handeln. Die Slowakei überließ der Ukraine zudem ihr aus Sowjet-Zeiten stammendes Flugabwehr-Raketensystem S-300.
Großbritannien hat nach eigenen Angaben bisher mehr als 200.000 Waffen an die Ukraine geliefert, darunter 4800 Panzerabwehr-Waffen vom Typ NLAW und eine kleine Anzahl vom Typ Javelin. Aus Frankreich kam schwere Artillerie, darunter Caesar-Haubitzen.
Kanada sandte vergangene Woche erstmals Haubitzen an die Ukraine. Zuvor hatte es sich auf sogenannte Defensivwaffen wie Handgranaten und Munition beschränkt. Auch Griechenland setzte auf Waffen zur Verteidigung gegen Russland. Spanien lieferte unter anderem Transportfahrzeuge.
Längst nicht alle Waffenlieferungen werden aber von den Ländern öffentlich gemacht.