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Bundesweite StudieSorge um Nachrichtenkompetenz der deutschen Gesellschaft

Ein Mann hält eine Fernbedienung vor einen Fernseher, auf dem die Tagesschau läuft. (picture alliance / dpa / Marius Becker)
Die Nachrichtenkompetenz in Deutschland lässt nach einer Studie zu wünschen übrig. (picture alliance / dpa / Marius Becker)

Die digitale Nachrichtenkompetenz der deutschen Gesellschaft ist in keinem guten Zustand. Zu diesem Ergebnis kommt eine bundesweite Studie der "Stiftung Neue Verantwortung". Der Think Tank verbindet den Befund mit Forderungen an Politik und Journalismus.

Tagesschau und Deutschlandfunk, Newsseiten und Mailanbieter, Facebook, Youtube, Instagram - der Nachrichtenmarkt und die Informationsangebote werden immer vielfältiger. Behalten die Menschen in Deutschland da den Überblick und wissen sie noch, womit sie es im einzelnen zu tun haben? Das wollte die "Stiftung Neue Verantwortung" herausfinden.

Ein Ergebnis der heute veröffentlichten Untersuchung: Die Unterschiede zwischen Information, Meinung, Werbung und Desinformation in den Medien werden oft nicht gut erkannt. Vielen der etwa 4.200 Befragten fiel es schwer wahrzunehmen, ob es sich um eine auf Tatsachen basierende nachrichtliche Berichterstattung handelt oder um einen journalistischen Kommentar, einen gesponserten PR-Beitrag beziehungsweise eine Falschinformation in den Sozialen Medien.

Ob eine Quelle vertrauenswürdig ist, wird oft richtig eingeschätzt. Interessenkonflikte von Akteuren oder Autoren werden dagegen seltener erkannt. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die Kennzeichnungsstrategien von Social-Media-Plattformen zu Desinformation bisher kaum wirken. Hier geht es etwa um Labels zum Faktencheck einer Falschnachricht oder Hinweise auf die Finanzierung eines Staatssenders aus Ländern wie Russland oder China.

Weiter Zweifel an journalistischer Unabhängigkeit

Die Untersuchung belegt anhaltende Zweifel an der Unabhängigkeit des Journalismus von der Politik. Nur die Hälfte der Befragten wusste, dass Nachrichten über einen Bundesminister ohne dessen Genehmigung veröffentlicht werden dürfen oder dass Bundestagsabgeordnete nicht darüber entscheiden können, worüber der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtet. 24 Prozent vertraten die Einschätzung, dass die Bevölkerung in Deutschland von den Medien systematisch belogen werde. Ebenfalls ein Viertel der Menschen hält den "Lügenpresse"-Vorwurf für gerechtfertigt.

Faktoren Alter und Bildung

Jüngere Generationen zeigten sich in der Studie durchweg nachrichtenkompetenter als ältere. Generell gilt quer durch alle Altersgruppen: Je höher die formale Schulbildung, desto höher die Kompetenzwerte und desto höher auch das Vertrauen in Journalismus und Politik. Als weiterer Zusammenhang ergab sich eine Grundeinstellung der Befragten: Faktoren wie Toleranz, die Bereitschaft, sich aktiv über Politik zu informieren und ein gewisses Grundvertrauen in Demokratie und Medien, gingen einher mit einer stärkeren Nachrichten- und Informationskompetenz.

Forderungen an Politik und Journalismus

Für die Stiftung ergibt sich aus der Untersuchung unter anderem die Forderung nach mehr Anstrengungen für die Medienkompetenz in den Schulen und in der Erwachsenenbildung. Die Menschen in Deutschland seien viel zu lange damit allein gelassen worden, sich in immer komplexeren Medienumgebungen selbst zurecht zu finden. Die Redaktionen sehen die Autorinnen und Autoren der Studie on der Pflicht, transparenter zu arbeiten. Sie sollten Nachrichten und Kommentare noch klarer trennen und die Grundsätze der journalistischen Arbeit verständlicher vermitteln.


Zur Studie:

Der Nachrichtenkompetenz-Test wurde im Herbst 2020 mit einer repräsentativen Stichprobe für die deutschsprachige Bevölkerung mit Internetzugang durchgeführt. Befragt wurden 4.191 Internetnutzerinnen und –nutzer ab einem Alter von 18 Jahren. Die Testfragen betrafen das gesamte Spektrum der digitalen Nachrichtenkompetenz, also die Fähigkeit zur Navigation in digitalen Medienumgebungen, die Beurteilung der Qualität von Nachrichten und Inhalten, das Prüfen von Informationen, die Diskursfähigkeit sowie Kenntnisse über die Funktionsweise von digitalen Öffentlichkeiten. Es handelt sich um einen der weltweit ersten Tests zu Informations- und Nachrichtenkompetenzen einer gesamten Bevölkerung.

Sie finden die gesamte Studie hier.

Zur Stiftung:

Die Stiftung neue Verantwortung e. V. (SNV) mit Sitz in Berlin versteht sich als gemeinnütziger Think Tank mit Schwerpunkt auf Technologie- und Gesellschaftsthemen wie den Medienwandel. Im Präsidium, geleitet vom Chef der IGBCE Michael Vassiliadis, sind u.a. Bundestagsabgeordnete von CDU, SPD, Grünen, FDP und der Linkspartei vertreten.

Im Geschäftsjahr 2019 standen der Stiftung gut 1,6 Millionen Euro zur Verfügung. Insgesamt unterstützten 22 Geldgeber aus dem Stiftungssektor, dem öffentlichen Sektor und der Wirtschaft die Arbeit. Einzelheiten finden Sie hier. Finanzierung | Stiftung Neue Verantwortung (SNV) (stiftung-nv.de)

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