Bundeswehr an Schulen
Der schmale Grat zwischen Information und Werbung

Die Besuche der Bundeswehr im Schulunterricht haben zugenommen. Umstritten sind sie ohnehin. Die Truppe spricht von Information, Kritiker warnen vor Werbung. Welche Regeln gibt es – und welche Ansätze für Schulen, mit dem Thema umzugehen?

    Schülerinnen und Schüler nehmmen Teil am Planspiel Pol&Is der Bundeswehr im Rahmen der Bildungsmesse didacta in Köln im März 2026.
    Planspiel der Bundeswehr: Ein Jugendoffizier spricht mit Schülerinnen und Schülern über Sicherheitspolitik (picture alliance / photothek.de / Juliane Sonntag)
    Die Bundeswehr ist regelmäßig an Schulen in Deutschland präsent: Jugendoffiziere sprechen dort über Sicherheitspolitik, Karriereberater informieren über Berufsmöglichkeiten bei der Truppe.
    Doch die Besuche von Bundeswehr-Vertretern an Schulen sind umstritten. Kritikerinnen und Kritiker werfen der Bundeswehr vor, mit ihren Angeboten Werbung zu betreiben.
    Wie können Schulen mit diesem Spannungsfeld umgehen? Besonders vor dem Hintergrund, dass die Bundeswehr auf neue Soldatinnen und Soldaten angewiesen ist.

    Inhalt

    Jugendoffiziere und Karriereberater: Die Bundeswehr an Schulen

    Insgesamt knapp hundert Jugendoffiziere und -offizierinnen der Bundeswehr besuchen auf Einladung Schulen in ganz Deutschland. Sie halten Vorträge, diskutieren sicherheitspolitische Themen und führen politische Planspiele durch. Außerdem berichten sie über eigene Erfahrungen in der Truppe und bei Auslandseinsätzen.
    Nach Angaben von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius im „Jahresbericht der Jugendoffizierinnen und Jugendoffiziere der Bundeswehr 2024“ erreichten die Jugendoffiziere in den vergangenen Jahren kontinuierlich mehr Menschen. Im Jahr 2024 waren es deutschlandweit knapp 5.600 Veranstaltungen mit mehr als 164.000 Teilnehmenden.
    Neben den Jugendoffizieren gehen auch Karriereberater der Bundeswehr an Schulen. Bundesweit gibt es einige Hundert davon. Sie informieren über das Ausbildungs- und Berufsangebot bei der Bundeswehr. Eine zivile Ausbildung ist bereits ab 16 Jahren möglich, der Einstieg in die militärische Laufbahn ab 17 Jahren, mit dem Einverständnis der Eltern.

    Neutralität versus Werbung: Beutelsbacher Konsens und Kritik der GEW

    Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius beschreibt Jugendoffizierinnen und -offiziere im Jahresbericht 2024 als „sachlich neutral“. Sie seien „seit mehr als 60 Jahren eine feste Stütze der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr“.
    Zudem gibt es Regeln für Unterrichtsbesuche. Soldaten müssen sich etwa an den Beutelsbacher Konsens halten. Der schreibt seit 1976 zwei wesentliche Grundsätze für die politische Bildung vor. Das Kontroversitätsgebot verlangt, gesellschaftliche Debatten im Unterricht ausgewogen abzubilden. Das Überwältigungsverbot wiederum soll verhindern, dass Kinder und Jugendliche manipuliert oder zu einer bestimmten Meinung gedrängt werden.
    Martina Schmerr, Expertin für Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht die Besuche dennoch kritisch. Sie bemängelt etwa, die Bundeswehr bilde im Unterricht nicht die Bandbreite der in der Gesellschaft vorhandenen Meinungen zu Themen wie Krieg, Sicherheitspolitik und Friedenssicherung ab. Denn die Jugendoffiziere seien "auf die sicherheitspolitischen Richtlinien des Verteidigungsministeriums verpflichtet".
    Zum anderen bestehe die Gefahr, so Schmerr, dass Schülerinnen und Schüler durch einen beeindruckenden Auftritt eines Bundeswehr-Offiziers beeinflusst werden könnten. Besonders je jünger sie seien. "Die Grenze zwischen Werbung und Information ist da einfach nicht sehr leicht zu ziehen“, sagt Schmerr.

    Minderjährige Rekruten aus Bayern: UN-Kritik und Bundeswehr-Praxis

    Auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Präsenz der Bundeswehr an Schulen und dem Interesse am Soldatenberuf verweist ihr GEW-Kollege Marc Ellmann aus Bayern.
    In den vergangenen Jahren seien von den Neurekruten etwa 13 bis 14 Prozent minderjährig gewesen, so Ellmann. Ein Viertel dieser Rekruten im Schulalter stamme aus Bayern, wo die Bundeswehr bereits seit zehn Jahren häufiger an Schulen präsent sei als in vielen anderen Bundesländern. Der erhöhte Einsatz von Jugendoffizieren könne dazu führen, dass die Zahl der Jugendlichen, die voreilig den gefährlichen Soldatenberuf wählen, weiter steigt.
    Auf die Kinderrechte verweist Jan Winkelmann, Schulleiter an der inklusiven Fritz-Karsen-Gesamtschule in Berlin-Neukölln: Die Vereinten Nationen (UN) kritisierten Deutschland regelmäßig dafür, dass die Bundeswehr Kontakt zu Minderjährigen aufnimmt.
    Jugendoffizier Alexander Schäbler, der vor allem in Brandenburger Schulen unterwegs ist, betont in seinen Vorträgen hingegen die Risiken des Soldatenberufs: „Soldat sein heißt vor allem Opfer bringen.“ Gesundheitliche Opfer, Opfer im privaten Leben, „im schlimmsten Fall das Opfer des eigenen Lebens“.

    Umgang mit Bundeswehrbesuchen: Dialog, Friedensbildung oder Verzicht?

    In der Kontroverse um die Unterrichtsbesuche der Bundeswehr plädiert die Servicestelle Friedensbildung in Baden-Württemberg dafür, weiterhin Vertreter der Bundeswehr an Schulen einzuladen – dabei aber auf Dialog und Bildungsarbeit zu setzen. Beispielsweise, indem Akteure zu Wort kommen, die sich für Frieden engagieren, erklärt Anne Kruck, Expertin für Friedensbildung bei der Servicestelle.
    Die Fritz-Karsen-Gesamtschule in Berlin-Neukölln hat einen anderen Ansatz gewählt: Sie lädt bewusst keine Vertreter der Bundeswehr ein. Das hätten Eltern, Schüler und Lehrerinnen vor knapp zehn Jahren gemeinschaftlich beschlossen, erklärt Schulleiter Jan Winkelmann.

    Online-Text: Annette Bräunlein, Radiobeitrag: Isabel Fannrich-Lautenschläger