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StartseiteHintergrundChancengleichheit in der Bildung02.02.2005

Chancengleichheit in der Bildung

Ein frommer Wunsch

<em>Ich bin erst mal alleinerziehend aufgewachsen, das heißt Eltern bedeutet für mich Mutter.</em>

Von Antje Allroggen

Schüler erhalten am   6. Dezember 2004 in einer 9. Klasse des Schulzentrums Bremen-Findorff einen Geschichtstest zurück (AP)
Schüler erhalten am 6. Dezember 2004 in einer 9. Klasse des Schulzentrums Bremen-Findorff einen Geschichtstest zurück (AP)
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Meine Schwester studiert auch, und wir zwei sind ne Riesenausnahme, daher gesehen, dass wir beide mit Sozialhilfe aufgewachsen sind und es aber irgendwie geschafft haben, uns nicht davon einschränken zu lassen. Ich glaub ohne die Unterstützung unserer Mutter hätten wir es auf keinen Fall geschafft.

Lothar Gend studiert im 13. Semester Biologie und Chemie an der Bonner Universität.
Aufgewachsen ist er in einem 300-Seelen-Dorf im Westerwald. Mit seinem Studium hat er sich in die angesehene Schicht der Akademiker hochgearbeitet.

Damit gehört Lothar Gend zu einer verschwindend kleinen Gruppe, der ein sozialer Aufstieg aus den sogenannten bildungsfernen Schichten gelungen ist.

Sozialhilfeempfänger, die mit mir auf der Schule waren, auf dem Gymnasium, die kann ich an einer Hand abzählen. Also ich kenn natürlich ein paar. Aber das sind nicht viele gewesen. Und das in einer Schule, da waren über 600 Leute. Noch einen kenn ich, der auch studiert, und meine Schwester. Das sind dann drei. Das ist schon sehr, sehr wenig, weil es gibt ja mehr Sozialhilfeempfänger in Deutschland.

Der Fall von Lothar Gend ist also eine Ausnahme: Wer in Deutschland Abitur macht, hat in der Regel Akademiker als Eltern. Zu diesem Ergebnis kommt auch die aktuelle PISA-Studie. Nur ein Drittel der Kinder aus den so genannten bildungsfernen Schichten schafft den Weg auf das Gymnasium; sogar nur jedes fünfte Arbeiterkind wechselt danach an eine Hochschule. Alarmierende Zahlen, die auf einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Herkunft verweisen.

Dabei investiert Deutschland viel mehr in die Ausbildung als noch vor sechs Jahren: Seit 1998 verdoppelte sich die Förderung auf mehr als zwei Milliarden Euro. Die Chancen für Kinder aus den bildungsfernen Schichten haben sich dadurch allerdings kaum verbessert. Nach wie vor scheint das deutsche Schulsystem diejenigen zu bevorteilen, die von Hause aus ohnehin die besseren Chancen haben. Sie können den Unterrichtsstoff nachholen, und wenn die Eltern dazu keine Zeit haben, wird eben ein Nachhilfelehrer bezahlt. Die anderen müssten sich ohne fremde Hilfe irgendwie durchlavieren, erzählt Lothar Gend.

Meine Mutter hat mich unterstützt. Sie konnte mich natürlich fachlich nicht unterstützen, lesen und schreiben hat meine Mutter mir noch beigebracht sozusagen, aber darüber hinaus musste ich alles selber machen.

Der Bildungsforscher Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt, fand in seinen Untersuchungen noch mehr heraus: Die meisten Lehrer beurteilen die schulische Leistung von Akademiker-Kindern von vornherein anders.

Ich sag es am Beispiel meines eigenen Sohnes. Das Beispiel kann man so nicht erfinden: Antigone in der Schule. Er hat es nicht gelesen, kam leider dran. Was hat er gemacht? Er hat dann das, was er zuhause mitgekriegt hat an griechischer Mythologie und Geschichte ausgebreitet, und die Lehrerin – und das ist das Erstaunliche – die ist nicht auf die Idee gekommen, dass er es nicht gelesen hat, sondern die hat ihn in den höchsten Tönen gelobt. Und genau das sind Elemente, die diese Kinder begünstigen in ihrer gesamten schulischen Laufbahn. Sie bringen andere Qualitäten mit, eine Selbstverständlichkeit im Auftreten, was gerade in Bezug auf Karrierepositionen sehr wichtig ist.

Es sind also nicht die schulischen Leistungen allein, die über den späteren Ausbildungsweg entscheiden. Wenn es um Noten oder Versetzungen geht, scheint die familiäre Situation eine weitaus größere Rolle zu spielen, als man gemeinhin annimmt. Dieser Tatsache ist man sich spätestens seit der ersten Pisa-Studie vor drei Jahren bewusst. Doch seitdem ist wenig geschehen.

Dabei hatte man sich schon vor Jahrzehnten Chancengleichheit in der Bildung auf die Fahnen geschrieben. Bildung sei Bürgerrecht, schrieb der Politologe Ralf Dahrendorf Mitte der 60er Jahre in einem kämpferischen Pamphlet. Er forderte in intellektueller Sprache, dass der Mensch nicht länger ist, was er geboren war, sondern wird, was er kann.

Immerhin: die Politiker erzielten mit der Bildungsreform vereinzelte Erfolge. Doch seit den 80er Jahren ist die Chancengerechtigkeit an Schulen und Hochschulen von der Politik regelrecht vergessen worden, meint Paul Nolte, Bildungsforscher an der International University in Bremen.

Wir haben uns zu sehr darauf ausgeruht, die Erfolge auf dem Stand der 60er, 70er Jahre geschehen zu lassen und haben übersehen, dass inzwischen neue Probleme entstanden sind. Auch Probleme mit Veränderungen der Gesellschaft, die wir zu lange übersehen haben.

Zu diesem Ergebnis kam auch die zweite PISA-Studie: In keinem anderen Land gibt es eine vergleichbare Beziehung zwischen sozialer Herkunft und Bildungsniveau. Norbert Müller, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordhrein-Westfalen:

Das ist das Bedrückendste und einzigartig in der Welt der entwickelten Industriestaaten jedenfalls: die hohe Selektivität unseres Bildungssystems. Das ist bedrückend deshalb, weil wir, ausgehend von der Schulreformbewegung der 60er, 70er Jahre, damals angenommen haben, ich gehöre auch zu denen, die sich damals in die Profession des Lehrers begeben haben, in 30 Jahren ist alles anders.

Ist es aber nicht. Der Historiker Paul Nolte spricht in seinem Buch "Generation Reform" sogar von einer neuen Ungleichheit. Allen Reformen früherer Zeiten zum Trotz hätten sich die Proportionen von "Oben" und "Unten" als, so wörtlich, "erstaunlich stabil" erwiesen. War es früher das Geld, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht nach außen hin verdeutlichte, ist es heute die Bildung, meint Paul Nolte.

Wir stellen auf einmal, viel zu spät, fest, was einzelne Lehrer an Hauptschulen immer schon wussten, was aber nicht in das gesellschaftliche Bewusstsein gedrungen ist, dass wir eine hohe wachsende Quote haben von Schülern, die die Schule besuchen und die keinen Schulabschluss machen, die ohne Schulabschluss abgehen. Auf diese Weise entstehen neue Ungleichheiten oder werden neue Ungleichheiten in der Gesellschaft auch reproduziert, weil diese Jugendlichen ohne Schulabschluss auch aus gesellschaftlichen Schichten, aus Milieus, kommen, in denen die Voraussetzungen, sich überhaupt an Bildung zu beteiligen, in der Schule sich den Hosenboden platt zu sitzen, drastisch gesagt nicht gegeben sind. Das sind dann auch die Milieus der Schulschwänzer, wo von zuhause keine Unterstützung erfolgt, die, was man heute etwas beschönigend, die bildungsfernen Schichten nennt.

Deutschlands Schulen müssen also leistungsstärker und dabei sozial gerechter werden. Aber wie? Derzeit suchen Fachleute wie Politiker vor allem nach neuen schulischen Modellen.
Eines davon ist die so genannte Einheitsschule. Mit ihr haben die Skandinavier gute Noten bei Pisa erhalten. Die Schüler bleiben dort lange in einem gemeinsamen Klassenverband zusammen. Anders als in unserem Schulsystem, das gute und schlechte Schüler früh voneinander trennt. Die Befürworter der Einheitsschule sehen in ihrem Modell vor allem einen Vorteil: Die Schüler üben sich früh im sozialen Lernen. Die Schwachen profitieren von den Begabten und die Begabten von den Schwachen. Eine Kompetenz, die im dreigliedrigen Schulsystem überhaupt nicht vermittelt werde.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat deshalb ein konkretes Ziel: Sie will das dreigliedrige Schulsystem abschaffen und stattdessen bundesweit ein Modell ähnlich der Gesamtschule einführen. Doch dabei gibt es ein großes Problem: Ausgerechnet bei Eltern und Schülern genießt das Modell Gesamtschule alles andere als einen guten Ruf. Das wissen selbst eingefleischte Gewerkschafter wie Norbert Müller, der früher als Grundschullehrer unterrichtet hat:

Das heißt also die Gesamtschule ist im Prinzip in der Situation, wo vielerorts das Elternwahlverhalten sich dann auf die Gesamtschule richtet, wenn alles andere nicht geht. Das heißt also, wenn aus der Sicht der abgehenden Grundschüler Gymnasium und Realschule nicht in Frage kommen. Was bleibt dann? Dann bleibt allenfalls im gegliederten System die Hauptschule. Und die Hauptschule ist in einem hohen Maße stigmatisiert als Schule der Bildungsverlierer an sich, auch von Eltern aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten, so dass man dann die Gesamtschule wählt.

Die Gesamtschule scheint also nur noch eine einzige Chance zu haben: dann, wenn sie flächendeckend als alleinige Schulform die Haupt- und Realschule sowie das Gymnasium ablöst. Tatsächlich denken die rot-grün-geführten Länder Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen momentan über die Einführung der Einheitsschule nach. Die CDU ist allerdings dagegen. Sie vermutet hinter dem Modell der Einheitsschule den Versuch der Gleichmacherei. Sie fordert stattdessen für das bisherige Schulsystem kleinere Klassen und mehr Lehrer.

Was also tun, wenn das Modell der Gesamtschule in Deutschland nicht mehrheitsfähig ist? Gibt es eine andere Schulform, in der alle Kinder von Anfang an die gleichen Chancen haben?

"Es stand zu alten Zeiten
ein Schloss so hoch und her.
Weit glänzt es über die Lande
Bis an das blaue Meer.
Umringt von duftgen Gärten
Ein blütenreicher Kranz.
Drin standen frische Blumen
Im Regenbogenglanz.


Unterricht in der siebten Klasse der Waldorfschule in Sankt Augustin bei Bonn. Noten und Sitzenbleiben gibt es hier nicht, die Schüler werden nicht voneinander getrennt. Nach der zehnten Klasse besteht die Möglichkeit, von der Schule abzugehen oder aber auch das Waldorfabitur zu machen. Nicht die Leistung steht im Vordergrund, sondern die individuelle Förderung jedes einzelnen, erklärt Frank Bosum, Lehrer an der Sankt Augustiner Waldorfschule.

Chancengleichheit haben wir im Grunde ab der ersten Klasse bzw. bis zur 12. Klasse. Unsere Schulzeit, die Waldorfschulzeit, dauert ja 12 Jahre lang. Und da erhält jeder seine Chance innerhalb dieser 12 Jahre, sich zu entwickeln. Das heißt: Er wird nicht nach einer bestimmten Anzahl von Jahren auf eine andere Schule geschickt, sondern jeder hat eben da die Möglichkeit, weiterhin seinen Weg zu finden. Das birgt die Chance, auch wenn eine erste Schulphase weniger glücklich erscheint, doch eine Entwicklung zu erfahren, an deren Ende eventuell auch ein Abitur steht. Das heißt wir haben Schüler, die durchaus auch als weniger begabt vielleicht zunächst erscheinen können. Wo bestimmte Blockaden eine Entwicklung hemmen. Und manchmal gelingt es diesen Schülern doch, einen Weg zu weisen bzw. da begleitend dabei zu stehen, dass ein höheres Bildungsziel dann doch erreicht wird als zunächst erwartet wurde. Und das ist Chancengleichheit.

Tatsächlich war das Modell der Waldorfschule Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, um Arbeiterkindern bessere Bildungschancen zu bieten. Der soziale Gedanke hat also immer schon eine große Rolle bei dieser Form von Schule gespielt. Frank Bosum:

Die Waldorfschule entstand ja als Arbeitskinderschule bzw. Emil Mold, ein Zigarettenfabrikant der Waldorf-Astoria Zigarette, der beauftragte Rudolf Steiner mit der Bildung einer Schule für die Arbeiterkinder. So dass es im Grunde eine sehr soziale, vom Grundgedanken her, für die einfachste Bevölkerungsschicht gedacht war diese Schule, unabhängig von der sozialen Herkunft eines Kindes nehmen wir hier auch alle Kinder im Grunde auf.

Theoretisch ist das Modell der Waldorfschule mittlerweile eine Schule für alle. In der Praxis sieht es allerdings ganz anders aus. Wer auf diese Schule geht, hat Eltern, die sich mit pädagogischen Konzepten auskennen. Und so sind es vor allem Kinder aus den so genannten besseren Familien, die sich in sozialer Chancengerechtigkeit üben. Die Kinder besuchen eine solche Schule, weil ihre Eltern es so wollen, und genau hier liegt die Schwäche des anthroposophischen Systems.

Warum bist du denn auf der Waldorfschule?"
"Weil meine Eltern das natürlich wollten, weil die nicht wollten, dass wir auf andere Schulen gehen so wie Gesamtschule, Hauptschule oder Grundschule, ne, ich weiß auch nicht ganz genau warum."
"Aber es gefällt Dir?"
"Ja, es ist bestimmt besser wie auf so ner Hauptschule."
"War es dein Wunsch, auf eine Waldorfschule zu gehen, oder waren es deine Eltern?"
"Nee, es waren meine Eltern.


Sprecherin:
In Deutschland scheint es also derzeit kein geeignetes Modell zu geben, das unser dreigliedriges Schulsystem ablösen könnte. Bildungsforscher Paul Nolte ist deshalb der Meinung: Kinder aus Akademikerfamilien werden immer bevorzugt – um welche Schulform es sich auch handeln mag.

"Man muss in der jetzigen Diskussion vor einer Illusion warnen: Nämlich dass es möglich sei, die gesellschaftliche Hierarchie im Bildungssystem, indem man eine nachwachsende Kindergeneration einmal sozusagen durch das Bildungssystem vom Kindergarten bis zum Abitur durchpustet, ganz auf den Kopf zu stellen. Also den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungserfolg, Berufs- und Karriereerfolg ganz aufzulösen. Das halte ich für eine Illusion. Weil Kinder aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt – das mag man schmerzhaft finden oder wie auch immer - , das lässt sich nicht vermeiden, dass die immer einen Vorsprung bekommen, wie zuhause gesprochen, was für Zeitungen, Zeitschriften, Bücher zu Hause auf dem Tisch liegen, ob der Fernseher an- oder ausgeschaltet wird.

Wenn es also gar nicht zu vermeiden ist, dass Akademiker-Kinder bessere Startvoraussetzungen haben – warum machen in anderen Ländern wie Schweden und Finnland mehr Kinder aus den bildungsfernen Schichten Abitur? Paul Nolte zufolge liegt dieser Erfolg nicht am Modell der Einheitsschule. Vielmehr einzig und allein daran, dass in diesen Ländern der Staat oder private Geldgeber sehr früh damit beginnen, in die Bildung zu investieren.

Am Anfang muss es umsonst, muss möglichst breit der Zugang eröffnet werden, keine Hindernisse eingebaut werden, dass auch niemand sagt: Der Kindergarten kostet auch schon 60 oder 80 Euro, kann ich, muss ich mir das leisten. Ich glaub, es gibt einen Konsens darüber, dass wir mehr in Bildung investieren müssen.

Tatsächlich gestaltet sich der Einstieg in die schulische und vorschulische Laufbahn in Deutschland am ungerechtesten: Noch immer können sich längst nicht alle Eltern einen Kindergartenplatz leisten. Außerdem gibt es von diesen Plätzen – zumindest in Westdeutschland – viel zu wenige, so das Ergebnis der jüngsten OECD-Studie. Darüber hinaus lässt die Betreuung vielerorts zu wünschen übrig: Statt ziellos herum zu basteln, müssten Kinder schon ab drei Jahren anspruchsvoll gefördert werden. Das zeigen mehrere aktuelle Studien zu diesem Thema.

Zu wenig Kinder aus den bildungsfernen Schichten besuchen einen Kindergarten. Vielen Eltern fehlt das Geld für die Kinderbetreuung. Eine verpasste Chance! Könnten doch die Erzieherinnen im Kindergarten Fehlentwicklungen frühzeitig entgegenwirken! Das heißt: Hier könnte schon in jungen Jahren nachgeholt werden, was zuhause versäumt wird.

...paddeln wir auf See... guten Tag, auf Wiedersehn...

In Monheim am Rhein gibt es seit zwei Jahren ein erfolgreiches Modellprojekt. An ihm arbeiten verschiedene Kinderbetreuungseinrichtungen mit.
Sein Ziel: Kinder aus sozial schwachen Familien sollen möglichst frühzeitig gefördert werden. Der Ausländeranteil in diesem Viertel ist hoch – er liegt bei über 60 Prozent. Deshalb gehört die Integration von Migrantenkindern zu einer der wichtigsten Aufgaben des Projekts.

Das Monheimer Projekt geht dabei präventiv vor:
Die Eltern werden hier früh auf das Bildungs- und Erziehungsangebot aufmerksam gemacht. So müssen die Mitarbeiter nicht darauf warten, ob ausländische Eltern ihr Kind gar nicht oder zu spät in eine Kindertagesstätte bringen.
Annette Berg ist Leiterin des Jugendamtes in Monheim und hat das Projekt mit erarbeitet.

Es hat das Ziel, möglichst frühzeitig bei Kindern und Familien anzusetzen, um möglichst im Anfangsstadium Probleme und Benachteiligungen aufzufangen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Sie müssen sich vorstellen: Es sind keine mittelschichtsorientierten Eltern, die selbständig Hilfe aufsuchen, die selbständig in Familienbildungsstätten gehen, die die Volkshochschule nutzen. Wir wollen hier bildungsunterstützend wirken, und im Sozialraum, wo sie sich auskennen, wo sie sich sicher fühlen, Informationen reingeben, damit sie das Angebot auch besser nutzen können.

Also verstehen sich die Monheimer Kindertagesstätten nicht nur als Aufbewahrungsort für Kinder. Kinder werden hier angemessen gefördert, und die Eltern treffen sich zum Erfahrungsaustausch. Eltern werden so zu Multiplikatoren für eine Gruppe, die Erzieher und Pädagogen bislang nur schwer erreichen konnten.

Das erwirkt, dass die Kinder früher angemeldet werden. Die Kinder sprechen zum Teil mehr deutsch, und es ist ein anderes Lernen auch noch mal in der Schule möglich.

Wenn die Eltern für das Vorhaben erst einmal gewonnen sind, wachsen die Bildungschancen der Kinder also automatisch - so die bisherige Erfahrung in Monheim.

Paul Nolte geht noch einen Schritt weiter: Nicht nur die Eltern müssten zukünftig mehr Verantwortung für die schulische Ausbildung ihrer Kinder übernehmen, sondern - das müsse auch jeder einzelne.

Auch die einzelnen Bürger müssen lernen, dass wir mehr in Bildung investieren müssen, auch vom eigenen Portemonnaie, dem eigenen Girokonto, aber auch als Gesellschaft müssen wir da mehr tun.

So sieht es auch Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmonie.
Um Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien eine Chance zu geben mit klassischer Musik in Berührung zu kommen, hat er das "Education Project" gegründet.
Mehr als 250 Kinder aus mehreren Nationen haben an diesem Vorhaben teil genommen. Sie studierten eine Tanzaufführung ein, zu Igor Stravinskys "Le Sacre du Printemps".
Den Kindern – meistens Hauptschüler – fehlte anfangs jegliche Tanz-Erfahrung.

Ganz schön schwierig, so was zu tanzen, find ich.

In den Probewochen durchlaufen die Jugendlichen eine harte Zeit: Von ihnen wird Disziplin, Konzentration und Ausdauer verlangt.

Quite, please.
Not giggling, not laughing, not speaking and also no sound with the feet.

Der Tanzlehrer unterrichtet die Gruppen mit eiserner Hand. Die Jugendlichen sollen hier nicht nur das Tanzen lernen, sondern auch Fertigkeiten, die sie zuhause und in der Schule nie beigebracht bekommen haben. Einige geben auf, andere schaffen es bis zur großen Aufführung. Begleitet von keinem geringeren Orchester als den Berliner Philharmonikern. Ein unglaublicher Schub für das Selbstvertrauen dieser Schüler. Manche wollen weiter machen. Sie haben Spaß am Lernen bekommen und sich vorgenommen, eine weiterführende Schule zu besuchen.

Es kann also Chancengerechtigkeit in der Bildung geben. Sie lässt sich jedoch nicht allein politisch verordnen. Sie ist auf das Engagement vieler einzelner angewiesen. Einzelner, die dort helfen, wo den Eltern die Möglichkeiten fehlen, ihre Kinder angemessen zu fördern. Je früher Chancenungerechtigkeit erkannt wird, desto früher kann sie aufgefangen und vielleicht sogar behoben werden. Lothar Gend will später Lehrer werden. Dadurch, so hofft er, könne er ein Stück weit dazu beitragen, mehr Kindern als bisher die gleichen Startvoraussetzungen zu eröffnen.

Ich würd mich auf jeden Fall in dem Bereich engagieren, ist ja klar.

Was ich mir vorstellen kann: Nachhilfeunterricht an der Schule organisieren, kann auch Hausgabenbetreuung sein. Ich würde auch einen Teil davon kostenlos machen, natürlich gezielt an die gerichtet, die es eben nötig haben.

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