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Cannabis als Schmerzmittel

Cannabis, besser bekannt als Hanf, wird seit rund 4000 Jahren vor allem in Indien, China und Ägypten als Droge und auch als Arzneimittel genutzt. Die wichtigsten Inhaltsstoffe der Hanfpflanze sind die so genannten Cannabinoide. Die Pflanze enthält etwa 65 verschiedene Cannabinoide. Sie unterscheiden sich sehr, was die Verwendbarkeit als Arzneimittelrohstoff betrifft. Am besten untersucht sind die Cannabinoide Dronabinol und Cannabidol. Die Anwendung von Cannabisprodukten als Arzneimittel ist bei uns gesetzlich geregelt: Seit 1998 ist unter anderem Dronabinol bei bestimmten Krankheiten durch Ärzte verordnungsfähig. Jetzt will ein europäischer Forscherverbund aus Extrakten der Cannabispflanze ein wirksames Medikament gegen Migräne und rheumatoide Arthritis entwickeln. Die Wissenschaftler haben ihr Vorhaben, das die EU mit 1,5 Millionen Euro fördert, vergangene Woche in Freiburg vorgestellt.

Von Margrit Braszus | 21.06.2005
    Die Jahrtausende alte Erfahrung mit der Hanfpflanze als Schmerzmittel wollen die europäischen Forscher für zwei der größten Volkskrankheiten - Migräne und Rheuma - wiederbeleben. Der Freiburger Projektleiter Dr. Bernd Fiebich:

    " Eine der ersten beschriebenen Wirkungen vom Hanf in China war rheumatische Erkrankungen, und deshalb kann man davon fast schon fest ausgehen, dass es da auch eine Wirkung zeigt, und deshalb ist die Idee da ein neues Rheumamittel zu entwickeln, und natürlich auf nebenwirkungsarmer Basis, so dass die Leute die Medikamente nehmen können, längere Zeit, ohne die Befürchtung zu haben, an Nebenwirkungen zu erkranken. "

    Starke Nebenwirkungen weisen die herkömmliche Biochemie in ihre Grenzen. Die sogenannten "cox-2 - Hemmer", darunter auch Rheumamittel, erhöhen das Infarktrisiko; deshalb dürfen sie herzkranken Patienten oder Patienten mit erhöhtem Schlaganfallrisiko nicht mehr verschrieben werden. Unerwünschte oder nicht ausreichende Wirkung von Präparaten ist auch das Problem für die 52-jährige Petra Lütke, eine von rund 8 Millionen Migränepatienten in Deutschland:

    " Ich habe in diesem Jahr das ganz schlimm bekommen, und habe dreimal unter Cortison verschiedene Medikamente ausprobiert, die aber alle nicht wirkten. Bei dem ersten hatte ich die Nebenwirkung, dass ich ganz starkes Zittern und Kribbeln hatte, das zweite Medikament das half nichts, und jetzt hab` ich eine Kombination, die ganz gut anschlägt. "

    Der Bedarf an neuen, besseren Medikamenten ist groß, Bahnbrechendes von der Pharmaindustrie noch nicht in Sicht. In diese Lücke stoßen die Heilpflanzen-Forscher: Ein preisgünstiges Cannabismedikament könnte teure Migränepräparate ablösen. Mit Haschisch allerdings hat die künftige Hanfpille wenig zu tun, versichert Forscher Dr. Fiebich:

    " Die Leute sollen natürlich nicht einen Rauschzustand bekommen, wenn sie das Medikament einnehmen. Aber im Endeffekt ist der Rauschzustand durch Rauchen bedingt, und unsere Idee ist, dass früher die Leute einen Tee gemacht haben sich Pflanzenextrakte gemacht haben, und wir wollen es ebenso machen, dass wir ein Pflanzenextrakt entwickeln, das dann oral eingenommen wird, und dann im Endeffekt relativ wenig, so gut wie gar nicht Rauschzustände hervorruft. "

    Cannabis lindert Schmerzen, regt den Appetit an und schwächt Entzündungsprozesse - so berichten es Krebspatienten. Auch Patienten mit "Multipler Sklerose" und AIDS-Patienten konnte mit Cannabis-Wirkstoffen geholfen werden. Vereinzelte Nachweise, die nicht durch kontrollierte klinische Studien untermauert sind. Die Forscher sind herausgefordert:

    " Also, dass Cannabis bei Schmerz hilft, das ist schon allgemein bekannt. Im Endeffekt, was fehlt, ist ein standardisiertes Produkt, wenn Leute in den vergangenen 5o Jahren zu Cannabis gegriffen haben, dann wusste man gar nicht, woher kommt das Cannabis, ist es Cannabis sativa, also die hier in Europa ansässige Form, ist es diese indische Form, die mehr zu Rausch führt, es gibt keine standarisierte Medizin dafür, es gibt keine standardisierten Extrakte für Migräne und es war die Aufgabe, dass wir qualitätsgesicherten Cannabisextrakt entwickeln wollen, wo dann auch sicher ist, dass der nicht nur heute wirkt oder morgen, sondern auch über die nächsten 10 Jahre. "

    Das europäische Forschungsteam will herausbekommen, welche Cannabis-Pflanze sich besonders als Arzneipflanze eignet und wie man die schmerzstillenden Substanzen in dieser Pflanze anreichern kann. Sollte das Projekt ein wirksames Rheuma- und Migränemittel hervorbringen, steht ein gewinnbringender Markt offen. Nicht allein deswegen ist der Biochemiker Prof. Lienhardt Schmitz von der Universität Bern hoch motiviert:

    " Bei beiden Krankheiten, bei der Migräne und bei der rheumatoiden Arthritis sind Entzündungsprozesse relevant und im Vordergrund, und wir können in dem Labor in Bern Diese Entzündungsprozesse molekular untersuchen, und die Einflüsse der Hanfextrakte oder auch isolierter Komponenten auf diese Entzündungsvorgänge messen. Die Hoffnung ist, die entzündlichen Prozesse zu hemmen mit diesen Hanfextrakten. "

    Zwei bis drei Jahre wird es dauern, bis die Wissenschaftler eine Tablette präsentieren können, die für klinische Studien tauglich ist. Fest steht schon jetzt: Auch ein neues Cannabisprodukt wird kein Wundermittel sein.

    Selbst wenn bei der Hanfpille nur leichte Nebenwirkungen zu befürchten sind, - Schläfrigkeit, Schwindel oder Sehstörungen, wie es die jüngste amerikanische Studie mit 36 Probanden belegt -, ist das für den Elzacher Migränearzt Dr. Rainer Ihling Grund genug, skeptisch zu sein:

    " Nach meiner Erfahrung wirken die Naturheilmittel v.a. im Bereich der Prophylaxe, d.h. als Verhinderung von Migräneattacken und dann meistens leider auch nur wenn es sich um Attacken handelt, die nicht stark sind. Wenn man jetzt Cannabis einsetzen würde, dann würde ich fürchten, dass die Nebenwirkungen wie Schwindel, psychische Veränderungen Benommenheit haben, und ich kenne keinen Migränepatienten, der das gerne hätte. Wenn man es als Akutmittel einsetzen würde, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass das Cannabis da wirkt, einfach weil des als Substanz nicht so schnell wirkt. "