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Bundesweite Initiative
Hilfe für Technik-Gründer

Fachkräftemangel in Deutschland - das Thema zieht sich seit Jahren durch fast alle Bereiche der Ausbildung. Nicht immer im Fokus sind da die Berufsschulen, die in vielen Bereichen Fachpersonal ausbilden. Wie kann man diese Auszubildenden, auch ohne Hochschulabschluss, für eine Führungsposition gewinnen oder als Gründer einer Firma? Nun wurde das Thema in Leipzig diskutiert, zum Auftakt einer bundesweiten Existenzgründer-Initiative.

Von Ronny Arnold |
    Etwa 100 Studierende von Technikerschulen sitzen in der Aula des Leipziger Berufsschulzentrums. Das Podium ist hochkarätig besetzt: mit Vertretern der Gewerkschaft, der Hochschulen, Berufsschulen und der Wirtschaft. Zur Veranstaltung eingeladen hat der Verein der Techniker, der ähnliche Aktionen auch für andere Bundesländer plant. Was die Existenzgründerinitiative erreichen soll, in Sachsen und bundesweit, beschreibt Bernd Schinke von der Konferenz der Fachbereichstage der Hochschulen, so:
    "Ganz einfach, man möchte mehr Gründungen haben, Existenzgründungen, Kleinunternehmen, Start-ups, die innovativ die deutsche Wirtschaft voranbringen. Denn wir wissen, die wesentlichen Neuerungen kommen meist nicht aus den Großbetrieben, sondern aus kleinen und mittelständischen Betrieben."
    Und dort fehlt es an Nachwuchs für innovative Neugründungen. Deshalb will der Verein der Techniker angehende Fachkräfte in Zukunft gezielter informieren, Berufsschulen und Hochschulen besser mit der Wirtschaft vernetzen, Anlaufstellen schaffen und praktische Hilfe anbieten. Auch hier, im Anschluss an das Podium, mit Tipps zu Gründungen, Businessplänen und Betriebsformen. Jenseits der Hochschulen seien gerade die Berufsschulen dafür ein idealer Ort, sagt Bernd Schinke.
    "Da hat die berufliche Bildung einen entscheidenden Vorteil: Die meisten Fälle der beruflichen Bildung sind ja, dass man während der Bildung bereits Praxis sammelt. Und eine Gründungsinitiative benötigt Praxiserfahrung. In der akademischen Bildung ist das nicht immer so der Fall. Gibt Ausnahmen, duale Studiengänge."
    Klare Idee der Veranstaltung: Die Position der Fachschulen gegenüber den Hochschulen stärken, Verbindungen zwischen beiden Ausbildungswegen knüpfen - und herausarbeiten, dass ein Studium nicht immer nötig ist, um Führungspositionen in der Industrie und im Handwerk auszufüllen. Denn die deutschen Unternehmen, so der Tenor, brauchen schnell nicht nur gut ausgebildete Akademiker, sondern ebenso Absolventen der beruflichen Schulen, die sich leitende Positionen zutrauen - erklärt Dirk Baumbach vom Lehrerverband der Berufsschulen in Sachsen.
    "Ich weiß, dass es solche Kick-off-Veranstaltungen schon oft gab, aber die sind im Nachhinein leider oft eingeschlafen. Wir haben in der Fachschule ja eigentlich die Ausbildung auf gleichem Niveau wie eine Hochschulausbildung laufen. Und da muss man sehen, dass man bestimmte Dinge, die im Hochschulwesen mittlerweile eingeführt sind, auch im Fachschulbereich übernommen werden. Und da muss man sehen, was kann man auf der einen oder anderen Seite ersetzen, sodass die Ausbildung nicht unnötig lange gestreckt wird, dass er erst nach 10, 15 Jahren in der Lage ist, diesen Posten überhaupt zu begleiten oder sich selbst als Existenzgründer zu sehen."
    Baumbach möchte in Zukunft Lerninhalte stärker abgeglichen sehen, die praktischen Erfahrungen der Berufsschüler verstärkt mit dem theoretischen Wissen aus den Hochschulen ergänzen. Das erfordere mehr Austausch, der über Initiativen wie diese durchaus gelingen könne. Das gemeinsame Problem, so sehen es die Diskussionsteilnehmer auf dem Podium: zu viele junge Menschen an den Hochschulen, zu wenige in den Berufen, vor allem auch in den technischen. Darüber müsse man reden, meint auch Bernd Schinke als Vertreter der Hochschulen:
    "In unserer deutschen Gesellschaft streben im Moment sehr sehr viele Menschen nach einem akademischen Abschluss, ohne sich überlegt zu haben, ob das für sie persönlich das Richtige ist. Wir brauchen sowohl in der beruflichen wie in der akademischen Bildung gute Leute. Und wenn die Hochschulen absichtlich oder unabsichtlich die Besten aus der beruflichen Bildung abziehen, dann fehlen die dort."
    Ebenfalls in Leipzig dabei: Gewerkschaftsvertreter Bernd Kassebaum von der IG Metall. Er sei von Haus aus skeptisch, wenn es um Gründungen von Unternehmen gehe. Etwa, weil viele Ableger größerer Unternehmen letztendlich Lohndumping betrieben.
    "Wir erleben viele Ausgründungen in Unternehmen. Würden uns eher wünschen, es gäbe mehr ordentliche Beschäftigungsverhältnisse in den Unternehmen als viele Selbstständige, die vielleicht als kleine Krauter vor sich hin existieren. Also einen Mindestlohn für Selbstständige gibt es bislang noch nicht."