Dienstag, 09. August 2022

Archiv


CCS ohne großtechnischen Aufwand

Energietechnik. - "Carbon Capture and Storage" oder kurz CCS heißt die umstrittene Technologie, mit der die Energiewirtschaft hofft, klimaschädliche Kohle noch weiter nutzen zu können. Das Prinzip: CO2 wird aus den Abgasen der Meiler abgeschieden und in geeigneten Endlagern deponiert. Auf einer Konferenz in London stellten Experten mögliche Realisierungen vor.

Von Volker Mrasek | 12.05.2010

    Shenhua liegt rund 500 Kilometer westlich von Peking in der Inneren Mongolei. Es ist eines der größten Kohlereviere in China. Der fossile Rohstoff wird hier nicht nur gefördert, um Kraftwerke damit zu befeuern. In Shenhua läuft seit Kurzem auch die weltgrößte Anlage zu seiner direkten Verflüssigung. Dabei wird Kohle fein gemahlen und bei hohem Druck und großer Hitze mit Wasserstoff behandelt. Die Anlage in Shenhua produziert auf diese Weise hauptsächlich Dieselkraftstoff - rund 1,5 Milliarden Liter pro Jahr.

    "Die Anlage ist schon vor zehn Jahren geplant worden. China hat kein Erdöl, aber große Kohlevorkommen. Da schien es sinnvoll, Kohle zu verflüssigen und daraus Kraftstoff zu erzeugen, wie es Deutschland schon während des Zweiten Weltkriegs getan hat."

    Qingyun Sun ist gebürtiger Chinese und Chemieingenieur. Heute lehrt er an der Universität von West Virginia in Morgantown. Dort gibt es ein gemeinsames Energieforschungszentrum der USA und Chinas. Laut Sun hat Peking beschlossen, Shenhua zu einer Modellregion für den Klimaschutz zu machen:

    "Es sind drei Projektphasen geplant. In der ersten wollen wir zunächst einmal 100.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr aus dem Abgas der Anlage abscheiden, in der zweiten dann schon drei Millionen. Bis 2020 wollen wir schließlich das CO2 von allen sieben Kohleverflüssigungsanlagen sammeln, die es in der Region dann geben wird. Das werden 50 bis 60 Millionen Tonnen sein."

    60 Millionen Tonnen Kohlendioxid - das entspricht ungefähr einem Sechstel der Menge, die deutsche Energieversorger Jahr für Jahr freisetzen. Damit, sagt Sun, sei Shenhua das weltgrößte Projekt für die Abscheidung und Speicherung von CO2, kurz: CCS.

    Möchte man Kohlekraftwerke so gut wie CO2-frei kriegen, muss man CCS-Großanlagen danebenstellen. Bisher gibt es aber nur Pilotprojekte, und richtig zum Einsatz kommen werden solche Industrieanlagen frühestens 2025 oder 2030. Die chinesischen Kohleraffinerien dagegen benötigen keine CCS-Großanlagen, wie Chemieingenieur Sun erläutert, und sollen daher schneller auf Entzug sein:

    "In einem Kohlekraftwerk muss man das CO2 im Abgas erst einmal konzentrieren. Denn man möchte ja möglichst viel davon abscheiden. Das ist ein sehr aufwendiger Prozess. Bei unserem Projekt können wir auf diesen Schritt völlig verzichten. Denn das Abgas der Kohleverflüssigung besteht aus prozesstechnischen Gründen sowieso schon zu 87 Prozent aus CO2. Durch geringe Veränderungen im Prozessablauf schaffen wir es, sogar auf 95 Prozent zu kommen."

    Wie Sun sagt, kann das Kohlendioxid direkt vor Ort verpresst werden. In 2000 Metern Tiefe gebe es eine geeignete Deponie in porösen Gesteinsschichten. Wobei allerdings noch zu demonstrieren wäre, dass diese Form der Endlagerung auch langfristig funktioniert.

    An CCS in den westlichen Industrieländern scheiden sich die Geister. Es komme zu spät und sei zu teuer, wenden Kritiker ein. Außerdem blockierten Kohlekraftwerke mit ihren Laufzeiten von 30 bis 40 Jahren den Ausbau erneuerbarer Energieträger.

    In China aber verhält sich die Sache anders. Der Energiehunger der aufstrebenden Weltmacht sei derart groß, sagen Beobachter, dass das Land weiter auf alle verfügbaren Ressourcen zurückgreifen werde - auch und gerade auf Kohle.

    Jeff Chapman, Ingenieur und Geschäftsführer des CCS-Industrieverbands mit Sitz in London:

    "CCS wird eine sehr wichtige Rolle in China spielen. Als öl- und gasarmes Land muss es weiter darauf setzen, Kohle zu verflüssigen und daraus Kraftstoffe und Chemikalien herzustellen, die es braucht. Mit CCS wird das auch in Zukunft möglich sein."

    Auch Qingyun Sun hofft, Kritiker überzeugen zu können. Shenhua, sagt er, werde ein Türöffner für CCS in den Schwellenländern sein.