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Startseite@mediasresAls erste Frau in der Männerdomäne02.08.2017

Carmen ThomasAls erste Frau in der Männerdomäne

"Schalke 05" – Der Versprecher von Carmen Thomas gehört zu den wohl bekanntesten der deutschen Fernsehgeschichte, auch weil die "Bild"-Zeitung damals eine Kampagne gegen die Moderatorin fuhr. Im Rückblick sagt sie, dass ihre Glaubwürdigkeit in dieser Zeit deutlich gestiegen sei.

Von Henning Hübert

Carmen Thomas sitzt lesend an einem Schreibtisch (picture-alliance / dpa / Horst Ossinger)
Carmen Thomas mit 26, aufgenommen im Januar 1973 beim WDR in Köln. Als erste Frau hat sie am 3. Februar 1973 das bislang von Männern dominierte ZDF-Sportstudio moderiert. (picture-alliance / dpa / Horst Ossinger)

"Hier meldet sich der Ü-Wagen, hier meldet sich Carmen Thomas."

Carmen Thomas spricht zuerst nicht von den vielen Büchern, die sie geschrieben hat und auch nicht vom Moderieren des Aktuellen Sportstudios im ZDF - sondern von ihrer Karriere im Radio:

"Also meine Hörfunktätigkeit hat ja 1968 als Moderatorin des Morgenmagazins begonnen, die einzige Sendung, wo Frauen damals geduldet waren, das war schon eine dolle Geschichte. Und ich hab immer Hörfunk gemacht, weil ich ihn immer lieber mochte. Da sind andere Menschen als beim Fernsehen. Und dieses Kino im Kopf machen, während Fernsehen ja nur Kino im Kasten ist, ist Radio nachweislich nachhaltiger. Und da war 'Hallo-Ü-Wagen' natürlich eine große Chance: 20 Jahre jede Woche drei Stunden mit Themen, die das Publikum selbst vorgeschlagen hat an dem Ort, wo das Thema war, nicht auf öffentlichen Plätzen – das umzusetzen und dabei super viel zu lernen vom Publikum das war eine Chance."

"Keine-r ist so klug wie alle"

Carmen Thomas hat aber noch mehr Erkenntnisse gewonnen aus den Begegnungen am Ü-Wagen mit ihren vielen Gesprächspartnern. Erkenntnisse, die sie heute in ihrer Moderationsakademie für Medien und Wirtschaft weitergibt.

"Ich habe sieben Optimieransätze gelernt: Zulassen statt zumachen. Addieren statt konkurrieren. Verwerten statt bewerten. Umnutzen statt runterputzen. 'Interessiert mich' statt sagen 'Das kenn ich schon'. 'Ah, ein Fehler' statt 'Oh, ein Fehler'. Grundsätzlich fehlerfreundlich zu werden, weil ich hab super viel aus den Fehlern gelernt. Und kapieren durch kopieren: Was die Leute einem so signalisieren, das auch zu verstehen, warum sie das tun. Also mehr vom Publikum lernen. Ich dachte erst, ich komm dahin und bin ganz nett zu denen, dass die jetzt auch mal was im Radio sagen. Die waren nett zu mir, dass sie da hingekommen sind. Sich in Schnee und Regen drei Stunden hingestellt haben. Es gab nichts zu sitzen, nichts zu trinken, nichts zu essen, gar nichts. Außer Information. Also das war schon eine dolle Geschichte."

Wenn Carmen Thomas schon "Ah, ein Fehler" sagt, dann kann man sie ja auch fragen nach ihrem berühmtesten Fehler, passiert im Aktuellen Sportstudio des ZDF 1973:

"Einige Vereine haben einen Vorsprung,  fünf Vereine. Und jetzt kommen wir genau auf das zu sprechen, was Siegfried Andrich vorhin in den Nachrichten angesprochen hat, nämlich auf das Spiel Schalke 05 gegen ähm jetzt hab ich’s vergessen – Standard Lüttich. Standard Lüttich."

"Ja, realisiert hab ich das, indem mir die Regie sagte, du hast grad Schalke 05 gesagt, und dann hab ich das auch direkt korrigiert. Und dass das so eine Geschichte ist, dass Sie das heute nach immerhin 42 Jahren - was sag ich 42? 44 Jahre! - noch wissen, hat damit was zu tun, dass die BILD-Zeitung das auf Seite 1 gebracht hat. Erst 18 Tage später. Das gehörte zu einer Kampagne, die eigentlich politischen Ursprungs war. Weil der SPD-nahe Sport-Oberchef Hajo Friedrichs, der sollte eigentlich verhindert werden. Und nachher ist das ja auch gelungen. Der ist ja dann Anchorman geworden, hat diese bedeutende Position mit dem meisten Geld und den meisten Mitarbeitern verlassen und ich war der Sack und der Esel war gemeint."

Carmen Thomas coacht bis heute Führungskräfte aus der Wirtschaft, liefert Tipps in Sachen professioneller Kommunikation – wahrscheinlich gerade wegen dieses Patzers in der Life-Sendung mit "Schalke 05":

"Anderthalb Jahre hab ich ja noch weiter gemacht. Da hab ich gemerkt, dass das gedruckte Wort eine ganz andere Nachhaltigkeit hat als das gesendete. Und deswegen hab ich so viele Bücher geschrieben. Ich hab ja 15 Bücher geschrieben. Weil ich gemerkt habe: Print bleibt. Senden bleibt nicht. Und ich bin natürlich super glaubwürdig im Coaching geworden. Die Leute sagten immer: Wenn die sich so versprochen hat, und dass die da so eine Kampagne mit der BILD-Zeitung überstanden hat - das hat mir sehr geholfen. Beim Publikum - bei der können wir uns auch trauen. Vor allen Dingen auch bei Top-Leuten, die gesagt haben: Jemand, der das heil und mit Gewinn überstanden hat – das wollen wir auch können."

Hallo sagen, auch ohne Ü-Wagen

Carmen Thomas lässt sich auch weiter von ganz normalen Menschen anregen. Ihre 1976 gegründete Kölner Hausfrauengruppe gilt als erste Selbsthilfegruppe der Bundesrepublik. Sie gibt es bis heute, ist für die Mitglieder teils zum Familienersatz geworden.

"Ich arbeite mit Lust und das ist so sinnhaft, was ich tu. Ich hab das Gefühl, ich bewege noch viel."

Sie überschlägt, dass sie heute, mit 71, mehr arbeitet als früher, etwa als fest angestellte WDR-Redakteurin. So hat sie ein Youtube-Video erstellt, das in einfacher Sprache Flüchtlingen das Grundgesetz näher bringen soll. Oder veranstaltet Treffen, die sie "Impulsforen" oder "Themen-Ateliers" nennt.

"Ich träume davon, dass die Leute sich treffen, weil das mit der Digitalisierung ja immer mehr wird. Dass sie IT-Ateliers machen, wo sie sich einmal im Monat oder in der Woche eine Stunde treffen und ihr Wissen austauschen. Wissens-Sharing. Und da würde in der Nachbarschaft so ein Zusammenhalt mehr entstehen. Aber eben auch, dass Leute nicht zurück gelassen werden bei dem neuen Wissen, was man sich da aneignen muss. Und das ist ja hoch herausfordernd."

Carmen Thomas sorgt also weiter für Begegnungen. Damit sich Menschen weiter "Hallo" sagen, auch ohne Ü-Wagen.

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