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Cantate d'amore

''Cantate d'amore'', das lässt aufhorchen, begegnet man doch Domenico Scarlatti als Verfasser weltlicher Vokalmusik nicht allzu oft. Der Vielzahl von Aufnahmen seiner Klaviersonaten steht kaum mehr als eine Handvoll Einspielungen seiner Kantaten gegenüber. Aufhorchen lässt auch der Name des Interpreten: Max Emanuel Cencic. War das nicht? - Genau, jener damals kaum zwanzigjährige ehemalige Wiener Sängerknabe, der Mitte der 90er Jahre als Sopranist für Aufsehen sorgte. Cencic gab Liederabende sogar in Japan, wo er noch immer eine große Fangemeinde hat, wirkte unter Dirigenten wie Paul McCreesh und Thomas Hengelbrock in verschiedenen Opernproduktionen und Oratorien mit, trat bei der Schubertiade Hohenems, in Drottningholm, Kopenhagen, bei den Händelfestspielen in Halle auf... Und verstummte. Das jähe Ende einer steilen Gesangskarriere, so schien es jedenfalls. Aber es war wohl keine fundamentale Krise, sondern einfach das Bedürfnis nach einer künstlerischen Atempause. Die ist nun vorbei. Cencic ist zurück. Hier der Beweis. * Musikbeispiel: D. Scarlatti - ''Tinte a note di sangue'': Rezitativ ''Almen se d'altro amante'' und Arie ''Se mi dirai cor mio'' Sie hörten das Rezitativ ''Almen se d'altro amante'' und die Arie ''Se mi dirai'' von Domenico Scarlatti. Es sang Max Emanuel Cencic, begleitet vom Ensemble Ornamente 99 unter der Leitung von Karsten Erik Ose.

Johannes Jansen |
    ''Tinte a note di sangue ... crudel, tiranna, ingrata'' - von dieser Art sind die Texte der Kantaten: mit Blut geschriebene Liebesbriefe eines Verzweifelten. Verfasst hat das ganze Alphabet der Eifersucht, der Liebe und ihrer Tyrannei kein Geringerer als Metastasio, kaiserlicher Hofpoet in Wien, dessen Libretti der Rohstoff waren für die nachgerade industrielle Opernproduktion des 18. Jahrhunderts. Aber hier handelt es sich nicht um Opernszenen im eigentlichen Sinn, sondern um pseudo-theatralische Miniaturen, Kammerkantaten eben, oder: großes Opernkino in Minimalbesetzung. Scarlatti schreibt nur zwei Violinen und Basso continuo vor. Auf zwei zusätzliche Flöten allerdings mochte Karsten Erik Ose, selbst Blockflötist, als Leiter des Begleit-Ensembles nicht verzichten. Diese Entscheidung steht in Einklang mit Musiziergewohnheiten der Zeit und kommt - ebenso wie die mit Kontrabass und Theorbe verstärkte Generalbassgruppe - besonders der großen Arie ''Pur nel sonno almen tal'ora'' zugute. Ihr hat Scarlatti eine bewegte, ganz im Stil seiner Klaviersonaten gehaltene Introduktion vorangestellt, komplementiert mit einem gravitätischen Menuett. * Musikbeispiel: D. Scarlatti - Kantate ''Pur nel sonno almen tal'ora'': Introduzione und Minuetto Selbst im Schlaf erscheint sie mir und lindert meine Qualen - ''Pur nel sonno almen tal'ora'' steht in ihrer verhalteneren Grundstimmung ein wenig in Kontrast zu den drei anderen hier versammelten Kantaten. Aber auch in ihr schwelt das Feuer einer geradezu wertherhaft-selbstquälerischen Liebe, die zwischen Wahn und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann. Es ist durchaus möglich und in dieser Zusammenstellung wohl auch intendiert, die Texte aller vier Kantaten aufeinander zu beziehen. Im musikalischen Verlauf entsteht dann wie von selbst eine Art Kurzoper, wenn auch nur mit einem einzigen Darsteller und Sänger. Dem aber gelingt es, die wechselnden Erregungszustände, Brüche und Perspektiven der fiktiven Handlung durchweg überzeugend, ja mitreißend zu gestalten. In einer anderen jüngst erschienenen Aufnahme mit Scarlatti-Kantaten unter dem Titel ''lettere amorose'' war diese Aufgabe auf zwei Sängerinnen, Patrizia Ciofi und Anna Bonitatibus, verteilt. Für die Aufnahme mit Cencic spricht, dass sie den historischen Gegebenheiten wahrscheinlich näher kommt. Wenn es als erwiesen gelten darf, dass die Kantaten, obwohl in Wien überliefert, in Madrid entstanden sind, liegt die Vermutung nahe, ''Scarlatti habe sie zu jener Zeit eigens für Farinelli komponiert''. So schreibt es Ose im Begleittext zur CD; ein bisschen Spekulation ist allerdings dabei. Indes, mit Farinelli kann sich Cencic, schon aus physiologischen Gründen, nicht vergleichen. Die Kunst der Kastraten ist nun einmal endgültig dahin. An das hohe Sopranregister, über das Farinelli zweifellos verfügte, kommt auch ein Ausnahmetalent wie Cencic nicht leicht heran, zumal seine Stimme in der künstlerischen Auszeit, von der eingangs schon die Rede war, reifer und das heißt in diesem Fall: auch tiefer geworden ist. Darum war es nötig, die Originalpartien geringfügig nach unten zu versetzen. Erstaunlich ist die Höhe aber immer noch, und fast noch erstaunlicher, wie gut der Ausgleich zwischen Falsett und Bruststimme gelingt. Hören Sie ''Scritte con falso inganno'' - geschrieben mit trügerischer List... * Musikbeispiel: D. Scarlatti - Kantate ''Scritte con falso inganno'': Rezitativ und Arie ''Che vuol dir'' Die neue Platte: Sie hörten ''Cantate d'amore'' von Domenico Scarlatti, zuletzt die Arie ''Che vuol dir quel tuo 'non sono''': eine bittere Abrechnung mit dem oder der treulosen Geliebten, präsentiert von Max Emanuel Cencic und dem Ensemble Ornamente 99 unter der Leitung von Karsten Erik Ose. In gleicher Besetzung, dieser Hinweis sei noch schnell angefügt, kommt demnächst auch eine hier im Deutschlandfunk produzierte Platte mit Solo-Kantaten von Antonio Vivaldi auf den Markt. Max Emanuel Cencic wird übrigens in der neuen Spielzeit an der Baseler Oper die Rolle des Nero in Monteverdis ''L'incoronazione di Poppea'' übernehmen. Eine neue Herausforderung. Premiere ist am 20. November.