Samstag, 14.12.2019
 
Seit 11:05 Uhr Gesichter Europas
StartseiteDlf-MagazinBundeswehr? Gefällt mir nicht!18.10.2012

Bundeswehr? Gefällt mir nicht!

Unternehmensberatung soll mehr Jugendliche für den Soldatenberuf begeistern

Genau wie Siemens oder die Telekom kämpft das Unternehmen Bundeswehr um gute Leute mit Realschulabschluss oder Abitur. Doch viele Jugendlichen interessieren sich überhaupt nicht für den Soldatenberuf. Eine Unternehmensberatung soll helfen

Von Anja Kempe

Das Risiko bei der Bundeswehr ist vielen Jugendlichen zu groß (AP)
Das Risiko bei der Bundeswehr ist vielen Jugendlichen zu groß (AP)

Jugendliche:"Ich glaube, Soldat, das könnte ich mir nicht so vorstellen."
Wehrdienstberater: "Also, Sie können sich mit den soldatischen Tugenden nicht anfreunden?"
Jugendliche: "Nee. Nich' so."

Der Wehrdienstberater schnauft. Die Werbeoffiziere, die im ganzen Land unterwegs sind, an Schulen und auch auf Berufsmessen, um junge Leute für die Bundeswehr zu gewinnen, haben keinen einfachen Job. Qualifizierten Nachwuchs sucht die Truppe, mit Schulabschluss, am liebsten sogar mit Realschulabschluss oder Abitur. Denn genau wie Siemens oder die Telekom kämpft auch das Unternehmen Bundeswehr um gute Leute. Doch sehr viele der Jugendlichen interessieren sich überhaupt nicht für den Soldatenberuf. Nach Aussage des Verteidigungsministeriums müsste sich jedoch jeder achte Schulabsolvent bei der Bundeswehr bewerben, soll es künftig keine ernsthaften Personalengpässe geben.

Jugendlicher eins: "Nee, is' nix für mich!"
Jungendlicher zwei: "Bei der Bundeswehr, Schikane und so was, das gefällt mir nicht."
Wehrdienstberater: "Natürlich ist es so, dass der militärische Ton anders ist, is' so, gehört mit dazu. Aber es hat eigentlich noch keinem geschadet!"

Marschieren, links zwo drei und Befehle ausführen, für einen Großteil junger Leute kommt das nicht infrage. Das ist nicht nur die Erfahrung der Werbeoffiziere.

Die Vereinbarkeit der beruflichen Tätigkeit mit den eigenen Wertvorstellungen, nur wenige glauben, dass dieser Punkt bei der Bundeswehr auch wirklich gegeben ist.

Birgitt Cleuvers ist Unternehmensberaterin. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundeswehr hat das Verteidigungsministerium eine Unternehmensberatungsagentur beauftragt, an der "Marke Bundeswehr"’ zu feilen.
Die Betriebswirte Dieter Dohmen und Birgitte Cleuvers sollen prüfen, unter welchen Bedingungen der Arbeitgeber Bundeswehr für Jugendliche attraktiv sein könnte. Cleuvers:

"Wir haben, wenn man mal auf die Werteentwicklung guckt, die Tendenz zu einem eher privaten Umfeld, einer stärkeren Orientierung aufs Private, auf Individualisierung, und das ist nicht unbedingt kompatibel mit dem, was die Bundeswehr nach außen als Bild darstellt."

In der Unternehmensberatungsagentur ist man der Meinung, das militärische Image der Bundeswehr passe nicht zum aktuellen Zeitgeist junger Leute. Der gehe in eine andere Richtung. Dieter Dohmen:

"Junge Menschen wollen sich selbst entfalten, ihre Vorstellungen umsetzen, und das ist bei der Bundeswehr natürlich nicht ganz so einfach, da können sie nicht sagen, ich möchte jetzt heute mal das umsetzen, was vielleicht bei einem anderen Arbeitgeber ein Stück einfacher ist. Es werden klare Ansagen gemacht, was man zu tun hat. Im Einsatzfall gibt es keine Diskussionen. Da kann ich nicht anfangen als Vorgesetzter, so nach dem Motto, Gefreiter Soundso, wären Sie so freundlich, doch jetzt mal den Wachgang zu übernehmen, sondern da heißt es, Sie machen das."

Jugendlicher eins: "Nein Auf gar keinen Fall!"
Jugendlicher zwei: "Ich würd’ sagen, eher nich’"
Jugendlicher drei: "Ja auch nich’. Weniger."
Jugendlicher vier: "Auslandseinsätze und so. Hätte ich jetzt auch nich’ grad die größte Lust. Würd’ ich nich’ machen."
Jugendlicher fünf:"Ich auch nich’. Da krieg’ ich woanders mein Geld."
Jugendlicher sechs: "Ich will studieren. Psychologie oder so."
Jugendlicher sieben: "Ich auch. Sozialpädagogik."

Seit 2011 müssen alle Soldaten der Bundeswehr sich ausdrücklich zum Auslandseinsatz verpflichten. Die vom Verteidigungsministerium beauftragten Unternehmensberater sehen darin das größte Handicap für eine zufrieden stellende Nachwuchsgewinnung. Wer die Auswahl hat, meint der Betriebswirt Dieter Dohmen, sucht sich einen zivilen Beruf aus:

"Die Bundeswehr hat einen sehr spezifischen Auftrag, wo sich die Art der Einsätze und auch die Wahrscheinlichkeit, deutlich erhöht haben. Und das ist sicher ein Wettbewerbsnachteil, den andere Betriebe so in der Form nicht haben. Und der Auslandseinsatz ist nicht kalkulierbar, das heißt tägliches Risiko, dass man in kämpferische Auseinandersetzungen verwickelt wird, das ist das tägliche Risiko, dass etwas Unvorhergesehenes passiert und man nachhaltig verletzt oder im Zweifelsfall getötet wird. Und das ist natürlich eine Situation, die zwangsläufig dazu führt, dass die Bundeswehr einen Makel hat. Der Makel heißt Risiko."

Wehrdienstberater: "Ihr könnt euch auch hier solche Broschüren und Poster mitnehmen. Da habt ihr was von der Bundeswehr!"

Auch wenn die Wehrdienstberater an der Reklamefront alle Register ziehen - der Unternehmensberater Dieter Dohmen ist der Meinung, die Truppe wird sich mit ihrer Nachwuchssituation arrangieren und Abstriche machen müssen:

"Die Bundeswehr muss sich halt überlegen, wo sie sich positioniert. Die wollen sicherlich durchaus ordentlich Vorgebildete, dann durchaus intelligent, was aber mit den Aufgaben sich nicht ganz verträgt. Als die amerikanischen Streitkräfte umgestellt haben auf eine Berufsarmee, haben sie auch dort das Problem gehabt, dass da nicht mehr unbedingt die Hochqualifizierten hingegangen sind. Und die Zielsetzung der Bundeswehr kann meines Erachtens nur darin bestehen, zu sagen, okay, wir machen Abstriche, und Abstriche können dergestalt gemacht werden, sich zu fragen, ob man nur die Jugendlichen mit Schulabschluss und idealerweise mit Gymnasial- oder Realschulabschluss nimmt, oder ob man auch bereit ist, sich auf Jugendliche einzulassen, die im Zweifelsfall einen Schulabbruch haben, das muss man einfach in Betracht ziehen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk