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StartseiteHintergrundChancen und Risiken der Funkchips29.04.2004

Chancen und Risiken der Funkchips

Nicht nur Handelskonzerne blicken begehrlich auf eine neue Technologie

"Future Store" hat der Metro-Konzern seine Vorstellung davon getauft, wie der Supermarkt der Zukunft aussehen könnte. Das Modellprojekt läuft im niederrheinischen Rheinberg, einer Kleinstadt in der Nähe Duisburgs. Eigentlich ist es ein ganz normaler "Extra"-Supermarkt, den die Metro-Zentrale allerdings mit allerlei technischen Spielereien ausgestattet hat: zum Beispiel Obstwaagen, die zum Produkt passende Rezepte vorlesen. Oder mit Preisschildern, deren Euroanzeige auf dem Display per Funk gesteuert wird.

Von Daniel Blum

Mit Funkchips im "Future Store" einkaufen (wincor-nixdorf)
Mit Funkchips im "Future Store" einkaufen (wincor-nixdorf)
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Vor allem aber probiert der Konzern hier RFID-Chips aus. Radio Frequency Identification – eine neue digitale Technik, die in den nächsten Jahren möglicherweise die Gesellschaft so revolutionär umgestalten wird, wie es im vergangenen Jahrzehnt das Internet getan hat.

RFID Chip mit Antenne (infineon)RFID Chip mit Antenne (infineon)Ein Kunde, der zum Beispiel in der Kühlabteilung einen Frischkäse aus dem Regal nimmt, löst eine elektronische Kettenreaktion aus. Denn an der Frischkäsepackung klebt, etwa briefmarkengroß, ein RFID-Chip. Der enthält eine Kennnummer für diese bestimmte Verpackung. Die aber nicht zu verwechseln ist mit den normalen Strichcodes, die heute schon jedes Produkt auszeichnen: Sie geben nur Auskunft darüber, um welche Art von Ware es sich handelt. Zum Beispiel Frischkäse der Marke sowieso. Der Chip dagegen verpasst jeder einzelnen Käsepackung ihren unverwechselbaren, individuellen Datensatz: quasi eine Personalausweis-Nummer für Gegenstände.
Direkt unter dem Käse, im Boden des Regals, steckt ein Lesegerät. Es funkt die Packungen an und kommuniziert mit ihnen – wie Metro-Mitarbeiterin Silke Michel erklärt:

Jedesmal, wenn ich jetzt ein Produkt aus dem Regal entnehme oder auch, wenn ich es zurückstelle, wird das halt gezählt und registriert. Und wir können das auch hinten auf dem Display, den wir in unserem Büro haben, verfolgen. Jedesmal, wenn wir die Situation haben, dass der Regalbestand sich dem Ende neigt, bekommt der entsprechende verantwortliche Mitarbeiter eine Nachricht auf seinen Pocket-PC, dass das Regal nachzufüllen ist. Dasselbe passiert auch, wenn ich was falsch positioniere. Also, wenn ich hier einen Artikel aus dem Regal entnehme und in das falsche Regal zurückstelle. Dann haben wir hinten in unserem Büro die Nachricht: Es ist ein Produkt falsch verräumt.

Die RFID-Chips auf den Waren werden von den Lesegeräten überwacht, und die wiederum – auch per Funk – vom zentralen Rechnersystem der Metro. Dort laufen alle Fäden zusammen.
RFID ist die Technologie, die derzeit die Datenschützer am meisten fürchten. Sie hat das Potential, eine umfassende gesellschaftliche Kontrolltechnologie zu werden. Zwangsläufig ist diese Entwicklung allerdings nicht. Und wie jede technische Revolution fängt sie im kleinen an.

Derzeit sind es im Future Store in Rheinberg nur drei Produkte, die RFID-Chips tragen: ein Shampoo, eine Rasierklingenmarke und ein Frischkäse. Doch hinter den Kulissen, in der Logistik, hat sich schon weitaus mehr getan. Jede Warenpalette, die das Metro-Zentrallager in Essen Richtung Rheinberg verlässt, trägt einen Chip, und auch jede einzelne Kiste. Fährt ein Lkw ab, passiert er ein Tor mit einem Lesegerät; kommt er in der Filiale an, das zweite.

Wird die Kiste in den Verkaufsbereich gerollt, passiert sie das dritte Mal ein Tor. Der Computer weiß jederzeit, wo sich jede einzelne Verpackung gerade befindet.

Michel: Wir haben hier hinten in unserem Backstore-Bereich einen Plasmabildschirm, wo Sie genau verfolgen können, an welchem Tag – also hier sind die letzten vier Tage aufgeführt – wie viele Kisten und Paletten in unserem Zentrallager in Essen mit RFID-Tags versehen wurden. Und hier in einem zweiten Diagramm können Sie sehen, wie viele Kisten an welchem Tag angekommen sind, hier im Future Store angekommen sind.

Die Einsparmöglichkeiten, die diese Technologie dem Metro-Konzern bietet, sind enorm. Viele der Mitarbeiter, die derzeit noch in den Zentral-, Zwischen- und Filiallagern die Warenströme dirigieren, können demnächst wohl stempeln gehen. Die digitale Technik erledigt ihren Job effizienter. Leer gekaufte Regale? Falsch eingeräumte Paletten? Ware, die aus den Lagern gestohlen wird? Das ist alles bald Vergangenheit.

Metro ist der internationale Pionier dieser Entwicklung. Bereits im November werden seine Zulieferer weltweit ihre Großverpackungen chippen müssen, um mit dem Handelsriesen im Geschäft bleiben zu können. Und der nächste Schritt wird sein, dass auf jedem einzelnen Produkt in jeder Filiale ein Chip kleben wird. In zehn, spätestens fünfzehn Jahren wird es soweit sein, glaubt der Metro-Pressesprecher Albrecht von Truchseß: dann, wenn die Chips- massenhaft produziert- nur noch ein paar Cents das Stück kosten.

Es macht keinen Sinn, einen Joghurtbecher zu verkaufen, der ein Etikett trägt, was teurer als der Joghurtbecher ist. Das gleiche gilt auch für die Technologie. Sie müssen natürlich, wenn Sie jedes einzelne Produkt mit einem Etikett versehen wollen, die unterschiedlichen Materialbeschaffenheiten berücksichtigen. Sie müssen eine 100 % genaue Lesbarkeit haben. Denn Kunden verzeihen Ihnen nicht, wenn es nur 98 % sicher ist, und das ist auch völlig richtig so. Und das sind einfach Themen, die noch geklärt werden müssen.

Die Handelskonzerne blicken mit leuchtenden Augen auf die RFID-Technologie – aber auch die IT-Branche: Hunderttausende Lesegeräte und Milliarden Chips werden eine Datenflut ausspucken, die es gilt, erstmals zu erfassen und zu verarbeiten. Für die Softwareentwickler und Hardwareingenieure bedeutet das eine Herausforderung – und volle Auftragsbücher.

Und für die Verbraucher? Auch die haben nur Vorteile, glaubt man den RFID-Entwicklern. Kunden werden nie mehr vor leer gekauften Regalen stehen. Der Markenpiraterie wird das Handwerk gelegt , denn nur die echten Produkte können mit ihrem Stammbaum im Chip nachweisen, wer sie wo legal produziert hat. RFID dient dem Verbraucherschutz, davon ist der Metro-Pressesprecher überzeugt:

Truchsess: Wenn Sie sich das ganze Thema Lebenssicherheit anschauen, nehmen Sie Beispiele wie BSE oder die Vogelgrippe, da ist es natürlich sehr interessant, dass man über RFID noch genauer, besser nach halten kann: Wann haben sich bestimmte Chargen von Produkten eigentlich wo befunden. an welcher stelle könnte eventuell die Kühlkette unterbrochen worden sein. Oder von welcher Farm könnte etwas ausgegangen sein?

Kunden im Supermarkt könnten sich dort an Terminals per Lesegerät dokumentieren lassen, wo ihr Bio-Fruchtriegel produziert worden ist, welche Zutaten von welchen Zulieferern kamen und ob wirklich nur gentechnikfreie Chargen verwendet wurden. Wenn Händler und Produzenten ihre Ware komplett mit Chips kennzeichnen, würde die Globalisierung ein neues Gesicht erhalten. Die weltweit vernetzten Produktionsketten der Konzerne würden nicht länger anonymisierte Massenware ausspucken, kritische Verbraucher könnten die Biografie ihrer Waren studieren. Solche Informationsnetze bergen allerdings auch eine Gefahr: dass nicht nur die Produkte, sondern auch ihre Besitzer erfasst werden.

Bei hochwertigen Konsumgütern sollen die Chips nicht auf der Verpackung aufgeklebt, sondern im Produkt selber integriert sein. Pullover hätten beispielsweise eingewebte Miniaturchips. Was auch logisch ist: Andernfalls könnte man minderwertige Ware in hochwertig gechippte Verpackungen stecken. Fatal aber wäre es, könnten Gegenstände, die man im Alltag mit sich trägt, nach dem Verkauf noch von Lesegeräten angefunkt werden. Heikel sind vor allem Kleidungsstücke und Schuhe, aber auch Armbanduhren, Brieftaschen, natürlich auch Fahrräder und Autos, Notebooks, Taschencomputer – die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Könnten diese Gegenstände durch ein Netz gut postierter Lesegeräte angefunkt werden, wüsste man, wo sich ihr Besitzer gerade befindet: beim Arzt, im Bordell, bei einer politischen Kundgebung oder nur im Café – beim Treffen mit einer anderen überwachten Person. Außenstehende könnten unbemerkt Bewegungs- und damit auch Persönlichkeitsprofile erstellen.
Auch in der Politik ist man mittlerweile auf dieses Risiko aufmerksam geworden. Der SPD-Abgeordnete Jörg Tauss, Technikexperte seiner Fraktion:

Das wäre natürlich problematisch, wenn ich einen Schuh hätte, der mit Chips ausgestattet ist und dann noch ein Feature mit hochfrequenten Sendern anfunkt. Also dies wäre sicher eine allumfassende Kontrolltechnologie.

Datenschützer fordern deshalb als ersten Schritt, dass der Handel grundsätzlich Chips nicht heimlich anbringt. Das würde auch gegen geltendes Recht verstoßen, erklärt der Bundesdatenschutzbeauftragte, Peter Schaar:

Ich meine, dass ohne eine Aufklärung der Betroffenen über die Tatsache, dass dort ein Chip verwendet wird und welche Daten dabei für welche Zwecke dabei erhoben und verarbeitet werden, ein solcher Einsatz gar nicht zulässig ist.

Schaar verlangt, dass im Laden Produkte mit Chips eindeutig gekennzeichnet sein müssen, zum Beispiel durch ein einheitliches Label.

Im Future Store der Metro ist eine solche Transparenz selbstverständlich. Der Konzern ist so stolz auf seine neue Technologie, dass er die gechippten Musterprodukte aufwändig bewirbt – von Heimlichkeit keine Spur. Auch den Vorwurf, einer Kontrolle der Bürger den Weg zu ebnen, weist man von sich:

Truchseß Wir haben außerhalb des Future Stores nirgendwo RFID-Lesegeräte. Und selbst wenn irgendwo welche wären, dann darf die Entfernung nicht mehr als ein Meter betragen, um überhaupt den Chip lesen zu können. Sie können also einen passiven RFID-Chip, wie er hier eingesetzt wird, also nicht von einem Satelliten aus zum Beispiel auslesen. Das geht nicht.

Ein allumfassendes Kontrollnetz würde aber technisch anders funktionieren. Nicht die Chips würden von Satelliten aus angefunkt werden, sondern ihre Lesegeräte. Und dazu wäre es noch nicht einmal notwendig, deutschlandweit alle paar Meter ein Gerät versteckt anzubringen. Es würde völlig genügen, sie an strategisch sinnvollen Orten zu postieren: an Ampeln, an Autobahnauf- und –abfahrten. In den Eingängen öffentlicher Gebäude, an U-Bahn-Treppen. An den Rolltreppen der Warenhäuser, in der Nähe der Kassen.

Selbstverständlich gibt es niemanden im Metro-Konzern, der plant, Deutschlands Verkehrswege mit firmeneigenen Lesegeräten zu überwachen. Aber was wird in ein paar Jahren sein, wenn jedes Privatunternehmen sein eigenes Lesegerätnetz hat: die Flughäfen, die Verkehrsverbünde, die Warenhäuser? Wenn jedes clevere Unternehmen aus Marketinggründen versucht, die individuellen Vorlieben seiner Kunden spitzzukriegen: wie ihre Laufwege in den Einkaufsflächen sind, an welchem Verkaufsstand, an welcher Werbung sie stehen bleiben, welche Tickets oder Produkte sie kaufen und nach welchem Muster das abläuft. Mit solchen Informationen kann ein Unternehmen die Gestaltung seiner Verkaufsräume optimieren. Oder auch Sonderangebote auf Werbedisplays individuell zuschneidern _ zum Beispiel so: "Guten Tag, Sie haben letzte Woche Hörbücher von Henning Mankell in die Hand genommen, aber wieder zurückgelegt. Jetzt stehen Sie wieder vor dem Regal – wie wäre es mit zehn Prozent Rabatt?"

Die Firmen werden als nächstes versucht sein, ihre eigenen Netze mit denen ausgesuchter Partnerunternehmen zusammenzuschließen, zu beidseitigem Nutzen. Warenhäuser erfahren von Fluggesellschaften die Urlaubsziele ihrer Kunden, und die erhalten im Gegenzug alles Wissenswerte über deren Shoppingprofil. Derzeit könnte eine solche Informationsflut von den Unternehmen noch gar nicht bewältigt werden. Aber die Leistungsfähigkeit der Computersysteme wächst von Jahr zu Jahr sprunghaft an.

Der Einsatz von RFID-Chips im Handel birgt, ob beabsichtigt oder nicht, das Potential zur Überwachung der Bürger. Deshalb verlangen die Datenschützer parteiübergreifend, dass die Chips bei Verlassen der Läden deaktiviert werden. Der CSU-Politiker Hartmut Koschyk, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion:

Da müsste gewährleistet sein, dass wenn ein Produkt ein Geschäft verlässt, dass dann also ein weiterwirken der Technologie nicht mehr ermöglicht wird.

Sprecher:
Der Metro-Konzern ist den Datenschützern bereits entgegengekommen.

Im Future Store in Rheinberg demonstriert Metro-Mitarbeiterin Silke Michel, wie der "De-Activator" funktioniert: ein Apparat am Ausgang des Ladens, den Kunden benutzen können, um die Chips in den gekauften Waren außer Funktion zu setzen.

Dazu lege ich einfach das Produkt oder auch einfach die gesamte Einkaufstüte auf dieses Feld. Wenn ich jetzt hier auf "Deaktivieren" drücke, werden alle Nummern hier mit Nullen überschrieben. Das heißt, das Produkt kann jetzt nicht mehr identifiziert werden.

Um die Chips abzuschalten, muss der Kunde allerdings extra zu diesem Schalter gehen und sich gegebenenfalls dort auch anstellen. Die Deaktivierung wird so zur Ausnahme, nicht zur Regel.

Dass Metro das Gerät nicht so postiert, dass die Datensätze der Chips automatisch gelöscht werden, begründet den Verdacht, dass sich der Handelsriese die Hintertür offen halten will, die Technologie in Zukunft auch außerhalb der Läden zu nutzen. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar verlangt von den Einzelhändlern, RFID-Chips hinter den Kassen unaufgefordert unbrauchbar zu machen:

Wichtig ist, dass die Chips eben deaktiviert werden. Das ist der entscheidende Punkt. Technisch ist das ohne weiteres möglich, und meine Aufforderung wäre dann an den Handel, das dann generell einzusetzen. Und zwar als vertrauensbildende Maßnahme.

Solange die Verbraucher selber den Chip außer Kraft setzen müssen, ist es möglich, dass die Händler ihre Kunden dazu drängen, auf dieses Recht zu verzichten, beispielsweise dadurch, dass man das Anstehen am Deaktivierungsautomat zeitraubend und damit lästig gestaltet . Oder dadurch, dass Produkte, deren Chipcode gelöscht wird, von Rabattaktionen ausgeschlossen werden oder von zusätzlichen Umtauschrechten. Deshalb verlangt der SPD-Abgeordnete Jörg Tauss:

Die Regel wäre meines Erachtens, dass nach einer Kasse automatisch abgeschaltet wird. Und nur wer will, muss eine Funktion aktivieren, also im Grunde genommen muss es genau andersrum gehen. Es muss automatisch abgeschaltet werden. Und nur wenn der Kunde das nicht will, dann sollte er von sich aus reagieren.

Mit einem anderen Vorstoß ist Metro, der RFID-Pionier, bereits auf die Nase gefallen. Im Future Store hatte der Konzern auch seine Kundenkarten mit Funkchips bestückt. Stellt man sich das Szenario vor, Transportunternehmen, Verkehrsbetriebe und Einzelhändler würden zukünftig branchenübergreifend ihre Daten zusammenschließen, Verhaltensprofile ihrer Kunden zusammenführen und verknüpfen, so würde das auch ohne Kundenkarten funktionieren.

Zur dauerhaften Identifizierung würde es genügen, wenn der Bürger nur ein einziges Mal bei einer Transaktion seinen Namen angibt, zum Beispiel bei der Reservierung eines Leihwagens. Kundenkarten würden es allerdings noch komfortabler machen, die gekauften Waren und ihre Besitzer, deren Interessen und Vorlieben, dauerhaft in Datenbanken zu sortieren. Eine Möglichkeit, die der Bundesdatenschutzbeauftragte unbedingt verhindern möchte:

Beispielsweise hätte ich große Bedenken dagegen, dass jetzt in Ausweise oder Kundenkarten solche Chips eingebaut werden, die dann möglicherweise sogar unbemerkt vom Betroffenen ausgelesen oder verändert werden können.

Öffentliche Proteste, insbesondere durch parteiunabhängige Datenschutzorganisationen, haben einen ersten Erfolg gezeitigt. Metro hat im Streit um seine Kundenkarten vorerst eingelenkt. Pressesprecher Albrecht von Truchseß:

Wir werden diesen Test beenden. Das heißt, wir werden den Kunden, die schon eine Future Card haben mit einem RFID-Chip, neue Karten zuschicken ohne diesen Chip. Weil wir der Auffassung sind, dass sich dieses Thema bisher einfach noch nicht bewährt hat. Wir möchten, dass diese Diskussion versachlicht wird, weil unseres Erachtens der Bereich RFID auf Kundenkarten momentan zu emotionsbeladen ist.


Für den SPD-Politiker Jörg Tauss zeigt dieser Vorfall, dass es auch nicht im Interesse des Handels sein kann, den Verbraucher mit dem Einsatz von RFID-Chips nach eigenem Ermessen zu konfrontieren:

Wenn man eben den Verbraucher nicht richtig informiert, wenn man ihn nicht aufklärt, wenn man plötzlich beginnt, hier eine neue Technik einzusetzen, ohne dem Kunden zu sagen, was man wirklich beabsichtigt und einen unkontrollierten Einsatz befürchten lässt, dann hat man genau das Problem. und aus diesem Problem würde ich mir wünschen, dass hier Datenschutz und Wirtschaft zusammenarbeiten. Das halte ich für das Wichtigste.

Fraglich ist allerdings, ob hier der Staat mit gutem Beispiel vorangeht. Die neue RFID-Technologie bietet auch den Sicherheitsbehörden verführerische Möglichkeiten.. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hartmut Koschyk, weist darauf hin, ...

... dass solche Chips natürlich auch in der Verbrechensbekämpfung sehr hilfreich sein könnten. Das kann nur unter entsprechenden auflagen erfolgen, die dann die zuständigen Sicherheitsbehörden erfüllen müssen. aber wir sollten die Anwendungsmöglichkeit dieser Chips für die Verbrechensbekämpfung im Hinblick für mehr Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger nicht von vornherein ausschließen.

Die Bedrohung durch internationale Terrorgruppen hat in den vergangenen Jahren bereits dazu geführt, dass Bürgerrechte beschnitten wurden, dass es Polizei und Geheimdiensten beispielsweise leichter gemacht wurde, sich in die Telekomleitungen zu schalten und Daten zu filtern, Telefonate zu belauschen und die elektronische Post zu lesen. Kommt es wirklich dazu, dass alle Waren, alle Gegenstände mit Chips markiert werden, dass Lesegeräte von Unternehmen branchenübergreifend nach den ausgegebenen Chips suchen, dass private Rechnersysteme diese Daten dann zu Verbraucherprofilen zusammenführen: dann wäre das für die Sicherheitsbehörden eine ungeheure Verlockung, sich in die Netze einzuklinken. Und dann hätten die Einzelhändler auch wichtige Fürsprecher gefunden, wenn es darum geht, die Chips auch außerhalb der Läden aktiviert zu halten.

Bundesinnenminister Otto Schily hat kürzlich erklärt, bald nur noch Reisepässe mit RFID-Chip ausgeben zu wollen. Die europäischen Banken planen, größere Euro-Scheine zu chippen. Wenn der Staat bereits selber Gegenstände mit Chip in den Verkehr bringt – wie kann man dann von der Privatwirtschaft erwarten, dass sie darauf verzichtet?

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