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StartseiteTag für Tag"Ethische Unterstützung für Soldaten"03.04.2019

Bundeswehr bekommt Militärrabbiner"Ethische Unterstützung für Soldaten"

Etwa 300 jüdische Soldaten dienen in der Bundeswehr. Nun werden sie eigene Seelsorger bekommen: Militärrabbiner. "Die Bundeswehr ist eine Kampfarmee", sagte der Historiker Michael Wolffsohn im Dlf. In schwierigen Situationen und ethischen Fragen könnten die Rabbiner Unterstützung geben.

Michael Wolffsohn im Gespräch mit Monika Dittrich

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Der Historiker Michael Wolffsohn bei einer Lesung aus seinem Buch "Deutschjüdische Glückskinder" im Jüdischen Museum Berlin (imago stock&people / Uwe Steinert)
Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn (imago stock&people / Uwe Steinert)
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Monika Dittrich: "70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wäre es an der Zeit, wieder eine jüdische Militärseelsorge in der Bundeswehr zu etablieren": Das schrieb Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, kürzlich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" – und erneuerte damit eine Idee, über die schon lange diskutiert wird. Doch jetzt tut sich etwas: Das Bundesverteidigungsministerium hat angekündigt, einen entsprechenden Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden zu schließen.

Militärrabbiner hatte es im Deutschen Heer schon im ersten Weltkrieg gegeben – damals kämpften 100.000 jüdische Soldaten für Deutschland. Viele von ihnen, die den ersten Weltkrieg überlebt hatten, wurden später im Nationalsozialismus ermordet. Die Nachfahren von Holocaust-Opfern waren in der Bundesrepublik deshalb von der Wehrpflicht, die es bis 2011 gab, befreit. Trotzdem dienen heute schätzungsweise 300 jüdische Soldaten in der Bundeswehr.

Grabkreuze auf dem Soldatenfriedhof in Cernay im Elsass, darunter ein jüdisches Soldatengrab. in Cernay liegen Gefallene der Kämpfe um den Hartmannsweilerkopf im Ersten Weltkrieg. Mehr als 30.000 Soldaten verloren ihr Leben bei den erbitterten Kämpfen. (imago stock&people / Winfried Rothermel)Im Ersten Weltkrieg kämpften viele Juden für das Deutsche Kaiserreich (imago stock&people / Winfried Rothermel)

Der Zentralrat der Juden hat nun zu einer Tagung über jüdische Militärseelsorge eingeladen. Zu den Vortragsrednern gehört der Historiker Michael Wolffsohn, der viele Jahre als Professor an der Universität der Bundeswehr in München gelehrt hat und selbst einer Familie von Holocaust-Überlebenden entstammt. Jetzt ist er uns aus Berlin zugeschaltet – guten Morgen, Herr Wolffsohn.

Michael Wolffsohn: Guten Morgen, Frau Dittrich.

Militärseelsorge ist "eigentlich eine Selbstverständlichkeit"

Dittrich: Herr Wolffsohn, ist es gut, wenn die Bundeswehr Militärrabbiner bekommt?

Wolffsohn: Es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Und diese Selbstverständlichkeit war deswegen nicht selbstverständlich, weil es lange Zeit – aus den von Ihnen in der Einleitung erwähnten Gründen – keine Juden in der Bundeswehr gab. Bis zur dritten Generation einschließlich waren die Nachfahren von Holocaust-Überlebenden von der Wehrpflicht befreit. Jetzt, wo sich das deutsch-jüdische Verhältnis entkrampft hat, - wenn denn Deutschsein und das Jüdischsein ein Gegensatz wäre – hat sich auch dieses Thema entkrampft und entspannt, und deswegen gibt es Juden in der Bundeswehr.

Der Eingang zur Militärseelsorge der Bundeswehr im Camp Marmal der Bundeswehr bei Mazar-e Sharif in Afghanistan am 11.07.2014  (imago stock&people)Militärseelsorge ist ein selbstverständlicher Teil der Auslandseinsätze der Bundeswehr (imago stock&people)

Dittrich: Aber warum ist Militärseelsorge überhaupt wichtig – Kritiker meinen, das sei eine überholte Institution, die für alle Religionsgemeinschaften abgeschafft werden könnte.

Wolffsohn: Das ist eine Arroganz der jeweiligen Gruppeninteressen – egal, wer sie ausspricht. Die Tatsache, dass jemand für das Land A, B oder C dient, erst recht in einer Berufsarmee, ist ein enormes Risiko. Hier geht es um Sein und Nichtsein. Und bei denen, die in dem jeweiligen Militär dienen, gibt es Menschen, die gläubig sind; und dann können die Ungläubigen nicht diktieren, was mit den Gläubigen zu geschehen hätte - Gleiches gilt umgekehrt. Also all diejenigen, die hier im Namen des Aufgeklärtseins für das Abschaffen von Militärseelsorge reden, sind egozentrisch. Und letztlich widerspricht dieses Argument der Toleranz und der Grundlage der offenen Gesellschaft.

"Hier geht es um Sein und Nichtsein"

Dittrich: Welche Art von Seelsorge ist das, die ein ziviler Geistlicher, ein ziviler Rabbi nicht leisten kann?

Wolffsohn: Das ist ganz entscheidend. Hier geht es ja auch nicht darum, dass die Militärseelsorge denjenigen zugutekommen soll, die Bleistifte anspitzen im Büro. Der Grundgedanke der Militärseelsorge ist ein ganz anderer. Und das ist leider auch sehr aktuell für die Bundeswehr. Die Bundeswehr ist inzwischen eine Kampfarmee - für die Sicherung oder die Wiederherstellung von Frieden, aber es ist Kampf. Ich nenne zwei regionale Stichworte: Afghanistan, Mali. Und hier geht es um Sein und Nichtsein. Und da braucht man eben jemanden, der sich in diesen Fragen auskennt. Das kann nur ein Seelsorger, der sowohl die psychologischen als auch die religiös-ethisch-normativen Grundlagen hat, um mit denen, die das Problem haben, in den Kampf zu ziehen, zu sprechen.

"Du sollst nicht morden"

Dittrich: Zentralratspräsident Schuster hat in seinem Artikel geschrieben, das Judentum biete lebensnahe Antworten für Menschen in schwierigen Situationen – unabhängig von ihrer Religion. Sie haben es eben gesagt, Soldaten haben es mit Kämpfen und mit Töten zu tun, mit Sein oder Nichtsein, vielleicht auch mit dem Verlust von Kameraden. Welche Antworten können Soldaten darauf im Judentum finden?

Wolffsohn: Die Grundfrage ist nicht nur der Verlust der Kameraden, viel entscheidender ist natürlich die Frage: Darf ich töten? Und diejenigen, die mit den Zehn Geboten vertraut sind aus der deutschen Übersetzung, haben schon ein elementares Problem. Die allgemeine Übersetzung, auch in der Einheitsbibel, aus den Zehn Geboten heißt: Du sollst nicht töten. Das ist eine völlig falsche Übersetzung! Im hebräischen Urtext heißt es: Lo tirzach – Du sollst nicht morden. Das heißt also, Töten ist unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt.

Bundeswehrsoldaten und Bundeswehrfahrzeuge in Camp Castor in Gao, Mali. Die Bundeswehr ist hier an der UN-Mission Minusma beteiligt. (imago /  epd Picture / Bettina Ruehl)Die Bundeswehr wurde in Mali bereits mehrfach in Kampfhandlungen verwickelt (imago / epd Picture / Bettina Ruehl)

Und das ist nun ein ganz diffiziles Thema, ethisch ein ganz zentrales Problem, das nicht nur religiöse Menschen, sondern Menschen an sich betrifft – und erst recht religiöse. Also kurzum: Hier kann ein Militärseelsorger, ein Militärrabbiner, den jüdischen Soldaten, aber auch den nichtjüdischen, ethische Unterstützung geben. Ich nenne ein Beispiel aus der Literatur: Der bedeutende französische Schriftsteller und Existenzialist Albert Camus hat folgendes formuliert in seinem Stück "Der Belagerungszustand": "Manchmal muss man töten, um das Morden zu beenden oder zu verhindern."

Imame und Rabbiner sollten einen Brückenschlag versuchen

Dittrich: Herr Wolffsohn, zuletzt wurde viel über rechtsextreme Strömungen innerhalb der Bundeswehr berichtet. Erhoffen Sie sich von jüdischer Militärseelsorge auch mehr politische Bildung für die Soldaten?

Wolffsohn: Politische Bildung ist nicht die Aufgabe der Seelsorge, die Politik ist nicht auszuklammern in diesem Bereich, aber sie ist zentral. Sie haben zu Recht rechtsextremistische Tendenzen in der Bundeswehr erwähnt, wir sollten aber der Wirklichkeit und der Vollständigkeit halber erwähnen, dass es auch enttarnte Islamisten (...) gab und gibt. Sowohl die Rechtsextremisten als auch die Islamisten sind aus der Bundeswehr, Gott sei Dank, - in diesem Falle wirklich Gott sei Dank und dem Ministerium sei Dank – entlassen worden. Wir wissen nicht, ob alle enttarnt worden sind. Und hier sehe ich große Probleme auf die Gesellschaft im Allgemeinen und die Bundeswehr zukommen, wenn Extremisten, gleich welcher Herkunft oder Religion, etwa mit jüdischen Soldaten in derselben Stube sind. Na, also das ist nicht besonders erquicklich, was da zu erwarten ist.

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen spricht am 15.2.2019 auf der Münchner Sicherheitskonferenz (Foto: Christof STACHE /AFP)Bundesverteidigungsministerin von der Leyen unterstützt die Einstellung von Militärimamen und -rabbinern (Foto: Christof STACHE /AFP)

Dittrich: Welche Rolle hat dann in so einer Situation möglicherweise ein Militärseelsorger, ein Militärrabbiner?

Wolffsohn: Genau eben diesen Dialog der Religionen zwischen den, ich sage es mal salopp, Kampfhähnen einzuleiten. Und deswegen hat das Bundesverteidigungsministerium, das hat die Ministerin von der Leyen klar gesagt, es wird auch Imame geben in der Bundeswehr. Und hier sind dann die Imame ebenso wie die Militärrabbiner gefordert, einen Brückenschlag zwischen den Religionen zu versuchen. Und da die Bundeswehr ein relativ überschaubarer Rahmen ist, wäre das durchaus eine Möglichkeit, die zum Erfolg führt. Und von diesem Erfolg, - ich füge hinzu: hoffentlich, das ist ein Wunsch und keine empirische Feststellung -, hoffentlich auf die gesamte Gesellschaft ausstrahlt.

Welcher ist der "richtige" Islamverband?

Dittrich: Das sollte man zum Thema Imame vielleicht noch sagen: 300 jüdische Soldaten in der Bundeswehr, 3.000 muslimische. Die sollen nun also auch eine eigene Militärseelsorge bekommen, wobei es schwierig wird mit einem Staatsvertrag, weil die islamische Institution fehlt, mit der man den schließen könnte.

Wolffsohn: Ja, aber wenn man Imame haben möchte und weiß, mit wem man zusammenarbeiten möchte, dann kann man das sehr wohl finden und man muss sich hier von überkommenen Denkstrukturen lösen. Nicht immer ist eine große Institution oder Organisation der auch ethisch, also normativ richtige Ansprechpartner. Hier plädiere ich für eine Entbürokratisierung.

Liberal oder orthodox?

Dittrich: Herr Wolffsohn, was weiß man über die Religiosität der jüdischen Soldaten in der Bundeswehr? Brauchen die orthodoxe und liberale Rabbiner? Wie muss ich mir das vorstellen?

Wolffsohn: Gute Frage, Frau Dittrich. Ich werde das in einem Vortrag auch thematisieren: Die "Jüdische Allgemeine" hat ihn übrigens abgedruckt, wer will, kann das also nachlesen. Das ist ein großes Problem, ein innerjüdisches Problem, in das sich vernünftigerweise das Ministerium nicht einschalten wird. Aber da kann niemand den Zentralrat aus der Verantwortung entlassen. Die Frage ist offen: Wird es einen orthodoxen Rabbiner geben oder einen liberalen – oder gar eine liberale Rabbinerin? Also da bin ich gespannt, wie sich diese innerjüdische Diskussion entwickelt. Aber es braucht nicht besonders viele Vorinformationen um zu vermuten, dass Orthodoxe nicht unbedingt in die Bundeswehr strömen.

"Beide Seiten haben sich entkrampft"

Dittrich: Sie haben früher an der Hochschule der Bundeswehr in München gelehrt – und ohne jetzt verallgemeinern zu wollen, an Sie die Frage: Was für ein Verhältnis haben Juden in Deutschland heute zur Bundeswehr, zum Militär im Land des Holocausts?

Wolffsohn: Heute ist es anders als gestern und vorgestern. Ich kann das an meinen eigenen Erfahrungen thematisieren: Als ich im Jahre 1981 Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität wurde, standen vielen Juden und Nichtjuden die Haare zu Berge: Wie könnte man? Und als ich im Jahre 1989 dafür plädierte, dass die Freistellung von der Wehrpflicht für jüdische Nachfahren von Holocaust-Überlebenden in der dritten Generation aufgehoben würde, haben Bundeskanzler Helmut Kohl und der damalige Verteidigungsminister Scholz zähneknirschend dem Ansinnen des damaligen Zentralratspräsidenten Heinz Galinski stattgegeben.

Ich hielt das damals schon für einen Fehler, weil gleiche Rechte auch gleiche Pflichten bedeuten und ich immer (…) gegen Sondergesetze gewesen bin. "Nürnberger Gesetze" unter positiven Vorzeichen sind eben auch Sondergesetze. Sie merken aber an der heutigen Situation: Das hat sich grundlegend geändert, weil sich beide Seiten entkrampft haben, beide Seiten füreinander geöffnet haben. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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