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StartseiteDie neue PlatteTod, Vergänglichkeit und mittelalterliche Melodien22.11.2015

Capella de MinistrersTod, Vergänglichkeit und mittelalterliche Melodien

Die Capella de Ministrers und der Kammerchor L’Almodi interpretieren auf ihrer aktuellen CD "Planctus" mittelalterliche Melodien zum Thema Tod und Vergänglichkeit. Die Klänge sind farbig und kontrastreich, die mittelalterlichen Texte bieten ein faszinierendes Spektrum an Nuancen.

Von Thomas Daun

 Sensenmann ist am Samstagabend (17.07.2010) im Schlossgarten auf dem Mittelalterlichen Phantasie Spectaculum in Bückeburg zu sehen. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Das Programm der CD „Planctus“ folgt in etwa dem Aufbau eines Requiems; zwischen die einzelnen Sätze der Totenmesse werden verschiedene Totenklagen und Trauergesänge eingeschoben. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)

"Der Tag des Zornes wird die Welt in Glut und Asche verwandeln. Welch ein Zittern wird sein, wenn der Richter erscheint und sein Urteil verkündet."

Die Musik spielte im spätmittelalterlichen Totenkult des Christentums eine wichtige Rolle: "Planctus - Tod und Apokalypse im Mittelalter" - so heißt eine CD, die die spanische "Capella de Ministrers" kürzlich veröffentlicht hat. Zu hören sind gregorianische Gesänge und herzzerreißende Klagen, meditative Melodien über das "memento mori" und makabre Totentänze.

Im späten Mittelalter war der Gedanke an den Tod allgegenwärtig. Als sich mit dem Aufkommen der Bettelorden die Volkspredigt entwickelte, zogen Scharen von Mönchen und Laienpriestern durchs Land. In grellen Worten malten sie den Menschen die Qualen der Hölle aus und ermahnten sie, ihr Leben zu bessern. Parallel dazu ermöglichte der neu erfundene Einblattdruck die Verbreitung von Holzschnitten. Der Tod wurde als grausiges, Furcht einflößendes Gerippe dargestellt; der Schnitt seiner Sense bedeutete für den Menschen unweigerlich den Sturz ins ewige Verderben - es sei denn, er besann sich rechtzeitig auf ein gottgefälliges Leben.

Viele Jahre lang wanderte der legendäre Dominikanermönch Vinzenz Ferrer als Wanderprediger durch Spanien, Frankreich und Italien. Mit glühenden Worten prophezeite er den nahenden Weltuntergang und rief die Menschen auf, Buße zu tun. Selbst Juden und Mauren - so erzählt die Chronik stolz - ließen sich bekehren und konvertierten zum Christentum.

"Seine Reden waren glühend und zugleich so anmutig, dass Menschen jeden Alters sie verstanden und Reue taten. Wenn der Meister mit Musik und Gesang die tägliche Messe feierte, flossen Ströme von Tränen."

Seine letzten Jahre verbrachte der spanische Geistliche Vinzenz Ferrer in der Bretagne. Ein mittelalterliches Fresko in der Dorfkirche der Gemeinde Kernascledén zeigt acht Engelpaare, die jeweils eine Notenrolle in den Händen halten. Darauf sind die Anfangstöne der Sätze einer Messe notiert. Historiker fanden heraus, dass diese Töne identisch sind mit denen der "Missa de Barcelona", einer katalanischen Komposition aus der gleichen Zeit. Man darf vermuten, dass dies die Klänge sind, mit denen Vinzenz Ferrer seine Hörer zu Tränen und Buße rührte.

Effektvoll und mit feinen Gespür für Dramatik arrangiert die Capella de Ministrers das Kyrie der spätmittelalterlichen Messe: eine einzelne Männerstimme beginnt und wird bald darauf von tiefen Stimmen begleitet, die eine langen Halteton singen. In der zweiten Zeile verstärken einige Männer die Melodie im Unisono; dann wird der Klang durch Quint- und Oktavparallele noch voller. Begleitet von Flöte, Harfe, Fidel und Orgel endet der Ruf nach Erbarmen mit der vollen Klangpracht aus Stimmen und Instrumenten.

Das Programm der CD "Planctus" folgt in etwa dem Aufbau eines Requiems; zwischen die einzelnen Sätze der Totenmesse werden verschiedene Totenklagen und Trauergesänge eingeschoben, komponiert von Troubadouren der okzitanischen und katalanischen Tradition.

Klänge sind farbig und kontrastreich

Nicht nur die Klänge sind farbig und kontrastreich; auch die mittelalterlichen Texte bieten ein faszinierendes Spektrum an Nuancen: Feinsinnige Meditationen über den Sinn des Lebens und die Vergänglichkeit stehen neben düsteren Prophezeiungen und herzergreifenden, erschütternden Klagen.

"Clangam filii" - das Klagelied des Schwans - ist eine Sequenz, die ins 8. Jahrhundert zurückreicht. Der stolze Vogel gerät über dem Meer in einen Sturm. Umgeben von Wind, Wellen und Finsternis schreit er seine Verzweiflung aus sich heraus - eine religiöse Allegorie auf die Ohnmacht des Sünders, der vom Tode bedroht seinen Untergang kommen sieht.

"Ach ich kümmerlicher Vogel, was soll ich tun in meinem Elend? Meine Federn sind schwer von der Nässe, sie können mich nicht mehr in die Lüfte tragen. Die Wellen schlagen auf mich ein, der Sturm wirft mich umher; einsam bin ich in meiner Verlassenheit, gefangen in den tiefen Schluchten der Wellen. Seufzend schlage ich meine Flügel und blicke dem Tod ins Angesicht. Oh Osten, oh Westen! Lasst die hellen Sterne leuchten, dass sie mir einen Fluchtweg zeigen und verjagt die Wolken.."

Die Capella de Ministrers interpretiert die mittelalterlichen Hymnen über Tod und Vergänglichkeit mit Fantasie und künstlerischer Freiheit. In manchen Liedern hört man den Einfluss von Gesangstechniken der mediterranen Musik: reich verzierte Melodien, die mit expressiver Stimme vorgetragen werden. Die Instrumentation ist bunt und abwechslungsreich.

Totentanz aus einer mittelhochdeutschen Handschrift

Das Repertoire stammt hauptsächlich aus spanischen und südfranzösischen Quellen des 14. und frühen 15. Jahrhunderts. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt ein Totentanz aus einer mittelhochdeutschen Handschrift dar: die sich im wilden Tanz drehenden Sünder werden in drastischen Worten aufgefordert, sich zu besinnen und Buße zu tun, bevor es zu spät ist. (Track 14)

"Ihr die ihr lüget und betrüget – kehret lieber um
Denn es kommt die Stund!
Du reicher Mann, der Geiz hat dich umgeben:
Der Tod, er kommt, ihm musst du Rechnung geben.
Du Schmeichler wirst gepeinigt werden
Kehr um – noch kannst Du selig werden!
Falsch im Herz und ganz verlogen,
Oh Welt, wie bist du so betrogen!
Schau um und um, der Tod, er kommt.
Ihm musst Du Rechnung geben"

Nach all den düsteren Bildern, den verzweifelten Klagen und tieftraurigen Melodien endet die CD mit dem erlösenden Gesang "In paradisum" aus einer mittelalterlichen Totenmesse: eine sanfte Verheißung ewigen Glücks.

"Mögen die Engel dich ins Paradies geleiten
Mögen die Märtyrer dich bei der Ankunft begrüßen
Und Dich in die Heilige Stadt Jerusalem führen,
Wo der Chor der Engel für dich singt..."

"Tod und Apokalypse im Mittelalter" - so lautet der Titel der kürzlich erschienenen CD "Planctus". Die Capella de Ministrers und der Kammerchor L'Almodi interpretieren mittelalterliche Melodien zum Thema Tod und Vergänglichkeit. Die Leitung hat Carles Magraner, der auch als Gambist mitwirkt. Die CD erschien im eigenen Label des Ensembles und ist in Deutschland erhältlich über den Vertrieb Note 1.

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