Freitag, 07. Oktober 2022

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"Carmen" im Strandbad Wannsee

Der Filmregisseur Volker Schlöndorff hatte die Regie, bei einem Blockbuster der Operngeschichte: "Carmen" von Georges Bizet. Gezeigt wurde die Oper bei den Berliner Seefestspielen am Wannsee, was Handlung um spanische Stierkämpfe eine pittoreske Kulisse verlieh.

Von Mascha Drost | 17.08.2012

    Es sagt viel aus über eine Aufführung, wenn der spannendste, lebendigste Moment des Abends gar nichts mit ihr zutun hatte. Der entstand, als ein Haufen VIPs sich den Unmut des nicht gesponserten Publikums zuzog. Das hatte sich nach dem Pausenklingeln brav wieder auf seine Plätze begeben, und wartete 5, 10, 20 Minuten auf nieselig-windigen Plätzen, ohne dass sich etwas tat. Der Grund für die Verzögerung: Sponsorengäste, die sich wohl nicht von den Häppchen des eigens für sie gestalteten Empfanges trennen konnten. Mit Pfiffen, Gezische, Buhs und "Wir sind das Volk-Rufen" wurden sie empfangen – und nachdem sie, das gegeelte Haupt gesenkt und so schnell wie es sich auf zehn Zentimeter stöckeln lässt, die Plätze eingenommen hatten, setzte sich eine Carmen fort, die es mit der Leidenschaftlichkeit und Spontaneität dieses Moments leider nicht aufnehmen konnte.

    Man musste schon zu Sitzkissen, Capes oder Decken greifen um sich zu wärmen – wer gehofft hatte, die Glut der Musik, der Leidenschaft, der Sonne Andalusiens würden das schon erledigen, hatte sich bitter getäuscht. Niemand rechnet bei einem solchen Event mit bahnbrechenden Regieeinfällen, sängerischem Weltniveau oder gar klanglichen Finessen – aber ein bisschen Spektakel wird man wohl erwarten dürfen. Das Bühnenbild gab allen Anlass zur Hoffnung – ein gigantischer, schwarzer Fächer umspannte die monströse Seebühne, begehbar, beweglich, ein idealer Hintergrund. Doch davor – gähnende Langeweile. Regisseur Volker Schlöndorff berichtet freimütig im Programm von der anfänglich gewollten eigenen Konzeptlosigkeit, und wie er damit die Sänger irritierte. Ohne vorgefasste Meinung wollte er beginnen, abwarten, was Musik und Szenen Tag für Tag erschließen würden.

    In Zeiten überbordender Regiekonzepte ganz sympathisch – wenn sich im Verlauf der Proben mehr als nur eine hausbackene Personenregie und bemüht auflockernde Einfälle erschlossen hätten. Dazu gehörten ein stotternder Zuniga (haha!), etwas müde Artistik und allerlei Tanzeinlagen. Irgendwo zwischen Aerobic und Standardtänzen angesiedelt dienten sie auch als Camouflage für eine oft statische und für einen Regisseur dieses Namens bedrückend einfallslose Personenregie. Es wurden aufgefahren: Die stereotypen wollüstigen Hüftschwünge und Augenaufschläge, die allerdings jedes Geheimnis, jede Sinnlichkeit vermissen ließen, und das bei einer optischen Bilderbuch-Carmen wie Julia Rutigliano sie verkörperte. Von der großen Liebenden, als die sie dargestellt werden sollte, war nur wenig zu spüren, dafür wurden im 3. und 4. Akt immerhin die Sinne der Zuschauer vernebelt – ständig wabert und wallt es auf der Bühne und man fühlt sich an den etwas holprigen aber wahren Satz erinnert: "Wenn der Regisseur nicht weiter weiß, greift er gern zu Trockeneis."

    Sängerisch erfüllten zumindest die Hauptfigur und ihr weibliches Pendant Micaela die Erwartungen – letzterer, Viktorija Kaminskaite schien die nötige Mikrofonverstärkung am wenigsten auszumachen, die Wärme und runde Klanglichkeit ihrer Stimme, das Innige ihres Gesangs übertrug sich selbst über die Lautsprecher.

    Nicht zu beneiden die Dirigentin des Abends, Judith Kubitz – rechts von der Bühne, in einem eigenen Pavillon weg vom Geschehen untergebracht, ging es ihr in erster Linie darum, den Laden zusammenzuhalten. Von übermäßiger Agogik, Spontaneität und Risikofreude wurden wohlweislich die Finger gelassen - auf Kosten von Atmosphäre und sinnlich-exotischem Reiz der Partitur aber aufgrund der Umstände wahrscheinlich nicht zu vermeiden.

    Es ist das Dilemma dieser zweiten und vielleicht auch letzten Seefestspiele Berlin: Das gebildete Opernpublikum wird man mit einer stellenweise inakzeptablen Sängerbesetzung und den soundtechnischen Abstrichen nicht dreieinhalb Stunden auf eine zugig-kühle Seebühne locken; während die Neugierigen vielleicht dem Irrtum erliegen, Oper wäre einfach so – bunte Kostüme, aber im Großen und Ganzen langweilig. Um den Untergang dieses mauen Spektakels, wie er sich schon ankündigt, wäre es also nicht übermäßig schade.