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Cechov: Platonov

Ein Beitrag von Cornelie Ueding |
    Bei Dimiter Gotscheff sitzen die Zuschauer auf der Bühne und werden ächzend und rumpelnd von Spielort zu Spielort gedreht. Zunächst öffnet sich, wenn der Vorhang aufgeht, der Blick in den (fast) leeren Zuschauerraum. Mitten drin die Gastgeberin, die Generalswitwe Anna Petrovna, ein bisschen blasiert und ein bisschen mehr noch gelangweilt von einem öden, so oder so ähnlich schon Hunderte von Malen geführten - ja, genaugenommen weder "Dialog" noch "Wortwechsel" mit dem als Dandy verkleideten zynischen Arzt Nicolai Ivanovic - eher begriffen in einer Art beiläufigem Austausch von Fertigsätzen. Plötzlich tauchen zwischen den Sitzreihen weitere Gäste auf: die ständige Besetzung derartiger Sommerfeste spielt "freudiges Überraschen" streckt wie im Kasperltheater die Köpfe über die Stuhllehnenrampe, und schon beginnt ein munter geplapperter Monologreigen von - sattsam bekannten - Geschichtensplittern, dem keiner auch nur den Anschein eines Gesprächs zu geben bemüht ist: Ein Spiel, was sonst. Ein alle ermüdendes, immer wieder versiegendes, neu ansetzendes, zuweilen von der Gastgeberin harsch abgewürgtes Gesellschaftsspiel affektierter Faulenzer. Sie tun nichts, nicht mal der Aufforderung "Trinken wir" folgt etwas Handlungsähnliches. Kaum dass sie sich bewegen - sie lassen bewegen, nehmen aber nicht mal die virtuosen Renneinlagen rund um alle Sitzreihen des Tablettschwenkenden Kellners wahr. Alle warten in diesem Spiel, das Gotscheff deutlich in die Nähe Becketts rückt. Warten auf Platonov. Diesen immer leicht alkoholisierten, leicht derangierten, ebenso lethargischen wie schwachen Mann; einst ein vielversprechender idealistischer Student, jetzt ein zynischer Dorfschullehrer; ein Mensch, der nicht geworden ist, was zu werden er versprach. Der ganze Mann ein leeres Versprechen - einer, dessen traurige und einzige Form der Selbstbehauptung darin besteht, andere zu enttäuschen. Frauen. Frauen, die ihn mit allen Wünschen ihres unerfüllten Lebens behängen und vor denen er flieht, selbst wenn er vorhat mit einer von ihnen zu fliehen. Gotscheff macht körperlich sinnenfällig, wie eingeschränkt der Fluchtraum ist: er reicht gerade vom Zuschauerraum bis auf die Hinterbühne. Und immer gibt es Beobachter dieser hilflosen Figurenrochaden: die Zuschauer. Die auch - so will es die Theaterkonvention - keine Eigeninitiative entwickeln können, sondern in einer immer unaufhaltsameren Kreiselbewegung von Schauplatz zu Schauplatz gedreht werden: zum Spielort Hinterbühne, zu angehaltenen Gruppenbildern an den Seiten, verzweifelten Affektexplosionen am heruntergelassenen eisernen Vorhang. Sensationshungrig, eventsüchtig und passiv - auch sie. Wir. So ist Cechovs Aktualität keine Behauptung, sondern wird am eigenen Leibe erfahrbar, während die in unendlichen Monologen gefangenen Figuren mal zu Paaren zusammenfallen, mal in Zufallskonstellationen oder allein erstarren und in einem Reigen von eruptiven Bewegungssequenzen wie gelähmt dem Untergang entgegenfeiern. In Dimiter Gotscheffs sehr körperbetonter Spielfassung ist das immer auch sehr komisch. So wenn Platonov bleiben und zuhören muss, weil er den Fuß im Klappstuhl eingeklemmt hat, dieser Klappstuhl aber auch seine guten Seiten hat, hält er doch die wütend-begehrliche Dame auf Distanz. Doch damit ist das Spiel mit der Tücke des Objekts noch lange nicht ausgereizt, eröffnet die hilflose Lage des Umschwärmten doch einer anderen Frau die einmalige Gelegenheit, sich als realitätstüchtige Retterin zu präsentieren. Cechovs wuchernder Erstling würde, ungestrichen gespielt, mindestens 7 Stunden dauern. Gotscheff hat gestrichen, kräftig, dafür Texte aus anderen Cechov-Stücken und Heiner-Müller-Sätze eingefügt und aus Textfluten ein Stationendrama, eine Partitur aus Abbreviaturen gemacht.

    Statt die berühmte melancholischheitere Cechowstimmung zu erzeugen, evoziert er immer wieder Stimmungsreize durch szenische Bilder, an denen der Blick vorbeigleitet. Uns, den Zuschauern vermittelt er das Grundgefühl der Figuren: mit ihnen zusammen eingesperrt in und um sich selbst zu kreisen. So macht er in dieser Aufsehen erregend klugen und sinnlichen Inszenierung aus einer Befindlichkeit ein dramaturgisches Kunstprinzip. Gestorben wird gleich mehrfach. Am Ende ist der Blick wieder zum Zuschauerraum gerichtet und Platonov macht Anstalten, sich zwischen die Stuhlreihen zu stürzen. Traut sich nicht. Wird von der Gästemeute gelyncht - und reckt den Kopf wieder hoch: wie Kai aus der Kiste. Alles Spiel. Alles Theater. Alles nur Theater? Ganz sicher: Theater als perpetuum mobile des unglücklichen Bewusstseins.

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