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Cape Canaveral des Wurster Landes

Von weitem sieht er aus wie eine Rakete mit Startrampe, eine Art Cape Canaveral des Wurster Landes. Denn "Obereversand" ist nicht rund und rotweiß gestreift, wie es sich für einen anständigen Leuchtturm gehört, sondern viereckig und schwarz. Damit man ihn bei Nebel besser sieht. Und er steht auf vier Pfeilern. Von nahem betrachtet, entpuppt sich die Startrampe als Außentreppe mit 84 Stufen. Oben, am Ende dieser Treppe, wartet Heike Grotheer, die Gästeführerin des Leuchtturmvereins:

Von Wolfgang Stelljes | 02.12.2007
    "Begrüße ich Sie ganz herzlich hier auf unserem Turm in Dorum-Neufeld, schön, dass Sie den Weg hier herauf gefunden haben, ist ja teilweise auch ein bisschen mühsam. Wie einige von Ihnen vielleicht wissen, steht der Turm erst seit März 2003 hier in Dorum-Neufeld, und zwar stand er davor zirka zwölf Kilometer von hier entfernt draußen im Wattenmeer. Hier ist jetzt Dorum-Neufeld, wo wir jetzt heute sind, und hier hat er gestanden, auf dem Obereversand. Das war sein alter Standort."

    Grotheer tippt mit einem Zeigestock auf eine Karte. Gemeinsam mit einem Unterfeuer wachte "Obereversand" ab 1887 über die Schifffahrt und wies den damals modernen Schnelldampfern den Weg von und nach Bremerhaven. Wie das mit dem Oberfeuer und dem Unterfeuer genau funktionierte, erklärt Heike Grotheer mit Hilfe eines kleinen Holzmodells. Beide Feuer mussten vom Schiff aus gesehen in einer Linie liegen.

    "Und wenn das der Fall war, dann wusste der Kapitän, aha, ich bin in der Mitte des Fahrwassers, alles in Ordnung. Sah er jetzt aber auf einmal rechts oder links zwei Türme, dann war Holland in Not."

    Bis 1923 ging das so. Danach nutzten die Dampfer einen Weserarm etwas weiter westlich.

    "Unser Turm, der hat Glück gehabt, der ist dann zu einem Rettungsturm geworden, das heißt also Schiffbrüchige, die hier im Wurster Arm verunglückt sind, konnten sich dann auf diesen Turm retten, wenn sie das dann geschafft haben, diese 53-stufige Leiter hier hoch, den tollen Treppenturm hatten die damals nicht, und wenn man dann nicht mehr bei Kräften war, war das schon anstrengend."

    Wer es schaffte, fand im Lagerraum auf der ersten Ebene Notproviant, Trinkwasser und Leuchtmittel. Im Jahre 2003 wurde der 113 Tonnen schwere Koloss dann nach Dorum geschleppt. Und weil die Wohn- und Diensträume noch weitgehend im Originalzustand waren und ehrenamtliche Helfer eine Menge Arbeit investierten, vermittelt der Turm heute ein unverfälschtes Bild vom Leben und Arbeiten der Leuchtturmwärter vor über 100 Jahren. Zum Beispiel in dem Raum auf der zweiten Ebene: Omas alter Herd in der einen Ecke, Waschschüssel, Handtuch und ein Stück Kernseife in der anderen. Und dazu noch eine enge Koje.

    "Das ist ein bisschen klein geraten alles. Aber die sind auch viel kleiner gewesen wie wir, nicht so groß, und haben auch anders geschlafen, mit ganz vielen Kissen im Rücken."

    Auf einem Foto an der Wand sind zwei Männer zu sehen.

    "Das ist ein Foto von 1900. Ein Oberwärter, ein normaler Wärter. Und sechs Wochen Dienst mussten die dann hier schieben und konnten für zwei Wochen dann wieder runter."

    Sechs Wochen Dienst, zwei Wochen Pause, sechs Wochen Dienst - das war der Rhythmus. Immer zu zweit. Einer der beiden saß meist an einem Schreibtisch auf der dritten Ebene, beobachtete die Schiffe und das Wetter und notierte alles fein säuberlich im "Turmtagebuch". Neben dem Schreibtisch ein Schrank mit bunten Flaggen und ein Morseapparat. "Obereversand" war einer der ersten Leuchttürme mit einem Schreibtelegrafen und über ein Kabel im Watt mit dem Festland verbunden.

    "Wenn die auf den Schiffen Nachrichten weiterzugeben hatten, haben die diese Signalflaggen hochgezogen, dazu gabs dann das Flaggenalphabet, ja, er konnte das dann hier lesen, hat dann mittels Morseapparat die Nachrichten dann an Land weitergegeben. Umgekehrt funktionierte das dann halt genauso: Nachrichten, die für bestimmte Schiffe bestimmt waren, gingen dann hier auf den Turm und dann haben die hier auf dem Turm die Flaggen hochgezogen."

    Leuchtturmwärter konnte nur werden, wer das Morsealphabet beherrschte. Und mindestens zehn Jahre zur See gefahren war.

    "Um halt die nautischen Kenntnisse zu haben, ja, und ich denke mir auch, die Einsamkeit, man musste das ja auch können, man war hier mit einem Kollegen, das war hier Männerwirtschaft. Und sechs Wochen können dann eine lange Zeit sein."

    Bei Ebbe konnten sich die beiden die Beine im Watt vertreten. Und mit einem Netz in den Prielen ein paar Krabben fangen.

    "Und dann hängt da noch so ein tolles Instrument an der Wand, das ist eine Buttpricke, sieht aus wie so eine Harke, da konnte man den Butt mit aufpricken, im Watt, das Gerät ist mittlerweile verboten, weil das dann doch zu gefährlich war, weil hatte manch einer vielleicht auch mal den Fuß dazwischen. Ja, genau."

    Einige Besucher verziehen ihr Gesicht.

    Am Ende der Führung geht es über eine schmale Stiege hinauf auf die vierte Ebene, die Galerie rund 30 Meter über dem Watt. Vorbei am Leuchtenraum.

    "Also wir haben da jetzt so eine tolle Energiesparlampe in unserem Turm, da war früher eine dreidochtige Petroleumlampe drin, heißt, unser Turm leuchtet nachts wieder, ist auch in den Seekarten wieder eingetragen als Hafenfeuer von Dorum-Neufeld. Und ansonsten können wir schön weit gucken."

    Und was wir nicht alles sehen: Links am Horizont die Ladekräne des Containerterminals in Bremerhaven, rechts Cuxhaven und den kantigen Turm der Insel Neuwerk. Ansonsten unverschämt viel Grün und Grau. Aus dem Grün, dem fruchtbaren Land hinter dem Deich, ragen ein paar Kirchen und ganz viele Windräder empor. Aus dem Grau, dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, erheben sich ein paar Leuchttürme und ganz viele Besen, so genannte Pricken - sie weisen den Fischern den Weg durch die Priele. Der Leuchtturm steht genau auf der Grenze zwischen Grün und Grau, am Rande des Deichvorlandes. Während die Erwachsenen die Aussicht genießen, dürfen die Kinder am Strang der Nebelglocke ziehen. Immer zwei kurze Schläge hintereinander und dann eine Minute Pause - das war das Zeichen von "Obereversand".