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Cannabis-Grenzwerte
Freie Fahrt für Kiffer?

Beim Alkohol sind die Grenzen glasklar festgelegt: Auf die Nachkommastelle genau ist definiert, ab welchem Promillegehalt man nicht mehr fahren sollte. Aber wie ist das bei Cannabis? Bisher gibt es keine Werte, ab wann der Wirkstoff THC im Körper tatsächlich Einfluss auf das Autofahren hat. Das wollen Forscher aus Mainz jetzt ändern.

Von Michael Stang | 13.10.2015
    Eine Joint und Marihuana
    Ein Joint und Marihuana (Imago)
    Vermuten Polizisten bei einer Verkehrskontrolle, dass der Führer des Fahrzeugs Cannabis konsumiert hat, wird häufig eine Fahruntüchtigkeit unterstellt. Doch ist das wirklich er Fall?
    "Was ist denn Wirkung? Wann habe ich eine Wirkung? Wie kann ich die objektivieren, wie kann ich die darstellen, um dann unter Umständen zum Beispiel auch Gesetzestexte, was die Fahrtüchtigkeit angeht zu überprüfen, zu unterstützen oder vielleicht zu widerlegen, anzupassen?", fragt Katrin Uebbing vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Mainz. "Es gibt zwar Grenzwerte für den 24a, das ist die Ordnungswidrigkeit, aber was die absolute Fahruntüchtigkeit angeht, muss immer noch das Verhalten desjenigen angeschaut werden."
    Für das Fahren unter Alkoholeinfluss gibt es umfassende Daten, die solche Fragen beantworten, für Dronabinol hingegen nicht. Der Wirkstoff aus der Gruppe der Cannabinoide, der im Hanf vorkommt, ist besser bekannt als Tetrahydrocannabinol – kurz THC. Dieser Wirkstoff kann im Blut nachgewiesen werden - in Nanogramm pro Milliliter.
    "Und dementsprechend wäre es natürlich interessant zu wissen: Gibt es eine objektivierbare Methode, mit der man einen "harten Grenzwert" herausfindet, um sich dann auch im Gesetz daran zu Beispiel zu orientieren?"
    Wenn Ratten "high" werden
    Um diese Datenlücke zu schließen, haben Katrin Uebbing und ihre Kollegen 21 Ratten untersucht und sich deren Glukosemetabolismus im Gehirn unter dem Einfluss von THC angeschaut. Damit können sie den Energiestoffwechsel im Gehirn mithilfe von radioaktiv markierten Substanzen im Positronen-Emissions Tomographen (PET) untersuchen. Die Tiere bekamen zunächst unterschiedliche Dosen THC verabreicht.
    Über einen Zeitraum von 70 Minuten maßen die Forscher das radioaktive Signal; zusätzlich wurden Blutproben genommen, um den tatsächlichen THC-Gehalt zu messen. Die Frage war, ab welcher THC-Menge im Blut lässt sich bei mehr als der Hälfte der Tiere eine Wirkung nachweisen? Die Mainzer Forscher suchten nach der ED50. Dieser Begriff aus der Pharmakologie bezeichnet die Effektivdosis für den Wirkstoff – hier also THC - bei dem die Hälfte der untersuchten Organismen eine Wirkung zeigt.
    "Wo liegt dieser Scheitelpunkt? Ab wann ist das möglicherweise genau der Punkt, ab wann wir eine Wirkung, eine signifikante Wirkung von THC im Gehirn beobachten? Der liegt bei Ratten grafisch abgelesen bislang im Wert etwa von drei Nanogramm." Die ersten Ergebnisse bei den Ratten waren eindeutig. Weitere Analysen sollen den THC-Scheitelpunkt exakt bestimmen helfen. Danach stehen weitere Studienreihen auf der Agenda.
    Kontrolliertes Kiffen im Labor
    "Es sollen Versuche an Menschen durchgeführt werden. Die Untersuchungen sollen aber insofern etwas anders ablaufen, als dass noch Psychiater hinzugezogen werden, sodass wir nicht nur einerseits dieses PET-Signal messen, also das, was auch durch den Menschen nicht beeinflussbar ist, sondern natürlich auch gucken: ok, wie verhält der sich, sodass wir noch eine größere Ausweitungsmöglichkeit haben."
    Damit könnte das Langfristziel bald erreicht werden: die Festlegung eines Grenzwertes, der bei Polizeikontrollen zur Anwendung kommt. Dieser würde die niedrigste THC-Konzentration im Blut beschreiben, die nachweislich einen Effekt auf den Glukosemetabolismus, also den Körper hat - und damit vermutlich Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit.