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StartseiteInformationen am MorgenFehmarnbelt-Querung vor der letzten Hürde22.09.2020

BVwerG zu deutsch-dänischem ProjektFehmarnbelt-Querung vor der letzten Hürde

Ein 18 Kilometer langer Tunnel soll Dänemark und Deutschland unter der Ostsee künftig verbinden. Doch die sogenannte Fehmarnbelt-Querung ist vor allem auf deutscher Seite seit Jahren umstritten. Jetzt könnte das Mammutprojekt vor dem Leipziger Bundesverwaltungsgericht seine letzte Hürde nehmen. 865015

Von Johannes Kulms

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Die blauen Kreuze auf Fehmarn und in Ostholstein sind das Symbol der Tunnelgegner (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Ein Tunnel unter dem Fehmarnbelt soll den Verkehr zwischen Dänemark und Deutschland verschnellern (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
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Großprojekt zwischen Dänemark und Deutschland Fehmarnbelt-Tunnel: die umstrittene Röhre

Keld Vadstrøm hat sie noch erlebt, die gemütlichen Zeiten auf der Vogelfluglinie. Als Bordelektriker arbeitete er 17 Jahre auf den Fähren zwischen Deutschland und Dänemark und freute sich über ein ordentliches Gehalt. Es sei eine Zeit gewesen, "wo wir ein Bier trinken konnten. Aber das geht jetzt nicht mehr."

Schon lange ist die Reederei Scandlines nicht mehr im staatlichen Besitz. Inzwischen hat die Privatwirtschaft auf der Fährlinie zwischen dem dänischen Rødbyhavn und dem deutschen Puttgarden das Ruder übernommen. Wohl auch, weil auf der 18 Kilometer breiten Meerenge bis heute die Schiffe das Transportmonopol haben und die Vogelfluglinie somit eine prächtige Einnahmequelle darstellt.

Ein Frachter bringt Granitsteine aus Norwegen zur Errichtung des Arbeitshafens für den Tunnelbau (Deutschlandradio / Johannes Kulms) (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Großprojekt  - Fehmarnbelt-Tunnel: Die umstrittene Röhre
18 Kilometer lang, gut sieben Milliarden Euro teuer: Der geplante Fehmarnbelt-Tunnel zwischen Dänemark und Deutschland ist ein großes Projekt. Bis heute ist der Nutzen des Tunnels umstritten. Dennoch könnte ab dem kommenden Jahr gebaut werden.

Das Bild könnte sich allerdings ändern, wenn in möglicherweise einem Jahrzehnt einmal ein Tunnel die beiden Ostseeufer verbindet. Statt 45 Minuten mit dem Schiff soll die Passage über den Fehmarnbelt dann nur noch zehn Minuten für Pkws und sieben Minuten für die Züge dauern.

Keld Vadstrøm, der seit 15 Jahren im dänischen Rødbyhavn eine kleine Kneipe mit dem Namen "Overfarten" betreibt, sieht den Tunnel als Chance, damit sich Deutsche und Dänen endlich mal in dieser bisher ziemlich abgelegenen Region besser kennenlernen.

Doch für den kleinen Ort Rødbyhavn, der schon heute mit seinen vielen leeren Häusern und Geschäften ziemlich verlassen wirkt, sieht er schwarz.

"Dieses Dorf wird tot sein, wenn es fertig ist. Weil alle durchfahren mit dem Tunnel! Und hier wird nichts passieren."

Die Bauvorbereitungen laufen bereits

Seit Monaten schafft die dänische staatliche Projektgesellschaft Femern A/S bereits Tatsachen. Nahe Rødbyhavn liefern mehrfach die Woche Frachter aus Norwegen riesige Ladungen an Granitsteinen. Sie werden unter und über Wasser zu Wällen aufgeschichtet, die einmal die Molen bilden sollen für den Arbeitshafen.

Eine Hand mit ausgestrecktem Finger zeigt auf einer Karte den geplanten Tunnelverlauf von der deutschen Insel Fehmarn zur dänischen Insel Lolland. (picture alliance /dpa /Marcus Brandt) (picture alliance /dpa /Marcus Brandt)Allianz gegen Ostseetunnel: "Sie verbinden mit einer solchen Röhre zwei Rapsfelder"
Die Fehmarnbeltquerung soll Deutschland und Dänemark verbinden und die Wirtschaft in der Region fördern. Die "Allianz gegen eine feste Fehmarnbeltquerung" kritisiert den Plan seit mehr als zehn Jahren. Zum Beispiel seien die Verkehrsprognosen für den Tunnel falsch, sagte Susanne Brelowski von der Allianz im Dlf. Der Einsatz der Fähren sei flexibler.

Auf dem Festland soll im kommenden Jahr eine Fabrikanlage entstehen, in der die riesigen Tunnelelemente produziert werden: 217 Meter lang, 42 Meter breit und knappe 75.000 Tonnen schwer wird jedes Stück sein. Schlepper werden die Elemente später aufs Meer hinaus ziehen und in einer ausgegrabenen Rinne am Ostseegrund versenken. Nach und nach wird so der 18 Kilometer lange Tunnel wachsen, durch den später Straßen- und Schienenwege führen sollen.

Die Dänen seien genau so umweltbewusst wie die Deutschen, sagt Jens Villemoes, Pressesprecher bei der staatlichen dänischen Projektgesellschaft Femern A/S. Durch die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen könnte der Tunnel womöglich sogar den Zustand der Fehmarnbeltregion verbessern. Auch wenn dies erst später sichtbar werde, so Villemoes.

Zweifel am Bedarf

Doch gerade in Norddeutschland wird die geplante Querung seit Jahren massiv bekämpft. Zum Beispiel vom NABU. Die Naturschutzorganisation ist eine von sieben Parteien, die vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Klage eingereicht hat.

Seit vielen Jahren verfolgt Malte Siegert beim NABU die Tunnelplanung. Er befürchtet schwere Schäden in der Natur und verweist auf die Fischlaichgebiete und die artenreichen Sandbänke in dem Gebiet. 

"Aber wir bezweifeln eben auch, dass es den Bedarf für dieses Vorhaben überhaupt gibt. Wir sagen, man gibt da einen Haufen Geld aus, richtet einen riesengroßen ökologischen Schaden an. Aber für eine Menge an Verkehr, die eigentlich so einen großen Eingriff überhaupt nicht rechtfertigt." 

Zuletzt wurden neue Riffe im Fehmarnbelt gefunden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass deswegen die dänischen Tunnelplaner noch einmal die Unterlagen überarbeiten und sich das Verfahren abermals verzögern könnte. Doch ein komplettes Scheitern des Projektes kann sich selbst NABU-Mann Siegert nicht mehr wirklich vorstellen.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig (dpa/picture Alliance Fotograf Peter Endig)Wegen des hohen Interesses musste die Entscheidung in eine Kongresshalle verlegt werden, um die Corona-Auflagen erfüllen zu können (dpa/picture Alliance Fotograf Peter Endig)

Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht

Auch Jürgen Zuch geht davon aus, dass der Tunnel kommt. Seit vielen Jahren radelt Zuch jeden Morgen mit dem Fahrrad von seinem Wohnort Großenbrode auf dem Festland hinüber auf die Ostseeinsel Fehmarn. Als Regionalmanager für das Tunnelprojekt versucht er im Rathaus von Burg die vielen Baustellen im Auge zu behalten, die voraussichtlich auf die Insel zukommen: Die Tunnelbaustelle, der vierspurige Ausbau der Bundesstraße, eine neue Querung zwischen der Insel und dem Festland sowie die neuen Schienenwege. Die Gemeinde Fehmarn klagt in Leipzig für eine bessere Koordination der Gewerke. Die sei dringend nötig, sagt Jürgen Zuch.

"Im Interesse der hier Lebenden, der Natur, aber auch vor allem des Tourismus. Der Tourismus macht 70 bis 90 Prozent der Einkommen hier auf der Insel aus. Und das ist natürlich, wenn es dort Einbrüche gibt, das werden wir dann hier auch ganz, ganz schmerzlich merken."

Auf Lolland nahe Rodbyhavn plant Femern AS auf diesem Areal die Errichtung einer riesigen Fabrik (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Auf Lolland nahe Rodbyhavn plant Femern AS auf diesem Areal die Errichtung einer riesigen Fabrik (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Naturschutz versus wirtschaftliche Chancen

Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Bernd Buchholz weiß um die vielen Klagen vor dem Bundesverwaltungsgericht. Auch ein Landwirt, mehrere Fährlinien sowie das "Aktionsbündnis gegen eine Feste Fehmarnbeltquerung" ziehen nach Leipzig. Doch das Projekt werde kommen, gibt sich der FDP-Mann überzeugt. Vor wenigen Tagen schwärmte Buchholz im Kieler Landtag nochmals von den wirtschaftlichen Chancen.

"Die Verbindung der Metropolregion Kopenhagen/ Malmö und Hamburg – denn das ist die Achse, diese beiden Metropolregionen wachsen auf eine andere Art und Weise viel, viel schneller zusammen. Und damit schafft sich auch für Ostholstein, für Stormarn, für Lübeck - schaffen sich ganz andere Perspektiven. Der gesamte Hansebelt kann durch Neuansiedlungen profitieren davon. Und deswegen ist diese Fehmarnbelt-Querung so wichtig."

Die Bundesrepublik finanziert im Zuge des Tunnelprojektes die Modernisierung von Straßen- und Schienenwegen auf deutscher Seite. Die Kosten dafür sind laut Bundesrechnungshof inzwischen auf 3,5 Milliarden Euro gestiegen.

Für die eigentlichen Tunnelbaukosten in Höhe von rund sieben Milliarden Euro wird dagegen das dänische Königreich alleine aufkommen. Über eine Maut will Kopenhagen im Laufe von rund 37 Jahren das Geld sich wieder von den Nutzern und Nutzerinnen zurückholen. 

"Wir tragen die größeren Risiken", sagte im Juli Dänemarks Verkehrsminister Benny Engelbrecht diesem Sender. Doch Kopenhagen habe dadurch auch einige Vorteile.

Auch in Leipzig sprengt das Verfahren alle Grenzen. Weil der Gerichtssaal in Corona-Zeiten zu klein ist für alle Prozessbeteiligten, beginnen die Verhandlungen an diesem Dienstag in der Kongresshalle am Zoo. Ob demnächst wirklich ein Tunnel versenkt wird oder nur eine Planung, wird sich zeigen.

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